Wie Zeitsparen Zeit raubt - wissenschaft.de
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Wie Zeitsparen Zeit raubt

Seminare zum besseren Zeit-Management versprechen mehr Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens – doch sie nutzen kaum.

Graue Herren regieren in Momos Welt. Sie überreden die Menschen, ihre Zeit nicht zu vergeuden, sondern lieber zu sparen. Sie rechnen ihnen vor, was sie mit dieser Zeit alles tun können, wenn sie die Sekunden, Minuten und Stunden nur richtig anlegen. Doch die grauen Herren sind Diebe, denn sie bunkern die „gesparte“ Zeit nicht: Sie verpaffen sie in ihren Zigarren. Was der Autor Michael Ende 1973 als Allegorie auf die Zeitpolitik des Kapitalismus ersann, ist gar nicht so fantastisch, wie es klingt. Das Motto „Spare Zeit – nutze sie für das Wesentliche“ ist ein Dauerbrenner beim Thema Zeit-Management. Zeit ist im öffentlichen Bewusstsein zu einer knappen Ressource geworden, mit der man effizient wirtschaften muss. „Dabei haben die Menschen nicht zu wenig Zeit, sie haben zu viel zu tun“, wie es Zeitforscher und Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler von der Bundeswehr-Universität München ausdrückt. „Es gibt so viele Möglichkeiten, und man möchte auf nichts verzichten. Das ist, wie wenn man versucht, zwei Leben in einem zu leben.“ Unzählige Ratgeber und Zeitmanagement-Seminare versprechen den Gestressten Hilfe. Allein der Online-Buchladen Amazon hat über 500 Bücher im Angebot, die alle mehr oder weniger dasselbe verheißen: Wer seine Zeit optimal nutzt, gerät nicht unter Druck.

So viel Freizeit wie noch nie

Der perfekte Zeitmanager entwirft demnach eine Mindmap mit den Zielen der nächsten Woche. Je nach Wichtigkeit markiert er die einzelnen Punkte mit verschiedenen Farben. Morgens geht er ins Büro und delegiert alle weniger wichtigen Arbeiten an andere, denn das entlastet ihn nicht nur, sondern soll auch bei den Mitarbeitern die Motivation fördern. Entsprechend seiner inneren Uhr verschafft er sich am Vormittag eine „stille Stunde“, in der er das Telefon umleitet und keine Mails checkt, und konzentriert sich ganz auf das Wesentliche. Abends hakt er die erledigten Aufgaben auf seiner To-Do-Liste ab und belohnt sich zu Hause mit einem Feierabend-Bier.

Soweit die Theorie. Dabei ist die Zeit im Grunde gar nicht das Problem, denn die Deutschen haben heute so viel Freizeit wie nie zuvor – durchschnittlich 42 Stunden pro Woche laut Statistischem Bundesamt. Dazu kommen täglich fast achteinhalb Stunden Schlaf und etwa anderthalb Stunden für Mahlzeiten. Es bleibt also immer noch ausreichend Zeit für Fernsehen und andere Medien (2,5 bis 3 Stunden täglich) und für Kulturelles wie Theater, Kino und Fußball (15 Stunden pro Woche). Was die vermeintliche Zeitnot erzeugt, ist das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Die amerikanische Neurobiologin Amy Arnsten hat herausgefunden, dass in Stresssituationen das Stirnhirn seine Fähigkeit einbüßt, zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen zu unterscheiden. Der präfrontale Cortex verliert den Überblick und schaltet sozusagen wegen Überlastung ab. Dem Forscherteam um Arnsten fiel auch auf, dass die gleichen neurochemischen Prozesse, die den präfrontalen Cortex lahm legen, die Amygdala anregen, was zur Folge hat, dass die Menschen emotionaler reagieren. Ängste werden ausgelöst, die wiederum Stress hervorrufen.

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Das Problem ist, dass jeder Angestellte im Schnitt mit zwölf Aufgaben gleichzeitig beschäftigt ist, wie eine Studie der „ Unterbrechungswissenschaftlerin“ Gloria Mark kürzlich ergab. „Wir sind nicht gestresst, weil wir keine Zeit haben. Sondern wir haben keine Zeit, weil wir gestresst sind“, folgert Stefan Klein in seinem Buch „Zeit – Der Stoff aus dem das Leben ist.“ Aber ob die Tipps und Techniken der Zeitmanager wirklich helfen, die Arbeitslast erträglicher zu gestalten, wurde bislang kaum untersucht. Die wenigen Erkenntnisse aus den USA ernüchtern: Angestellte, die ein Zeitmanagement-Training besuchten, gaben nach einigen Monaten zwar an, dass sie ihre Zeit besser kontrollieren könnten, aber ihre Arbeitsleistung verbesserte sich nicht, ebenso wenig ihre Zufriedenheit am Arbeitsplatz oder der empfundene Stress.

handel mit Hoffnung

Auch eine Studie der amerikanischen Psychologin Therese Macan stellte fest, dass die Erwartungen, die Teilnehmer an ein Zeit-Management-Training stellten, oft nicht erfüllt werden. Umso erstaunlicher ist der Boom, den die Ratgeber und Seminare nach wie vor erleben. „Zeit-Management ist ein Handel mit Hoffnungen“, erklärt Geißler. Als grundlegendes Problem sieht er, dass sich Zeit nicht vermehren lässt, denn in einen Tag passt eben nur eine bestimmte Menge von Aktivitäten. „Wir haben verlernt ‚Genug!‘ zu sagen“, sagt Geißler. Sein Vorschlag lautet, einfach weniger zu tun und manche Möglichkeiten lieber in den Wind zu schlagen.

Michael Endes Buch endet hoffnungsvoll: Nach der Vertreibung der grauen Herren aus Momos Heimatstadt nehmen sich die Menschen wieder Zeit, um auf dem Weg zur Arbeit in den Schaufenstern Blumen zu bewundern oder mit den Kindern auf der Straße zu spielen. „Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug da.“ ■

Lisa Peter

COMMUNITY LESEN

Die Illusion der Zeit in der Relativitätstheorie und Quantengravitation:

Vesselin Petkov (Hrsg.)

RELATIVITY AND THE DIMENSIONALITY OF THE WORLD

Springer, Heidelberg 2008, € 128,35

Vesselin Petkov

RELATIVITY AND THE NATURE OF SPACETIME

Springer, Heidelberg 2005, € 42,75

Exzellente Aufsatzsammlung zur Philosophie der Zeit in der Physik:

Craig Callender (Hrsg.)

TIME, REALITY AND EXPERIENCE

Cambridge University Press Cambridge 2002, € 26,99

Zeit in Wissenschaft und Philosophie:

Friedrich Stadler, Michael Stölzner (Hrsg.)

TIME AND HISTORY

Ontos Verlag, Heusenstamm 2006, € 79,–

www.science-digital.com/Ontos/ O-Stadler-Time.html

Das beste Buch zur Zeitrichtung:

H. Dieter Zeh

THE PHYSICAL BASIS OF THE DIRECTION OF TIME

Springer, Heidelberg 2007, 5. Aufl., € 42,75

Zeit in Kosmologie, Physik und Science-Fiction:

Rüdiger Vaas TUNNEL DURCH RAUM UND ZEIT

Franckh-Kosmos, Stuttgart 2006 2. Aufl., € 16,95

Warum alles immer schneller wird:

Karlheinz Geißler

Alles Espresso: Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung

Hirzel, Stuttgart 2006, € 24,–

INTERNET

Die Richtung der Zeit in Physik und Philosophie

www.time-direction.de/

plato.stanford.edu/entries/time-thermo/

Zeit und Kosmologie:

arxiv.org/abs/0711.1656

arxiv.org/abs/physics/0408111

arxiv.org/abs/physics/0703183

arxiv.org/abs/hep-th/0512304

Veranstaltung

Eine hochkarätige interdisziplinäre und allgemeinverständliche Tagung über Zeitrichtung, Selbstorganisation, Zufall und Ordnung findet am 18. und 19. Januar 2008 im Stuttgarter Hospitalhof statt:

SYNERGETIK

Auskünfte unter Tel. 0711/2068150 und im Internet: www.hospitalhof.de/?id=24

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Flug|taug|lich|keit  〈f. 20; unz.〉 durch ärztl. Untersuchung festgestellte Fähigkeit, ein Flugzeug zu führen

See|ka|dett  〈m. 16〉 Anwärter auf die Offizierslaufbahn bei der Marine

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