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Die sanften Bestien

Große Raubsaurier – der erste Fund in Europa. Tyrannosaurus rex und seine Verwandten sind als reißende Bestien verschrien. Doch jüngste Forschungen beweisen: Die Echsen waren besser als ihr Ruf.

Die Iguanodon-Lichtung war zum Schauplatz eines schrecklichen Gemetzels geworden. Beim Anblick der Blutlachen und der riesigen Fleischklumpen, die über die Grasfläche verstreut lagen, glaubten wir zuerst, daß eine ganze Anzahl von Tieren abgeschlachtet worden sei. Aber bei näherer Untersuchung der Überreste entdeckten wir, daß alles von einem einzigen dieser plumpen Riesentiere stammte, das in Stücke gerissen worden war von einer Kreatur, die es vielleicht nicht an Größe, gewiß aber an Kraft übertraf.“

Der britische Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle entwarf 1912 in seinem Roman „Vergessene Welt“ kein gutes Bild von den Dinosauriern: Plumpe Riesen, gefräßige Kreaturen, die nach einer Mahlzeit ein blutgetränktes Schlachtfeld hinterlassen. Diese schaurige Vorstellung ändert sich nur langsam.

Viel diskutiert wird die Abstammung der Vögel von den Raubdinosauriern. Einige Wissenschaftler bestreiten dies, doch die Skelette vieler Raubdinosaurier sprechen für eine nahe Verwandtschaft. Erst im vergangenen Mai lieferten argentinische Paläontologen ein neues Indiz für die Hypothese, daß ein zweibeiniger Theropod der Vorfahr unserer Vögel gewesen ist: Unenlagia comahuensis – der „halbe Vogel“ – schließt vermutlich die Lücke zwischen Archaeopterix und den Theropoden Dromaesauridea. (s. Newsticker-Meldung v. 09.06.97)

Wie aber lebten die Dinosaurier? Wie zogen sie ihren Nachwuchs auf? Oft gibt der Zufall Antworten auf solche Fragen: So bereitete ein Sandsturm, der irgendwann vor etwa 65 bis 97 Millionen Jahren über die Wüste Gobi fegte, einer Kolonie brütender Dinosaurier ein plötzliches Ende – und bewahrte ihre Reste unversehrt bis heute auf. Dieser sensationelle Fund aus dem Jahr 1993 beweist, daß die Raubdinosaurier keineswegs Rabeneltern waren, wie die Forscher bislang vermuteten, sondern daß sich die Tiere sehr um ihre Brut kümmerten. Die Entdeckung erwies sich als Ehrenrettung für den Oviraptor, den „Eierdieb“, einen zwei Meter langen Theropoden aus der späten Kreidezeit der Mongolei: Sie waren keine Nesträuber sondenr fürsorgliche Eltern (s. Abb.). Die ersten fossilen Überreste des Räubers fanden Wissenschaftler vor 75 Jahren in der Nähe von Eiern, die man dem Theropoden Protoceratops andrewsi zuordnete. Was lag näher, als Oviraptor des Eierraubes zu bezichtigen?

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Doch mit der Entdeckung der Brutkolonie in der Wüste Gobi wurde der vermeintliche Eierdieb rehabilitiert: Paläontologen hatten nämlich nicht nur eine ganze Reihe von Dinosaurier-Nestern gefunden, sondern auch das Skelett eines Oviraptors, der über seinen Eiern brütend vom Sandsturm überrascht worden war.

Häufiger als Skelette sind Spuren von Dinosauriern im Sediment: Abdrükke, so groß, daß sie nur von einem prähistorischen Tier stammen können. Ihre Identifizierung ist allerdings äußerst schwierig, da jedes Tier einen individuellen Abdruck hinterläßt und Wind und Wetter die Fußspuren vor und nach der Versteinerung verändern. Auch Größe, Gewicht und Geschwindigkeit des Tieres beeinflussen die Form der Fußabdrücke im Sediment.

Wenn eine eindeutige Zuordnung gelingt, können die Fußspuren den Wissenschaftlern ganze Bände erzählen: von einer Herde pflanzenfressender Vierbeiner, einem angriffslustigen Rudel Theropoden, die über einen riesigen Brontosaurus herfallen, oder von einer Dinosaurier-Familie, die mit ihren Jungen auf dem Weg zu einer Wasserstelle war.

Leider bleiben die Geschichten meist nur Vermutungen, denn beweisen kann man sie letztlich nicht. Trotzdem sind Dinosaurier-Fußspuren nicht nur Anlaß für Spekulationen. „Aus den Fährten läßt sich beispielsweise die Geschwindigkeit eines Tieres errechnen“, erklärt Peter Wellnhofer, Hauptkonservator und stellvertretender Direktor der bayerischen Staatssammlung für paläontologische und historische Geologie und Hüter des deutschen Archaeopterix. Aus der Größe, dem Abstand und der Tiefe der Abdrücke kann die Schrittlänge und die Geschwindigkeit eines Tieres zuverlässiger bestimmt werden als aus der Skelett-Anatomie.

Nach wie vor unbewiesen ist die Behauptung des amerikanischen Paläontologen James Farlow. Er glaubt, daß Tyrannosaurus rex kaum die Geschwindigkeit eines Rennpferdes erreicht haben dürfte – denn einen Sturz aus vollem Lauf hätte das gigantische Tier seiner Meinung nach nicht schadlos überstanden.

Bislang nicht geklärt ist auch die Frage, ob Tyrannosaurier Jäger oder Aasfresser waren. Im Gegensatz zu Filmen wie „Jurassic Park“ oder „Vergessene Welt“, in denen T. rex mit seinen Kiefern wahllos Ziegen und Autos zermalmt, halten viele Wissenschaftler die Zähne der Giganten für zu schwach, um den Strapazen eines Kampfes mit einem Beutetier standzuhalten. Neue Ergebnisse einer amerikanischen Gruppe von Paläontologen scheinen jedoch die „bissige“ Film-Darstellung zu bestätigen.

Die Wissenschaftler des Museums für Paläontologie und Vertebraten-Zoologie der Universität Berkeley und Biomechaniker der Stanford Universität untersuchten nicht den Aufbau der Zähne – wie die meisten ihrer Kollegen. Sie interessierten sich für die Bißspuren auf den fossilen Resten der Beute: Beispielsweise die eines Tyrannosaurus rex auf den Knochen des gepanzerten Pflanzenfressers Triceratops.

Durch Simulationen mit den Triceratops-ähnlichen Knochen von Rindern gelang es den Wissenschaftlern, die maximale Bißstärke des Dinosaurier-Königs zu berechnen. Demnach hatte ein Tyrannosaurier die Kraft von maximal 13400 Newton, was der eines Krokodils entspricht. Zum Vergleich: Der Mensch hat eine maximale Bißstärke von 749 Newton, ein Wolf von 1412 Newton. Die Wissenschaftler haben damit zwar nicht bewiesen, daß sich Tyrannosaurus rex auf Beutefang begab. Aber sie konnten demonstrieren, daß seine Zähne durchaus kampftauglich waren.

Neue Funde haben in der Paläontologie immer wieder dazu geführt, daß bislang als wissenschaftlich gesichert geltende Ergebnisse in einem neuen Licht erschienen: Tyrannosaurus rex, der ehemals unumstrittene König der Dinosaurier, hat mittlerweile Konkurrenz aus Argentinien und Marokko bekommen. Und die ersten fossilen Muskelfasern eines Theropoden, die im vergangenen Jahr gefunden wurden, versprechen weitere Überraschungen aus dem Leben der faszinierenden Urwelt-Riesen.

Julia Thiele
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