Neue Besatzung zur unbemannten Weltraumstation Mir gestartet - wissenschaft.de
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Astronomie+Physik

Neue Besatzung zur unbemannten Weltraumstation Mir gestartet

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Russland hat am Dienstag erstmals wieder eine neue Besatzung zu der seit sieben Monaten menschenleeren Weltraumstation Mir geschickt. Die beiden Kosmonauten Sergej Saletin und Alexander Kaleri sollen am Donnerstag an die «eingemottete» Mir andocken und sie aus dem Tiefschlaf wecken.

Mit einer Sojus-Rakete hoben sie um 7.01 Uhr MESZ problemlos vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan ab. Der Start des neuen Teams zu der wegen Geldmangels beinahe aufgegebenen Station bedeutet neue Hoffnung für die einst glorreiche russische Raumfahrt, der mit dem Ende der Mir die Zweitrangigkeit droht. In dem mehr als 14 Jahre alten Weltraumquartier steht den Raumfahrern nicht nur ein überfälliger Frühjahrsputz bevor. Aus der Station entweicht ständig Luft, und allererste Aufgabe wird sein, das Leck zu finden. Die Mission soll zwischen 45 und 75 Tagen dauern. Ob danach eine neue Besatzung folgt, ist bislang wegen der Finanzprobleme unsicher. Möglicherweise muss die Station dann wieder unbemannt in der Umlaufbahn treiben.

Für den 37-jährigen Bordkommandanten Sergej Saletin ist es die erste Mission zur Mir. Sein Bordingenieur Alexander Kaleri (43) kennt sich dagegen gut in der Station aus, er fliegt schon zum dritten Mal zur Mir. Am Dienstag manövrierte sich das Team mit dem Codenamen «Jenissej» – wie der Fluss in Sibirien – bereits zwei Mal dicht an die Mir heran, um die Triebwerke ihres Raumschiffs zu testen.

Verabschiedet wurden die Weltraumreisenden am Boden unter anderem von dem Schauspieler Wladimir Steklow, der trotz monatelanger Vorbereitung kurz vor dem Start aus der Besatzung geworfen wurde. Seine Produktionsfirma hatte das Geld für den Flug nicht rechtzeitig überwiesen. Steklow sollte in der Station Szenen für einen Spielfilm über den letzten Kosmonauten an Bord der Mir drehen. «Ich komme bald zu Besuch», versprach Steklow.

Zuletzt waren russische Raumfahrer am 20. Februar 1999 ins All gestartet, vor mehr als einem Jahr. Die pannengeplagte, alternde Mir sollte im Frühjahr wegen Geldmangels aufgegeben und im Pazifik versenkt werden. Die Regierung und die russische Weltraumagentur fanden jedoch private Investoren, die eine Fortsetzung des Mir-Fluges zum Teil finanzieren. Jetzt wollen die russischen Behörden die Mir mindestens bis Anfang 2001 in der Umlaufbahn halten. Die westlichen Geldgeber planen allen Ernstes, die Mir in ein Weltraumhotel für Touristen zu verwandeln, und erwägen sogar einen Börsengang.

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Bei der US-Weltraumagentur NASA sorgte der Weiterbetrieb der Mir für Ärger. Die russische Wiederbelebungsaktion im All droht den Aufbau der internationalen Weltraumstation ISS zu verzögern. Für den Flug der neuen Mir-Besatzung und Versorgungstransporte werden Trägerraketen eingesetzt, die eigentlich für Starts zur ISS vorgesehen waren. Ob die Raketen später wie versprochen nachgeliefert werden, steht angesichts der russischen Geldprobleme in den Sternen.

Ein Ausweg aus der Finanzkrise? – Kosmodrom Baikonur sucht Touristen Baikonur (dpa) – Alexej Iwanowitsch Wassilijew hat die Hälfte seines Lebens Raketen ins All geschickt. «Nach den ersten 100 habe ich aufgehört, zu zählen», sagt der 64-jährige, der im eisigen Wind der kasachischen Steppe an der gerade renovierten Rampe Nummer sechs eine Sojus-Rakete startklar macht. Doch trotz aller Routine sind die spektakulären Bilder eines Starts vom Kosmodrom in Baikonur für ihn noch immer faszinierend. Zahlende Touristen aus dem Westen sollen sie demnächst ebenfalls bewundern dürfen. Was selbst Film-Spion James Bond vor wenigen Jahren noch vor ärgste Probleme gestellt hätte, soll nun als Touristen-Attraktion Devisen bringen: ein Blick auf den ältesten und größten Weltraumbahnhof der Welt in Baikonur.

Denn das europäisch-russische Raketen-Unternehmen Starsem will die Anlage dem Tourismus öffnen. «Wir stehen kurz vor dem Abschluss entsprechender Verhandlungen mit einem Reiseunternehmer», sagt Starsem-Finanzchef Laurent Safar. Voraussichtlich ab September soll es losgehen. Um die 10 000 Franc (3 000 Mark) – so Safar – sind für den einwöchigen Trip in die kasachische Steppe anvisiert, Raketenstart inklusive. Der wohl auch nach wie vor geschäftigste Weltraumbahnhof der Welt beginnt sich auf der Suche nach einer Überlebensstrategie für den Westen zu öffnen – und damit eben auch für den Tourismus.

Es ist quasi ein Nebeneffekt der industriellen Kooperation. Denn Starsem vermarktet die zwar veralteten, aber bewährten und somit preiswerten Sojus-Raketen. Um westlichen Satellitenkunden in Baikonur jedoch den Standard zu bieten, den sie an anderen Plätzen geboten bekommen, musste erst einmal eine Infrastruktur vor Ort geschaffen werden. Rund 30 Millionen Dollar (etwa 60 Millionen Mark) waren nötig – ein Teil davon ging in die Errichtung eines 120-Betten-Hotels mit gehobenem westlichen Standard. Immerhin war Baikonur jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet und damit top-geheime Militäranlage. Luxus und Komfort waren hier Fremdwörter. Selbst der Name war Tarnung – die Anlage wurde 1955 nach einem 300 Kilometer entfernten Ort bezeichnet.

Um das gemeinsam mit Italienern erbaute Hotel nicht nur bei Satellitenstarts mit Kunden, Technikern und Wissenschaftlern zu füllen, soll Industrie-Tourismus ein willkommenes Zusatzgeschäft bieten. Ähnlich wie das Airbus-Werk in Toulouse, das jährlich mehr als 20 000 zahlende Gäste durch seine Hallen führt, zielt das Angebot auf Technik-Fans und ihre Familien. Der Ort, an dem am 4. Oktober 1957 mit dem Start des ersten künstlichen Satelliten «Sputnik» das Weltraumzeitalter eingeläutet wurde, ist dafür wie geschaffen.

Raketenstarts sind hier Alltagsgeschäft. Während nur wenige Kilometer entfernt friedlich die Kamele grasen, steigen heute vom Startplatz im Wochentakt Sojus, Proton und andere Geschosse auf einem weithin sichtbaren Feuerschweif ins All. Eine halbe Stunde nach dem Abheben treten an der Startrampe kasachische Putzkommandos bereits auf den Plan. «Früher gab es alle zwei Tage einen Start», sagt Raumfahrt-Experte Alexander Soldatenkow. Niemand auf der Welt kann auf eine größere Start-Erfahrung zurückblicken als er.

Der 73-jährige, der noch Juri Gagarin in Baikonur abheben sah, hatte als verantwortlicher Direktor direkte Verantwortung für mehr als 600 Starts. 1983 rettete seine schnelle Reaktion drei Kosmonauten das Leben, als er das Rettungssystem nach ersten Hinweisen auf Fehlfunktionen auslöste. «Drei Sekunden später explodierte die Rakete auf der Startrampe», erinnert er sich. Mit Wehmut beobachtete er nach Auflösung der UdSSR den Verfall, der an den Anlagen des 50 Quadratkilometer großen Kosmodroms nagte.

Heute blüht in den Ruinen wieder frisches Leben. «Wir erleben hier gerade einen fantastischen Neubeginn», sagt er mit Blick auf Europäer und Amerikaner, die seit kurzem auch von Baikonur aus Satelliten ins All schießen lassen. In den riesigen Hallen, die über Jahre leer blieben, entstanden moderne Trockenräume für Satelliten, Büros und Kantinen. Einen besonderen Glücksgriff taten dabei die Europäer von Starsem: Sie sitzen in der Halle, in dem einst die später aufgegebene Eroberung des Mondes durch die mächtige N-1-Rakete vorbereitet wurde.

In der angeschlossenen 50 Meter hohen Nachbarhalle thront als Symbol des Niedergangs wie auch der einstigen Größe sowjetischer Ingenieurskunst der Raumgleiter Buran auf einer der mächtigen Energija-Raketen. Geldmangel behinderte aber bemannte Testflüge. Heute ruht er als potenzielle Tourismus-Attraktion unterm Hallendach.

Wo Raketen noch von Hand gemacht werden – auch der Westen setzt auf Sojus In der traditionsreichen Raketenfabrik TsSKB – Progress im russischen Samara beginnt der Griff zu den Sternen schon in der Kantine. «Sputnik» heißt der Wodka, der hier kredenzt wird – nach dem ersten künstlichen Satelliten, der einst das Raumfahrtzeitalter weltweit eingeläutet hat.

Aus jener Zeit stammt auch der Sojus-Raketentyp, der schon Juri Gargarin als ersten Menschen ins All beförderte. Es ist die älteste und zugleich zuverlässigste Rakete der Welt. Was der VW-Käfer lange Zeit auf der Straße war, ist sie auf dem Weg ins All noch heute. 1 650 Mal wurde sie bisher eingesetzt – Weltrekord!

Ihre robuste und einfache Technik macht sie auch für den Westen attraktiv, der sie nun als preiswertes, erprobtes Transportvehikel entdeckt. Das europäisch-russische Raketenunternehmen Starsem hat damit 1999 einen ganzen Satz von 24 Globalstar-Satelliten ins All befördert und einen Umsatz von einer Milliarde Franc (290 Mio DM) erzielt.

Auch die Europäische Raumfahrtorganisation ESA vertraute ihr den ersten Auftrag an. Andere potenzielle Kunden wie die internationale Eumetsat-Organisation oder die Dornier Satellitensysteme haben bereits zu rechnen angefangen.

«Die Sojus-Technik ist zwar veraltet, aber hundertfach bewährt und dabei von geradezu eleganter Einfachheit», schwärmt der Dornier- Manager Axel Kopsch in Samara. Seit 1958 werden Sojus-Raketen in der russischen Wolgastadt gebaut – in einer Fabrik, die ihre Ursprünge in der Fahrradfabrik des Deutschen Otto Müller hat. Das spätere Auto- und Flugzeugwerk (ab 1941) produzierte 17 000 Militärmaschinen und wurde in den 50er Jahren das Raketenwerk der Sowjetunion schlechthin. Der Blick in die riesige Werkshalle ist auch heute noch spektakulär. «Hier werden die Raketen noch von Hand gemacht», sagt ein französischer Techniker, der sich beim Rundgang in die 60er Jahre zurückversetzt fühlt.

Rund 50 mächtige Raketenbauteile lagern hier auf nostalgisch anmutenden Metallschlitten. Das etwas angestaubte Ambiente aus Sowjettagen sowie der bröckelnde Putz täuschen: Die Arbeit hat Weltniveau. Westliche Experten sind des Lobes voll über die präzise Arbeit und die pfiffigen Ideen, mit denen komplizierte Probleme technisch einfach gelöst wurden.

Zwei der Raketen, die in der Werkshalle lagern, sollen demnächst den Transport von Mensch und Material zur geplanten Internationalen Raumstation sicherstellen. Andere sind für den Transport der europäischen Cluster-Satelliten vorgesehen.

Ein gestrenger Lenin überblickt auch heute noch von einem Bild der Stirnseite des Konferenzsaals aus das Geschehen in der Fabrik. Zu Spitzenzeiten wurden dort bis zu 60 Sojus-Raketen pro Jahr gefertigt. «Heute sind es im Schnitt zwischen 20 und 30 Stück», sagt Werksleiter Alexander Kirilin. Viele werden auf Halde produziert: «Wir warten nicht auf Aufträge, wir haben immer zehn Raketen in Arbeit.» Die Halbierung der Produktion sei ein Ergebnis der längeren Lebensdauer heutiger Satelliten. «Wir wünschen uns mehr Aufträge», fügt er aber hinzu. Nur noch 60 Prozent stammen vom Militär; der Rest entfällt bereits aufs Zivilgeschäft.

Anders als bei der europäischen Ariane-Rakete, die senkrecht stehend zusammengebaut wird, werden Sojus-Raketen in der Waagerechten montiert. Diese Technik geht noch auf deutsche Ursprünge zurück. Raketentechniker aus Peenemünde hatten in der Sowjetunion die von Hitler als so genannte Vergeltungswaffe eingesetzten V-2-Raketen nachgebaut und verbessert. Das wurde die Grundlage für die Sojus-Raketen. «Wir benötigen 18 Monate für den Bau einer Sojus-Rakete – wenn es sein muss, geht es aber auch in sechs», sagt Starsem-Mitarbeiter Wladimir Kotine.

Das Unternehmen, an dem Europas neuer Luft- und Raumfahrtkonzern EADS über die französische Aerospatiale Matra SA 35 Prozent der Anteile besitzen wird, vermarktet die Sojus-Raketen. Beteiligt ist auch der Betreiber der Ariane-Raketen, Arianespace SA, für den die Sojus ein günstiges Zusatzangebot ist.

«Für einen Satellitentransport mit einem Basismodell kann man bei der Ariane 4 von bis zu 140 Millionen Dollar ausgehen, bei einer Sojus von 45 Millionen Dollar», rechnet Starsem-Finanzchef Laurent Safar vor. Ihm schwebt vor, die Uralt-Raketen vom Ariane-Startplatz in Kourou (Französisch-Guyana) aus zu starten. Die Nähe zum Äquator würde ihre Nutzlast glatt verdoppeln.

Andrej Sokolow und Ralf E. Krüger, dpa
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Poin|ter  〈[pn–] m. 3; Zool.〉 kurzhaariger, gescheckter engl. Vorstehhund [engl., ”Vorstehhund, Hühnerhund“]

Corona-Philosophie

In der Süddeutschen Zeitung hat heute die philosophische Verdauung der Coronakrise begonnen. René Schlott warnt in einem Zwischenruf, die offene Gesellschaft würde „erwürgt, um sie zu retten“. Das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit, das auch die Debatte um den richtigen Umgang mit dem Terrorismus prägt, hatten wir hier auf Gesundheits-Check ebenfalls kurz angerissen. Zwar folgt René Schlott nach meinem Geschmack zu sehr dem Alarmismus 2. Art, also der übertriebenen Warnung davor, dass die Regierungen gerade in Sachen Gesundheitsdiktatur üben – das Pendant zum Alarmismus 1. Art, dass wir alle am Virus sterben und die Regierung am besten alle Kranken in Lager stecken sollte, aber die von René Schlott aufgerufene Frage danach, was die Coronakrise von unserem Verständnis von Liberalität übrig lässt, ist natürlich trotzdem berechtigt. Etwas unbehaglich darf einem schon werden, wenn mit dem Rechtsinstrument der „Allgemeinverfügung“, einer Form des Verwaltungsakts nach § 35 VerwVfG, im Vollzug des Infektionsschutzgesetzes, etwa § 28 IfSG, so weitreichende Einschränkungen der Grundrechte in Gang gesetzt werden, wie wir das zurzeit erleben.

Ein zweiter Artikel, von Alexander Menden, beschäftigt sich der Strategie oder der fehlenden Strategie zum Umgang mit dem Virus in Großbritannien. So ganz klar ist ja nicht, was man dort plant. Alexander Menden geht davon aus, die britische Regierung folge einem utilitaristischen Ansatz. Er stützt sich dabei auf eine Äußerung des Regierungsberaters Patrick Vallance, mit einer Durchseuchungsrate von 60 % würde man gezielt eine Herdenimmunität aufbauen. Proteste weltweit haben daraufhin den britischen Gesundheitsminister Matt Hancock veranlasst, zu sagen, das sei ja so gar nicht geplant – was eben die Frage aufwirft, was denn dann geplant ist. Nach den „Planungen“ von Boris Johnson zum Brexit befürchte ich Schlimmstes.

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Die Proteste gegen die Herdenimmunitäts-Strategie von Vallance haben vor allem ins Feld geführt, dass damit viele tausend Tote aus den vulnerablen Gruppen in Kauf genommen würden. Alexander Menden zitiert dazu Johnson mit einer unfreiwillig komischen Aussage: „Ich muss zur britischen Bevölkerung ehrlich sein: mehr Familien, viel mehr Familien werden geliebte Angehörige früher verlieren als erhofft.“ Nun, hoffen wir mal, dass das ein Übersetzungsfehler war und kein Freudscher Fehler der Erbengeneration.

Utilitarismus ist kein Rechenfehler

Aber ist, wie Alexander Menden schreibt, aus utilitaristischer Sicht „der Fall klar“? Wäre aus utilitaristischer Sicht die Durchseuchung wirklich „nicht nur sinnvoll, sondern geradezu ethisch geboten“? Seine Begründung: „Selbst bei einer hohen Sterberate wie jener in Italien wäre der weit überwiegende Teil der Bevölkerung dann vor dem Virus sicher. Der größte Nutzen für die größte Menge wäre gewährleistet.“

Das ist nun in jeder Hinsicht grober Unfug. Wenn 60 % der Bevölkerung infiziert werden müssen, um eine Herdenimmunität herzustellen, ist nicht der „weit überwiegende Teil der Bevölkerung“ vor dem Virus sicher, es sei denn, in Großbritannien sind 40 % mehr als 60 %. Wie gesagt, beim Brexit hat man vielleicht auch so gerechnet und wenn man die Meinungsfreiheit in der Mathematik hochhält, mag das irgendwie o.k. sein. Des Weiteren würde die Überlastung des Gesundheitswesens während einer schnellen Durchseuchung mehr und nicht weniger Sterbefälle kosten als bei einer „Flatten the curve“-Strategie, wie sie Deutschland verfolgt. Man würde zudem auch noch darauf verzichten, dass man eventuell schon vor einer Durchseuchung von 60 % der Bevölkerung eine Impfung hat, wenn man die nötige Zeit durch eine „Flatten the curve“-Strategie gewinnen kann.

Es mag also sein, dass Großbritannien eine andere politische Kultur hat als Kontinentaleuropa, so das Fazit Alexander Mendens, aber gut begründet ist das in dem Fall mit dem Stichwort Utilitarismus nicht. Eher hat man es hier mit einer pathologischen Deformationen des Trolley-Problems zu tun: Darf ich mehr Menschen opfern, um weniger Menschen zu retten, wenn ich glaube, mehr Menschen zu retten?

Menden kommt des Weiteren darauf zu sprechen, dass vielleicht auch bei uns noch utilitaristische Abwägungen anstehen, etwa wenn es darum geht, sich zwischen der Beatmung eines alten „Rauchers mit Diabetes“ und einer jungen, bisher gesunden „Unternehmerin und Mutter zweier Kinder“ zu entscheiden. In der Tat wäre das die Denkwelt utilitaristischer Strategien, wie sie in der Gesundheitsökonomie auch sonst gang und gäbe sind. Genau diese Logik ist z.B. der Evaluation von Maßnahmen anhand des Outcomes „QUALYs“, der qualitiätsadjustierten Lebensjahre, inhärent. Dass Menden eine „Unternehmerin“ für sein Beispiel anführt, zeigt, wie heikel die dabei zum Tragen gebrachten Nützlichkeitsbewertungen eines Menschenlebens sein können.

Wald|ohr|eu|le  〈f. 19; Zool.〉 mittelgroße Eule der einheimischen Nadelwälder mit Federohren: Asio otus

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