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Ute Kehses Japan-Report: Wohin der Wind weht

Zumindest was die Ausbreitung der radioaktiven Wolke des Atomkraftwerks Fukushima I betrifft, hatten die Japaner bislang Glück im Unglück. Der Wind wehte während der vergangenen Woche meist in Richtung Pazifik. Doch während die Nachrichtenagentur Kyodo am heutigen Montag einen weiteren Brand am Reaktorblock 3 meldet ? ob dabei erneut Radioaktivität austritt, ist unklar ? hat sich nun das Wetter geändert, sagt Gerhard Wotawa von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien. Heute und morgen strömt die Luft seinen Berechnungen zufolge vorwiegend in Richtung des Landesinneren. „Falls radioaktive Partikel austreten, ist es jetzt ein ungünstiger Zeitpunkt“, sagt er. Wotawa rechnet bis Mittwoch mit starken Niederschlägen in Tokio, bei denen radioaktive Partikel aus der Luft ausgewaschen werden könnten.

Wie viel Radioaktivität bislang aus den vier zerstörten Blöcken des japanischen Atomkraftwerks Fukushima I entwichen ist, bleibt allerdings unklar. „Wir haben nur Daten von den ersten Tagen. Was im Augenblick passiert, wissen wir nicht“, sagt Wotawa. Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass vor allem in den ersten Tagen nach dem Unfall relativ viel radioaktives Cäsium ausgetreten ist. „Es ist die höchste Menge an radioaktiven Partikeln, die seit Tschernobyl in die Umwelt gelangt ist“, sagt der Meteorologe.

Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit zeigt auf Ihrer Homepage eine Grafik des Betreibers Tepco. Darauf ist zu sehen, wie die Dosis der Strahlenbelastung in der vergangenen Woche mehrfach steil anstieg, aber auch schnell wieder abfiel. Hohe Mengen an Radioaktivität gelangten offenbar vor allem während der Brände und Explosionen aus den Reaktoren ins Freie. Der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA zufolge (Stand: Sonntag, 17 Uhr) ist die Strahlenbelastung außerhalb der Evakuierungszone aber bislang nicht gesundheitsschädlich.

Das japanische Gesundheitsministerium meldete derweil erhöhte Werte radioaktiven Jods und Cäsiums in Milch und Gemüse. Auch in einigen Trinkwasserproben wurde Jod-131 gefunden. Die Ursache für diese Kontamination waren einige Wetter-Episoden zu Beginn der letzten Woche, als Ostwinde ins Landesinnere vorherrschten. „Dabei gab es im Bereich um das Kraftwerk auch Regen, wodurch die radioaktiven Partikel aus der Atmosphäre ausgewaschen wurden und auf den Boden gelangten“, erläutert Wotawa. Auch der Land-See-Wind ? ein Wetterphänomen, das an allen Küsten auftritt ? könnte dazu beigetragen haben, dass ein Teil der radioaktiven Partikel trotz vorherrschender Westwinde in der Nähe des Kraftwerks blieb: In der Nähe von Küsten bilden sich oft lokale Windsysteme aus, weil sich Land und Wasser unterschiedlich schnell erwärmen. Tagsüber strömt dabei die Luft vom Meer in Richtung Land, nachts andersherum.

Radioaktive Partikel, die während der Reaktorkatastrophe in Japan freigesetzt wurden, haben sich am Wochenende bereits bis zur anderen Seite des Pazifiks ausgebreitet. In Alaska, Kanada und in den US-Staaten Washington und Kalifornien haben hochempfindliche Messstationen, die die Einhaltung des Kernwaffenteststopp-Abkommens überwachen sollen, radioaktive Xenon-Isotope aus Japan registriert. Auch radioaktive Jod- und Cäsium-Isotope aus Fukushima kamen in Kalifornien an. Im Vergleich zu Japan waren die Konzentrationen aber um den Faktor Zehntausend verdünnt. Der US-Umweltagentur EPA zufolge ist die Belastung durch die Fukushima-Wolke an der US-Westküste kaum relevant. Die Strahlendosis beträgt nur ein Hunderttausendstel der natürlichen Strahlendosis.

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Radioaktive Partikel, die durch Regen oder verseuchtes Kühlwasser in den Pazifik gelangen, werden sich wahrscheinlich relativ schnell verdünnen, heißt es beim Johann Heinrich von Thünen-Institut in Braunschweig. Das schließen die Forscher aus Erfahrungen mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. In Fischen aus der Nord- und Ostsee war bereits nach einem Jahr kein Cäsium-137 mehr nachweisbar, das aus Tschernobyl stammte. Der radioaktive Fallout über Süddeutschland wirkt dagegen bis heute nach, ist im Magazin Forschungsreport des Bundesforschungsinstituts für Ländliche Räume, Wald und Fischerei zu lesen. Pilze und Wildbret enthalten in Bayern nach wie vor erhöhte Mengen von Cäsium-137, einem Isotop, das mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren zerfällt. Beim Verzehr eines Wildschwein-Koteletts kann man im Extremfall so viel Strahlung aufnehmen wie bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria.

Alle Beiträge in Ute Kehses Japan-Report finden Sie hier

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