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Mit Erdgas gegen den Klimawandel – diese Rechnung geht nicht auf!

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Credit: Thinkstock
Der Vorteil scheint klar auf der Hand zu liegen: Erdgas erzeugt im Vergleich zu Kohle bei der Verbrennung nur etwa die Hälfte des Treibhausgases CO2 pro Energieeinheit. Doch wer sich von dem boomenden Energieträger einen entsprechend verlangsamenden Effekt auf die Klimaerwärmung erhofft, hat die globalen Markteffekte nicht mit einberechnet, warnen nun Forscher: Die Erhöhung des globalen Gasangebots wird auf den Märkten eine Anpassungsdynamik auslösen, die den Vorteil der vergleichsweise niedrigeren Emissionen wieder zunichte machen würden, zeigen Computersimulationen.

Vor allem in den USA haben neue technische Möglichkeiten in den letzten Jahren zu einem Boom bei der Erdgasförderung geführt. Vor allem das sogenannte Fracking hat die Branche revolutioniert: Bei diesem Verfahren wird durch das Einpressen von Flüssigkeit in Schiefergestein bisher unzugängliches Erdgas freigesetzt. „Der globale Einsatz neuer Produktionstechnologien könnte die weltweite Erdgasproduktion bis zum Jahr 2050 verdoppeln oder verdreifachen“, sagt Studienleiter Hawon McJeon vom US-Energieministerium. Welche wirtschaftlichen Auswirkungen dies im globalen Energiesektor mit sich bringen würde, ist allerdings bislang nicht umfassend erforscht.

Dieser Frage haben sich fünf Forschungsgruppen aus Deutschland, den USA, Österreich, Italien und Australien gewidmet. Sie haben berechnet, wie die Welt im Jahr 2050 mit und ohne Erdgas-Boom aussehen könnte. Sie verwendeten dazu fünf verschiedene Simulationsmodelle, die nicht nur Produktion und Verbrauch von Energie erfassen, sondern ein breites Spektrum von Wirtschaftssektoren sowie das Klimasystem einbeziehen.

Klimawandel durch Markteffekte

„Als wir bei unserem Modell kaum Veränderungen bei den Treibhausgasemissionen bemerkten, dachten wir zuerst, wir hätten einen Fehler gemacht, weil wir mit einer erheblichen Emissionsverminderung gerechnet hatten“, sagt Co-Autor James Edmonds vom Joint Global Change Research Institute des US-Energieministeriums. „Aber als alle fünf Modellierteams uns berichteten, dass sie ebenfalls kaum Unterschiede hinsichtlich des Klimawandels erkennen konnten, wussten wir, dass wir da etwas Neuem auf der Spur waren.“

Unterm Strich kommen die Forscher zu dem Ergebnis: Die Markteffekte könnte bis zur Mitte des Jahrhunderts zu bis zu zehn Prozent höheren CO2-Emissionen führen, statt den Kohlendioxid-Ausstoß insgesamt zu senken. „Das zusätzliche Angebot von Gas lässt dessen Anteil am Energie-Mix steigen, aber hierdurch wird nur eine sehr begrenzte Menge Kohle ersetzt – und es könnten auch emissionsarme erneuerbare Energien und Kernenergie ersetzt werden“, sagt Co-Autor Nico Bauer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Leider erweist sich die Hoffnung als irrig, dass Erdgas wegen seiner technischen Überlegenheit im Vergleich zur Kohle absehbar zu einer Verringerung der Erderwärmung beitragen kann. Das stark erhöhte Angebot von Erdgas führt zu einem Preisverfall und einer Ausweitung der gesamten Energie-Versorgung.“ Darüber hinaus verursacht eine erhöhte Gasproduktion auch einen höheren Ausstoß des starken Treibhausgases Methan, das aus Bohrungslecks und Rohrleitungen entweichen kann.

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Technologie kann Klimapolitik nicht ersetzen

Den Forschern zufolge geht aus der Studie klar eine Botschaft hervor: „Die Ergebnisse zeigen, dass eine wirksame Stabilisierung des Klimas nur durch eine Bepreisung von Emissionen erreicht werden kann – und das erfordert internationale politische Zusammenarbeit und verbindliche Vereinbarungen“, erklärt Ottmar Edenhofer vom PIK. „Technologische Fortschritte können die Kosten der Klimapolitik reduzieren – aber sie können die Klimapolitik nicht ersetzen.“

Quellen:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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