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Krabbeln als Kind, aufrecht als Erwachsener

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Die Rekonstruktion von Psittacosaurus mongoliensis, einem Verwandten der jetzt untersuchten Dinos, zeigt: Die Vorderbeine waren bei den Erwachsenen deutlich kürzer als die Hinterbeine; die Tiere liefen also vermutlich mehr oder weniger aufgerichtet auf zwei Beinen. (Nobu Tamura, http://spinops.blogspot.com)
Sie waren eher klein, hatten einen papageienartigen Schnabel und lebten vor mehr als 100 Millionen Jahren in Asien: die Dinosaurier der Gattung Psittacosaurus. Alle existierenden Rekonstruktionen zeigen die Tiere, wie sie – leicht gebückt – auf ihren zwei kräftigen Hinterbeinen umherliefen. Doch das ist möglicherweise nicht die ganze Geschichte, zeigt nun eine Studie aus Großbritannien: Zumindest bei einer Art, Psittacosaurus lujiatunensis, scheinen die Jungtiere noch nicht auf zwei Beinen, sondern eher auf allen Vieren gelaufen zu sein – und sich erst später zu ihrem typischen Gang aufgerichtet zu haben.

Psittacosaurus gehört zu den Dinosauriern, von denen es massenweise Funde gibt. Mehr als 1.000 Skelette wurden bereits in China und anderen Teilen von Asien aufgespürt. Dennoch war die Untersuchung, die Qi Zhao im Rahmen seiner Doktorarbeit an der University of Bristol durchführte, nicht ganz alltäglich, denn er zerstörte die Knochenproben, die er untersuchte: Er entnahm Proben aus den Überresten von insgesamt 16 Exemplaren von P. lujiatunensis, die unterschiedliche Größen besaßen und damit unterschiedlichen Altersgruppen angehörten.

Vom Neugeborenen bis zum Erwachsenen

Die drei jüngsten waren sozusagen gerade erst geschlüpft – sie waren mit Sicherheit noch kein Jahr alt und damit die kleinsten Psittacosaurier, die jemals untersucht wurden, berichtet das Team. Neun weitere waren zum Zeitpunkt ihres Todes etwa zwei Jahre, eines ungefähr drei Jahre und die restlichen alle älter als fünf Jahre alt. Das älteste Tier war mit zehn Jahren bereits ausgewachsen. Interessant seien dabei die Konstellationen gewesen, in denen die Saurier aufgefunden wurden, merken die Forscher an: Die jungen, unter Dreijährigen stammten alle aus nestartigen Clustern, in denen sich offensichtlich mehrere etwa gleich alte Dinos eng zusammenkauerten – und so auch gemeinsam den Tod fanden, etwa infolge eines Vulkanausbruchs. Von den älteren Tieren war dagegen kein einziges mit einem solchen Cluster assoziiert, es scheint sich also eher um Einzelgänger gehandelt zu haben.

Neben der mikroskopischen Untersuchung bewerteten Zhao und seine Kollegen noch die Längenverhältnisse von Oberarmknochen, Speiche, Elle, Oberschenkelknochen und Schien- oder Wadenbein bei den Tieren. Dabei entdeckten sie frappierende Unterschiede zwischen den Knochen der jungen und der alten Dinosaurier: Mit einem Jahr hatten die Dinos beispielsweise vergleichsweise lange Vorder- und kurze Hinterbeine. Daraus lasse sich schließen, dass sie in diesem Alter noch auf allen Vieren über den Boden wuselten, sind die Paläontologen überzeugt. Das blieb vermutlich auch so, bis die Echsen etwa drei Jahre alt waren: Laut der Beschaffenheit der Proben wuchsen die Armknochen bis zu diesem Zeitpunkt nämlich besonders schnell.

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Die Hinterbeine gewinnen an Boden

Im Alter von vier bis sechs Jahren verlangsamte sich dann das Wachstum der vorderen Extremitäten deutlich, zeigten die Untersuchungen. Parallel dazu scheinen die Hinterbeinknochen einen massiven Wachstumsschub hingelegt zu haben. Vermutlich übernahmen sie in dieser Phase nach und nach die Regie über die Bewegungen, während sich gleichzeitig der Gleichgewichtssinn verbesserte, interpretiert das Team. Bei den ausgewachsenen Psittacosauriern waren die Hinterbeine schließlich knapp doppelt so lang wie die Vorderbeine – eine essenzielle Voraussetzung dafür, dass die Tiere überhaupt aufrecht gehen konnten.

Wie schnell diese Veränderung der Körperhaltung beim Laufen tatsächlich vonstattenging und wie absolut sie war, können die Forscher allerdings nicht sagen. Vermutlich handelte es sich eher um einen graduellen Prozess. Es sei beispielsweise möglich, dass die frisch geschlüpften Jungtiere zwar hauptsächlich auf allen Vieren unterwegs waren, sich jedoch bereits aufrichteten, wenn große Geschwindigkeiten gefordert waren. Umgekehrt könnten auch Erwachsene wieder in den Vierfüßergang verfallen sein, wenn sie sich sehr langsam bewegten.

Die Frage von Henne und Ei

In Bezug auf die Evolution der Bewegungsart der Dinosaurier bleibe allerdings eine Frage: Was kam grundsätzlich zuerst, der zweibeinige oder der vierbeinige Gang? Beides sei denkbar, kommentiert das Team. Es gibt beispielsweise Hinweise darauf, dass es nicht nur Arten gab, bei denen die Jungen Vier- und die Erwachsenen Zweibeiner waren, sondern auch das Umgekehrte – Jungtiere liefen auf zwei Beinen und gingen später zu einem vierbeinigen Laufstil über. Bei den Psittacosauriern ist vor allem ein Blick auf ihre Nachfahren und Verwandten interessant: Sie sind frühe Vertreter der Gruppe der Ceratopsia, deren spätere Angehörige ausschließlich auf vier Beinen liefen – der bekannteste unter ihnen ist sicher der gehörnte Triceratops. Die Forscher hoffen nun, mit Hilfe weiterer Knochenvergleiche der Antwort näher kommen zu können.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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