Feuerkugeln und Getöse - wissenschaft.de
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Astronomie+Physik

Feuerkugeln und Getöse

Meteoritenabstürze beginnen immer mit einer spektakulären Leuchterscheinung, gipfeln zuweilen in einem himmlischen Getöse und enden manchmal mit einem spektakulären Fund.

Zahlreiche Brocken aus der Anfangszeit des Sonnensystems streifen im All umher. Manche kommen der Erde bedrohlich nahe. Während immer mehr Planetoiden entdeckt werden, die so groß sind wie Häuser, Stadien oder ganze Bergmassive, bleiben kleinere Objekte den Teleskopen meist verborgen. Manche sind mit Felsen oder Steinen vergleichbar, die meisten haben aber lediglich Sand- oder Staubkorngröße. Dieser kosmische Schutt entsteht bis heute bei der allmählichen Auflösung von Kometen und bei der Kollision von Planetoiden. Trotz modernster Teleskoptechnik ist es für Astronomen extrem schwierig, selbst einige Meter große Objekte im All direkt zu beobachten. Mitunter findet man sie erst, wenn sie bereits an der Erde vorbeigeflogen sind.

Bislang einzigartig war ein Ereignis im Oktober 2008. Lediglich 20 Stunden vor seinem Absturz auf die Erde wurde ein – wie sich später zeigte – etwa fünf Meter großes Objekt jenseits der Mondbahn entdeckt. Kurz vor dem Aufprall hatten Astronomen den genauen Treffpunkt berechnet: im Nordsudan. Augenzeugen im südägyptischen Assuan berichteten von einem großen Lichtblitz im Süden. Am Morgen danach wurde eine ungewöhnliche Wolke am Himmel über der Grenzstadt Wadi Halfa gesichtet.

Nach dem Ereignis organisierte ein internationales Team von Wissenschaftlern eine Expedition in das berechnete Fallgebiet in der Nubischen Wüste. Dort entdeckten die Forscher allerdings keinen Krater, sondern die Spuren eines großen Meteoritenschauers. Überraschenderweise gehörten die Himmelssteine zu unterschiedlichen Klassen von Meteoriten. Das abgestürzte Objekt musste also eine Art Schutthaufen gewesen sein.

Auch in Deutschland sorgen große Meteoritenabstürze mitunter für Schlagzeilen, denn sie rufen ein spektakuläres Himmelsschauspiel hervor. Tatsächlich werden solche Feuerkugeln oder Boliden jede Woche irgendwo in Deutschland beobachtet. In der Ionosphäre, in über 90 Kilometer Höhe, leuchten sie weithin sichtbar auf – und enden oft schon in der oberen Stratosphäre, nach nur 50 Kilometern Flug. Die meisten Projektile zerbrechen bei ihrem Himmelssturz und lösen sich auf.

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Nur selten erreicht festes Material die Erdoberfläche. Am Abend des 5. Dezember 2011 wurde beispielsweise eine solche Feuerkugel, die sogar eine Meteorwolke zurückließ, über Deutschland beobachtet. Selbst in Italien, der Schweiz und in ganz Österreich war sie zu sehen.

FEUERKUGEL IN TÜRKIS

So klein der Eindringling auch ist – eine Feuerkugel mit Schweif hinterlässt einen imposanten Eindruck. Das Lichtobjekt erscheint oft als türkisfarbene Blitzkugel mit einem Durchmesser von bis zu einem Kilometer. Dahinter leuchtet lichtschwächer ein zumeist orangefarbener Plasmaschweif, der oft zehnmal länger ist, als die Kugel groß. Den abstürzenden Gesteinskörper kann man jedoch nicht direkt sehen. Auch hat die Helligkeit des Meteors nichts mit der Größe des Eindringlings zu tun, sondern hängt von der „Ablation“ ab, das heißt davon, wie schnell das Material abgetragen wird.

Besonders spektakulär war der Meteoritenfall „Neuschwanstein“ am 6. April 2002. Damals konnten tatsächlich Meteoriten gefunden werden – der bislang letzte anerkannte Meteoritenfall in Deutschland. Am 21. Januar 2004 gab es ein weiteres stark beachtetes Ereignis über Westdeutschland. Von vielen Menschen wurde das Donnergrollen eines mit Überschallgeschwindigkeit fliegenden Meteors gehört. Der Beweis für einen Meteoritenfall wurde allerdings nicht gefunden.

Es ist sehr schwierig, die Relikte einer Feuerkugel aufzuspüren, selbst wenn man das Fallgebiet berechnet hat. Nur wenige wissenschaftliche Institutionen – beispielsweise das Europäische Feuerkugelnetzwerk (EN) oder das European Research Center for Fireballs and Meteorites (ERFM) – versuchen systematisch, solche frischen Proben aus dem Weltraum aufzuspüren. Sie werten Feuerkugel-Ereignisse über Europa aus und dokumentieren diese sorgfältig. Das geschieht zum einem mit der technischen Hilfe eines Kameranetzwerks, zum anderen durch die Erfassung und Interpretation von Zeugenaussagen.

GERUCH NACH TEER ODER SCHWEFEL

Die empfindlichen Weltraumproben sollten rasch aufgespürt werden, denn das himmlische Material ist auf der Erde nicht mehr im chemischen Gleichgewicht und beginnt sofort sich zu verändern. Die Suche ist schwierig, dennoch werden in Europa immer wieder kleine Meteoriten gefunden, auch wenn sie nicht deutlich sichtbar in einem Vorgarten liegen oder ein Hausdach durchschlagen haben – was nur sehr selten geschieht.

Ungewöhnlich sind Meteoriten mit einem speziellen Geruch etwa nach Schwefel oder Teer und mit Kohlenwasserstoff-Verbindungen in ihrem Inneren. Auch das macht die Steine, die vom Himmel fallen, so faszinierend: Äußerlich wirken sie schwarz und verbrannt, aber ihre „inneren Werte“ sind für die Wissenschaft von großer Bedeutung. ■

von Thomas Grau

Augenzeugen gesucht

Liebe Leser, bitte melden Sie sich beim European Research Center for Fireballs and Meteorites (ERFM), wenn Sie eine spektakuläre Feuer- kugel beobachtet haben. Wenn Sie sogar Geräusche gehört haben und dem Ereignis zuordnen konnten, dann kontaktieren Sie das ERFM unbedingt! Sie erreichen es unter: www.erfm.eu

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Klei|der|bad  〈n. 12u; unz.〉 chem. Reinigung ohne anschließendes Bügeln

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