Endlich hat's geklappt - wissenschaft.de
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Endlich hat’s geklappt

Er hat lange warten müssen. Jetzt wurde der deutsche Physiker Theodor W. Hänsch mit dem Nobelpreis geehrt.

„Jetzt haben wir’s geschafft“, strahlt Theodor W. Hänsch und schließt seine langjährige Garchinger Sekretärin Rosemarie Lechner in die Arme. Endlich hat es geklappt mit dem Nobelpreis, und der Laureat verplappert sich vor lauter Aufregung beim offiziellen Interview für die Website der Nobel Foundation: Er gibt zu, dass er seit Jahren heimlich darauf gehofft hat. Wie viele Jahre schon?, will die Interviewerin wissen. Da stockt er und lenkt schnell ab auf ein weniger verfängliches Thema.

Es geht eben alles Hals über Kopf an diesem denkwürdigen Dienstag Anfang Oktober, seitdem das Nobel-Komitee in seinem Institut in der Münchener Innenstadt anrief – Hänsch leitet nicht nur das Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching, sondern auch das Institut für Laserspektroskopie an der Universität München. Seine dortige Sekretärin Gabriele Gschwendtner stellte durch und wusste gleich, was es geschlagen hatte. Sofort organisierte sie Champagner, denn dass nun ein Sturm von Gratulanten über den Backsteinbau in der Schellingstraße hereinbrechen würde, war klar. In bester Laune empfing Hänsch kurz darauf seine beiden Chefs: den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, und den Rektor der Universität München, Bernd Huber. Danach war die Flut von Journalisten nicht mehr aufzuhalten.

Aber nur eine Stunde dauerte die Freude. Dann ließ sich Hänsch zum Flughafen fahren, wo er die Maschine nach San Francisco nahm. Ein anderer weltberühmter Physiker sollte dort am nächsten Tag gefeiert werden: Charles Townes, der Erfinder des Lasers, wurde 90. Aus diesem Anlass veranstaltete die University of California in Berkeley ein internationales Symposium, zu dem nicht weniger als 16 Nobelpreisträger anreisten. Im Rahmen eines Galadinners applaudierten die 900 Teilnehmer dem großen Pionier Townes, ohne dessen Genialität ihre eigene Arbeit gar nicht möglich geworden wäre. Hier durfte sich Theodor Hänsch ganz unter seinesgleichen fühlen, denn hier war die Elite der Laserforscher versammelt.

Dass ein Nobelpreisträger nicht nur in der wissenschaftlichen Community einen besonderen Status hat, sondern auch im Alltagsleben, erfuhr er schon beim Einchecken am Flughafen: „Erst wollte die Stewardess monieren, dass Professor Hänschs Koffer zu schwer sei“, empörte sich Rosemarie Lechner, die ihn begleitet hatte. „Da habe ich gesagt: Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie es hier zu tun haben? Dieser Mann hat vor einer Stunde den Nobelpreis erhalten! Da war der Koffer natürlich sofort kein Problem mehr.“

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Hänsch selbst hätte so etwas nie gesagt, lieber hätte er den Aufpreis für Übergepäck bezahlt. Trotz höchster Ehrungen, die er in den letzten Jahren erhielt – genau 28 sind bisher in seinem Lebenslauf aufgezählt –, ist er immer extrem bescheiden geblieben. Entweder hat er die Preisgelder in die Forschung gesteckt, wie die 1,55 Millionen Euro vom Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, oder er hat sie mit seinem Team geteilt. Seine Mitarbeiter glauben, dass er „lieber selbst weniger nimmt, damit alle anderen etwas abkriegen“. Geld ist ihm nicht wichtig, denn „er lebt in einer anderen Welt, der Welt der Physik“, sagt Rosemarie Lechner. Da muss auch das Privatleben meist zurückstehen, „denn die Forschungsgruppe ist seine Familie“ .

Auch wenn er manchmal etwas entrückt erscheint – sobald es um Wissenschaft geht, steht er mit beiden Beinen auf der Erde. Mit allen ist er per Sie, das Duzen nach amerikanischem Vorbild ist nicht seine Art. Trotzdem sind ihm seine Mitarbeiter sehr nahe. Er motiviert sie mit großem Geschick, klärt Probleme sofort, verhandelt und diskutiert mit Fingerspitzengefühl. So gelang es ihm, nicht nur persönlich erfolgreich zu sein, sondern auch seine Institute zu höchstem Ansehen zu führen.

Sicherlich ist Theodor W. Hänsch eine Ausnahmeerscheinung, was seine Kreativität und seine experimentelle Begabung betrifft. Gleichzeitig ist er aber auch die Verkörperung eines neuen Zeitgeistes in der deutschen Wissenschaftsszene. Da gibt es heute eine Generation von Professoren und Institutsleitern, die kreativ und mutig die Grenzen des Wissens immer weiter hinausschieben, über Fächergrenzen hinweg denken und ihre Studenten bestärken, sich in der Forschung zu engagieren. All dies funktioniert durchaus am häufig schlecht geredeten Forschungsstandort „D“, wie man an dem jetzt Ausgezeichneten sieht: Er arbeitet in seinem Heimatland und will auch gerne hier bleiben. Viele nehmen sein Beispiel als Zeichen für einen neuen Aufschwung der Wissenschaft in Deutschland.

Einen solchen Mann lässt man natürlich nicht gehen, wenn er am 30. Oktober 2006 sein Pensionsalter erreicht. Sowohl die Universität München als auch die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) wollen ihm „großzügige Möglichkeiten anbieten, die weit über seine reguläre Dienstzeit hinausreichen“, so der Sprecher der MPG, Bernd Wirsing. „Damit steht er in einer Reihe mit anderen großen Forscherpersönlichkeiten der MPG, die ebenfalls länger arbeiten.“ Auch Hänsch selbst hat in Interviews schon signalisiert, dass er über sein 65. Lebensjahr hinaus in der deutschen Forschung aktiv bleiben möchte.

So ist dieser Nobelpreis ein Grund zur Freude nicht nur für den Preisträger selbst, sondern auch für die gesamte Wissenschaft hierzulande. Sogar die Redaktion von bild der wissenschaft darf sich mitfreuen: Sie hatte den richtigen Riecher gehabt, als sie ein Porträt des Münchener Forschungs-Asses für die Oktoberausgabe 2002 in Auftrag gab. Sie können es aus gegebenem Anlass auf den folgenden Seiten noch einmal nachlesen. ■

Brigitte Röthlein

COMMUNITY INTERNET

Auf den Webseiten der Nobel Foundation in Schweden finden Sie eine Fülle von Informationen über die Nobelpreise:

nobelprize.org/

Gute Link-Sammlung rund um Hänsch und seine Forschung:

de.wikipedia.org/wiki/Theodor_W._Hänsch/

Ohne Titel

„Seit Menschengedenken“, schreibt die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften im Oktober 2005, „haben wir uns von optischen Phänomenen faszinieren lassen, und schrittweise verstehen wir besser, was Licht eigentlich ist. Mit dem diesjährigen Nobelpreis für Physik werden drei Forscher ausgezeichnet: Roy Glauber für seine theoretische Beschreibung des Auftretens der Lichtteilchen, und John Hall und Theodor Hänsch für ihre Entwicklungen der auf Laser gegründeten Präzisionsspektroskopie, das heißt, der Farbbestimmung des Lichts von Atomen und Molekülen mit äußerster Genauigkeit.“

Hänsch erhielt seinen Anteil insbesondere für die von ihm erfundene Frequenzkammtechnik. Es handelt sich um ein Verfahren, mit dem man die Farbe von Licht extrem genau messen kann. Das Herzstück ist ein so genannter Frequenzkamm, der aus Hunderttausenden scharfer Spektrallinien mit einem festen Frequenzabstand besteht. Er lässt sich wie eine Art Lineal verwenden: Will man die Frequenz (und damit die Farbe) einer bestimmten Strahlung bestimmen, so vergleicht man sie mit den Spektrallinien des Kamms, bis man die passende findet.

Diese Technik findet nicht nur in der Grundlagenforschung Anwendung: Sie dient weltweit als Basis für optische Frequenzmessungen. Damit spielt sie eine wichtige Rolle in der Laserentwicklung sowie bei optischen Atomuhren, die noch genauer sind als Cäsium-Atomuhren. Einen Prototyp entwickeln derzeit Physiker in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt unter der Leitung des Hänsch-Schülers Ekkehard Peik.

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