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Der Nil ist älter als gedacht

Nil
Blick auf den Nil in der Nähe von Assuan. (Bild: Jaroslav Frank / iStock)

Der Nil ist schon seit Jahrtausenden die Lebensader Ägyptens. Doch seit wann es diesen Fluss gibt, ist stark umstritten. Jetzt legt eine Studie nahe, dass der Nil schon seit 30 Millionen Jahren seinem Bett folgt – weit länger als einer gängigen Theorie zufolge angenommen wurde. Indizien dafür sind Gesteinsanalysen und eine Modellsimulation, nach denen das Gefälle des Nillaufs von seiner Quellregion im äthiopischen Hochland bis zur Mündung ins Mittelmeer schon vor 30 Millionen Jahren fast so stark war wie heute. Ursache dafür ist eine Strömung im Erdmantel, die dieses Gefälle bis heute aufrechterhält, wie die Forscher berichten.

Der Nil ist mehr als 6800 Kilometer lang und damit einer der längsten Flüsse der Erde. Entlang seines Laufs von Süden nach Norden durch die östliche Sahara entstanden schon vor Jahrtausenden erste menschliche Kulturen und später das ägyptische Reich. Doch so wichtig dieser Fluss für die Menschheitsgeschichte war, so undurchsichtig ist bis heute sein Werdegang. Klar ist, dass der Nil von zwei Quellflüssen gespeist wird, dem längeren Weißen Nil, der in Burundi entspringt, und dem wasserreicheren Blauen Nil, der aus dem Hochland von Äthiopien kommt. Doch seit wann das Wasser aus diesen Quellflüssen dem heutigen Lauf des Nils ins Mittelmeer folgt, ist seit Jahren umstritten. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Nil erst nach dem Austrocknen des Mittelmeers vor rund sechs Millionen Jahren und dem daraus resultierenden Gefälle ins Mittelmeer mündet. Vorher, so die Theorie, floss ein Großteil des Nilwassers nach Westen und mündete in das Einzugsgebiet des Kongo. Doch es gibt auch einige Forscher, die eine Entstehung des Nils schon Millionen Jahre früher für möglich halten.

Frühe Verbindung von Äthiopien mit dem Mittelmeer

Neue Indizien für einen sehr „alten“ Nil haben nun Claudio Faccenna von der Universität Roma Tre in Rom und seine Kollegen zutage gefördert. Für ihre Studie hatten sie zunächst Sedimentbohrkerne aus dem Mündungsbereich des Nils untersucht. Mithilfe von chemischen Vergleichsanalysen konnten sie rekonstruieren, wo der Ursprung der verschieden alten Sedimente liegt. Dabei zeigte sich, dass schon lange vor der vorübergehenden Austrocknung des Mittelmeers Mineralien aus dem äthiopischen Hochland in der Nilmündung abgelagert wurden. Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass schon vor rund 30 Millionen Jahren Wasser von der Quelle des Blauen Nils bis ins Mittelmeer geflossen sein muss. „Die Sedimentanalysen aus dem Nildelta dokumentieren die Verbindung vom äthiopischen Hochland bis zum Nildelta schon im Oligozän“, konstatieren Faccenna und sein Team.

Doch um diese Verbindung zu ermöglichen, muss der Nil schon damals genügend Gefälle in Richtung Norden besessen haben – sonst wäre dieses Wasser stattdessen westliche in das Kongobecken abgeflossen. Ob das der Fall war, überprüften die Forscher mithilfe einer geophysikalischen Modellsimulation. In dieser rekonstruierten sie die tektonischen Veränderungen im Nordwesten Afrikas und berücksichtigten dabei auch Daten zum vulkanischen Ursprung des äthiopischen Hochlands. Die Simulation ergab: Schon vor rund 40 Millionen Jahren begann ein vulkanischer Hotspot, das äthiopische Hochplateau allmählich anzuheben. Gleichzeitig jedoch sanken das östliche Mittelmeer und der Norden Ägyptens langsam ab. Ursache dieses Absinkens ist dem Modell zufolge eine dort liegende Strömung im Erdmantel, die seit rund 35 Millionen Jahre Material nach unten in die Tiefe zieht.

Stabiler Verlauf schon seit 30 Millionen Jahren

Zusammenfassend bedeutet dies, dass es schon seit mindestens 30 Millionen Jahren eine Art tektonisches „Fließband“ gibt, das die Quellregion des Blauen Nils aufsteigen lässt und die Nilmündung absenkt. Als Folge ist eine anhaltende Höhendifferenz zwischen Quelle und Mündung von rund 1500 Metern entstanden, wie Faccenna und seine Kollegen berichten. Die dafür verantwortlich Konvektionszelle im Erdmantel sei bis heute aktiv, erklären sie. Sie schließen daraus, dass der Nil deutlich älter sein muss als von einigen Geowissenschaftlern bisher angenommen. „Der Nil könnte schon seit dem Oligozän in einem ähnlichen Lauf wie heute geflossen sein, sagen die Forscher. „Trotz vieler kleinräumiger Veränderungen in den letzten 30 Millionen Jahren hat der Fluss seit dieser Zeit ohne Unterbrechung existiert und das äthiopische Hochland mit dem Mittelmeer verbunden.“

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Quelle: Claudio Faccenna (Roma Tre University, Rom) et al., Nature Geoscience, doi: 10.1038/s41561-019-0472-x

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