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Astronomie+Physik

FINGER IN DIE WUNDEN

Die Physik steckt bei der Jagd nach der Weltformel in der Sackgasse, meint Alexander Unzicker. Er fordert die Rückkehr seiner Zunft zu überprüfbaren Experimenten.

„Kosmologen haben oft Unrecht, aber nie Zweifel.“ Dieser Satz, den der Physik-Nobelpreisträger Lev Landau vor über 40 Jahren formulierte, hat bis heute nichts von seiner Brisanz verloren. Im Gegenteil: Die Kosmologie, ja, die Physik überhaupt, stehen zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor großen Herausforderungen: Das Standardmodell der Teilchenphysik benötigt dringend Be- stätigung durch die Entdeckung neuer Partikel, allen voran des Higgs-Bosons. Die Existenz von Dunkler Materie und Dunkler Energie, die zusammen 95 Prozent der Energiedichte des Universums ausmachen sollen, harren einer schlüssigen Erklärung. Und zu allem Überfluss passen die beiden Säulen des modernen physikalischen Weltbildes – Quantenmechanik und Relativitätstheorie – nicht zusammen.

Hier setzt Alexander Unzicker an. Er unterrichtet an einem Münchner Gymnasium Mathematik, Physik und Astronomie und ist Gutachter für diverse Fachzeitschriften. Außerdem verfasst Unzicker Beiträge über Kosmologie und Gravitationsphysik. Unzicker will sich keineswegs mit den ausgetretenen Pfaden seiner Disziplin abfinden. Und er ist nicht der Einzige: Forscher wie Lee Smolin oder Roger Penrose machen ihrem Unmut ebenfalls Luft. Aber Unzicker ist der Radikalste im deutschen Sprachraum. Er ist überzeugt: Die Physik steckt auf der Jagd nach der Weltformel in einer Sackgasse. Der theoretische Überbau und die immer wieder neuen mathematischen Konstrukte (allen voran die Strings) erinnern ihn an die ominöse Epizykeltheorie, mit der die antiken Naturforscher versuchten, das geozentrische Planetenmodell zu retten. Unzicker mahnt die Physiker, sich wieder mehr auf das Experiment als Werkzeug der Erkenntnis zu stützen.

Auch wenn es der Buchtitel auf den ersten Blick suggeriert: Unzicker gehört keineswegs zu den Propheten einer dubiosen Physik. Zielgenau legt er die Finger in die Wunden der etablierten Wissenschaft. Seine Argumente sind häufig stichhaltig, mindestens aber diskussionswürdig. Da wäre es gar nicht notwendig gewesen, mit Kapitelüberschriften wie „Präzision im Kaffeesatz“ oder „Am Treffpunkt des Unwissens“ zu provozieren. Und dass der Autor penetrant auf seine persönlichen Kontakte zu den Besten seiner Zunft hinweist, ist einfach nur peinlich. Helmut Hornung

Alexander Unzicker VOM URKNALL ZUM DURCHKNALL Springer, Berlin/Heidelberg 2010 330 S., € 24,95 ISBN 978–3-642–04836–4

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