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Urzeit-Wasserläufer im Plattenkalk

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Das neuentdeckte Fossil des ältesten bekannten Wasserläufers (André Nel)
Vor rund 150 Millionen Jahren glichen große Teile Bayerns, aber auch einige Gebiete entlang der Rhone in Frankreich, einer tropischen Lagune: Flache, von Riffen gesäumte Meeresgebiete dominierten die Landschaft, durchsetzt von kleinen und größeren Inselchen. Hier entwickelte sich nicht nur eine reiche Tier- und Pflanzenwelt, die im feinen Plattenkalk dieser Ära eingeschlossenen Fossilien zählen auch weltweit zu den am besten erhaltenen aus dieser Zeit. Im französischen Teil dieser Lagerstätte haben Forscher nun gleich mehrere besondere Funde gemacht: Sie entdeckten den ältesten bekannten Wasserläufer und deutliche Fraßspuren von Käferlarven an Blättern.

Die Solnhofer Plattenkalke sind weltweit berühmt. Denn aus diesen bayrischen Fossillagerstätten stammen unter anderem die Fossilien des Urvogels Archaeopteryx, aber auch unzählige weitere Relikte der Tier- und Pflanzenwelt des späten Jura. Sie alle sind dank des sehr feinkörnigen Kalks und optimaler Bedingungen so gut erhalten, dass sogar Weichteile und feinste Strukturen bis heute zu erkennen sind. Plattenkalke aus der gleichen Ära existieren auch in den französischen Regionen Aine und Rhone, nicht unweit der schweizerischen Grenze. Dort allerdings hielt sich die Fossilienausbeute bisher eher in Grenzen: Aus den rund 150 Millionen Jahre alten Ablagerungen förderten Paläontologen nur einige versteinerte Pflanzenreste, Fische und Krebse zutage, landlebende Organismen schienen dagegen völlig zu fehlen, obwohl es auch einst hier Ufer und Inseln gegeben haben muss. André Nel vom Naturkundemuseum in Paris und seine Kollegen haben nun erneut einige Aufschlüsse im Gebiet von Orbagnoux untersucht – und wurden endlich fündig.

Blätter, Fraßspuren und ein Wasserläufer

Im Gestein fanden die Forscher versteinerte Blätter von 34 verschiedenen Landpflanzenarten, darunter Nadelbaumgewächsen, Ginkgos und besonders vielen Exemplaren einer den Palmfarnen ähnlichen Pflanzengruppe. Einige fossile Blätter dieser Pflanzen wiesen deutliche Fraßspuren von Insekten auf. „Solche Fraßspuren sind zwar unter Fossilienfunden durchaus häufig und vielfältig, doch im späten Jura sind sie vergleichsweise selten“, erklären Nel und seine Kollegen. Die jetzt entdeckten Spuren seien daher eine willkommene Ergänzung. Aus der Form und Länge der Fraßspuren schließen die Forscher, dass eine Insektenlarve sie hinterlassen haben muss. Weil die Blätter der Pflanze sehr hart waren, könnte es sich dabei um eine Käferlarve behandelt haben, da diese relativ starke Kiefer besitzen. Nach Angaben der Forscher belegen diese Funde, dass die Region an der Rhone im späten Jura nicht komplett überschwemmt war, sondern tatsächlich, wie vermutet, Inseln und trockene Uferzonen umfasste.

Noch spannender allerdings war ein weiterer Fund, den die Paläontologen in einem der neuen Aufschlüsse bei Orbagnoux machten: Im Kalkstein erhalten war auch das Fossil eines rund 150 Millionen Jahre alten Wasserläufers – und damit des ältesten bekannten Exemplars dieser Insektengruppe. Das rund sechs Millimeter lange, geflügelte Tier besaß nach hinten gedrehte Hüften, die darauf hindeuten, dass seine Beine an das Umherlaufen und Gleiten auf der Wasseroberfläche angepasst waren, wie die Forscher berichten. Sie tauften die zuvor unbekannte Gattung dieses Wasserläufers Gallomesovelia – Gallo für Frankreich, Mesovelidae für Wasserläufer. Diese Urzeit-Wasserläufer lebten vermutlich am Ufer der Meereslagune oder an einem Brackwassertümpel in dessen Umgebung und jagten auf der Wasseroberfläche ihre Beute.

Die neuen Fossilfunde im französischen Plattenkalk wecken die Hoffnung, dass dort noch weitere, ähnlich wertvolle Funde zu erwarten sind wie im bayrischen Solnhofen. „Der exquisite Zustand dieser Fossilien deutet darauf hin, dass diese Aufschlüsse eine wichtige Konservatlagerstätte für das späte Jura in Westeuropa werden könnten“, so die Paläontologen. Als Konservatlagerstätte bezeichnet man in der Paläontologie Fossilfundstellen, die besonders gut erhaltene und vollständige Relikte enthalten.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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