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Die Entzauberung der Feenkreise

Nach ergiebigem Regen schließen sich vereinzelt Feenkreise wieder, Gräser wachsen auch im Innenbereich (aufgenommen wie das vorherige Foto in der Namib-Wüste). (Bild: Stephan Getzin)

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Nach ergiebigem Regen schließen sich vereinzelt Feenkreise wieder, Gräser wachsen auch im Innenbereich (aufgenommen wie das vorherige Foto in der Namib-Wüste). (Bild: Stephan Getzin)

Was lässt die mystischen „Feenkreise“ in trockenen Gebieten entstehen? Ein deutscher Forscher ist dem Rätsel auf der Spur.

Die kreisförmigen Flecken im Wüstenboden wirken wie von Zauberhand gezirkelt. Mit der Gleichmäßigkeit eines Honigwabenmusters verzieren solche „Feenkreise“ Teile der Namib im südlichen Afrika sowie Gebiete des australischen Outbacks. Satellitenbilder zeigen: Es gibt mehrere Millionen davon. „Sie bestehen in der Regel aus 20 bis 30 einzelnen Pflanzen und haben meist einen Durchmesser von vier bis acht Metern“, erklärt Stephan Getzin von der Abteilung Ökosystemmodellierung an der Universität Göttingen, der mit seinem Team das Geheimnis der Feenkreise lüften will.

Feenkreise faszinieren die Menschheit seit jeher. Getzin etablierte im Jahr 2000 gemeinsam mit einem Kollegen den international üblichen wissenschaftlichen Begriff „Fairy Circles“. Zuletzt arbeitete der Göttinger Forscher an der weltweit ersten scharfen wissenschaftlichen Definition des Terminus. „Das Problem ist, dass der Begriff Feenkreis seit einiger Zeit sehr inflationär gebraucht wird. Doch nicht alles, was grün ist und im Kreis wächst, darf als Feenkreis gelten“, betont Getzin. „Echte Feenkreise kannte ich lange Zeit nur aus der Namibwüste, wo sie von annuellen Stipagrostis-Gräsern gebildet werden. 2014 aber kontaktierte mich eine australische Ökologin, die ganz ähnliche Formationen im Outback in Nordwest-Australien gefunden hatte.“ Getzin reiste nach Australien und stellte fest: Die dortigen Formationen sind echte Feenkreise. Zwar werden sie, anders als in der Namib, durch mehrjährige Triodia-Gräser gebildet und erreichen nur einen Durchmesser von maximal sieben Metern. Ansonsten aber weisen sie die gleichen Charakteristika auf wie jene in der Namib, auch die außergewöhnliche räumliche Ordnung.

Wasserkonkurrenz als mögliche Erklärung

Wie entstehen die Feenkreise? An der Beantwortung haben sich zahlreiche Ökologen, Geologen, ja selbst Physiker und Mathematiker abgearbeitet. Auch Getzin versucht seit zwei Jahrzehnten dieses faszinierende Rätsel der Natur zu lösen. Über die tatsächlichen Gründe für die Entstehung der Kreise habe man zwar „noch keine absolute Gewissheit“, meint der Ökologe. Doch er sieht sich und sein Team auf einer heißen Spur: „Unsere sogenannte Selbstorganisations-Theorie besagt, dass kreisrunde Wuchsformationen den bis zu 30 an einem Feenkreis beteiligten Grashorsten in dieser trockenen Umgebung die besten Überlebensvoraussetzungen bieten“, erklärt der Wissenschaftler. „Bei Trockenheit haben jene Grashorste, die unmittelbar am kahlen Kreisinneren positioniert sind, den besten Zugriff auf Wasser. Salopp könnte man sagen: Die Randgräser machen gemeinsame Sache, indem sie einen stabilen, im Konkurrenzgleichgewicht befindlichen Kreis bilden.“ Das in der Mitte gesammelte Wasser teilen sie unter sich auf. In der Mitte keimt nur bei Überfluss kurzzeitig Gras, wie Getzin vor Ort beobachtete: „Was wir jetzt schon sagen können, ist, dass Gräser im Zentrum von Feenkreisen, die nach einigem Regen zaghaft sprießen, bereits kurz nach dem Niederschlag abzusterben beginnen, wobei weder ihre Wurzeln von Termiten angefressen werden, noch ihre Wurzeln kürzer sind als die der vitalen Gräser am Rand der Kreise.“

Getzin sieht in der Selbstorganisation ein effizientes Öko-Engineering: „Ohne diese bemerkenswerte Fähigkeit der Gräser in der Namib und im australischen Outback würden die Gebiete wahrscheinlich vollends verwüsten und versanden.“ Allerdings ist der Begriff „Selbstorganisation“ etwas irreführend: Keine Pflanze gibt freiwillig etwas her, um ihren Artgenossen einen Dienst zu erweisen. Vielmehr haben manche Gewächse aufgrund ihres günstigeren Standortes bessere Überlebenschancen als andere.

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So plausibel Getzins Selbstorganisations-Theorie auch sein mag – sie zu prüfen, ist ein hartes Stück Arbeit. Zumal Kritiker bemängeln, dass es demnach auch in anderen klimatisch ähnlichen Zonen der Erde Feenkreise geben müsse, nicht bloß in der Namib und im australischen Outback. Doch Getzin arbeitet eifrig daran, seine Hypothese zu unterfüttern: „Wir reisen nun schon über ein Jahr dem Niederschlag in der Namib hinterher, um dessen Wirkung auf die Feenkreise zu untersuchen“, verrät der Forscher. „Wir müssen lernen, den Wasserkreislauf in der Nähe der Kreise besser zu verstehen. Anfang 2022 werden wir die dritte Regensaison in der Namib hinter uns gebracht haben. Bis dahin hoffen wir, genau sagen zu können, wie und warum Feenkreise entstehen. Zumindest wollen wir dann sehr nah an der Lösung dran sein.“

Dieser gekürzte Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2021 von bild der wissenschaft. Mehr über Feenkreise und wie das Göttinger Forschungsteam sie untersucht, lesen Sie im vollständigen Heft-Beitrag.

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