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Ein neuer Archaeopteryx

Archaeopteryx
Der Urvogel Archaeopteryx ist ein berühmtes Bindeglied der Evolution. (Grafik: Elenarts/ iStock)

Der Archaeopteryx ist eine Ikone der Evolution, denn seine Entdeckung trug dazu bei, die Evolutionstheorie von Charles Darwin zu untermauern. Jetzt haben Paläontologen Überaschendes bei einem der nur zwölf bekannten Archaeopteryx-Fossilien festgestellt: Neue Analysen enthüllen, dass es sich um eine neue Art des Archaeopteryx handelt – und das bisher jüngste Exemplar des berühmten Urvogels. Seine Merkmale deuten darauf hin, dass Archaeopteryx albersdoerferi möglicherweise schon etwas besser fliegen konnte als seine älteren Verwandten.

Als im Jahr 1860 das erste Fossil des Archaeopteryx im Kalkstein von Solnhofen entdeckt wurde, war dies eine weltweite Sensation. Denn dieses 150 Millionen Jahre alte Relikt besaß sowohl Merkmale von Dinosauriern als auch von Vögeln. Der Archaeopteryx gilt deshalb als wichtiges Bindeglied der Evolution und möglicherweise als einer der ältesten Urvögel überhaupt. Inzwischen allerdings ist die Position des berühmten „Urvogels“ im Stammbaum der Vögel stark umstritten. Denn in China haben Paläontologen in den letzten Jahren gleich mehrere Fossilien gefiederter Dinosaurier entdeckt, die dem Archaeopteryx in vielem ähneln. Sie wurden den Deinonychosauriern zugeordnet, einer nicht zu den Vögeln führenden Seitenlinie des Stammbaums. Einige Forscher sind daher der Ansicht, dass auch der Archaeopteryx diesem Seitenzweig angehört – und damit kein direkter Vorfahre der heutigen Vögel ist. Andere jedoch verweisen auf die große Ähnlichkeit des Archaeopteryx zu dem 2013 ebenfalls in China gefundenen Aurornis xui – einem eindeutig an der Basis des Vogelstammbaums stehenden Fossil.

Erster Einblick in „Phantom-Fossil“

„Der Archaeopteryx gehört zu den am besten untersuchten Fossilien der Welt“, erklären Martin Kundrát von der slowakischen Universität Pavol Jozef Šafárik und seine Kollegen. Trotzdem seien selbst zu den bisher bekannten zwölf Exemplaren dieser Gattung noch viele Fragen offen. So ist strittig, ob alle Exemplare zu einer Art gehören oder nicht und ob es sich um Jungtiere handelt oder eine Mischung aus jungen und adulten Vertretern des Urvogels. Auch über die Flugfähigkeit des Archaeopteryx herrscht Uneinigkeit. Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Kundrát und sein Team nun eines der bisher am wenigsten untersuchten Exemplare des Archaeopteryx noch einmal näher analysiert. Das in den frühen 1990er Jahren von einem privaten Sammler nahe des bayrischen Orts Daiting entdeckte Fossil war bis zum Jahr 2009 in Privatbesitz und nicht für Untersuchungen verfügbar – weshalb es auch den Spitznamen „Das Phantom“ erhielt. Erst als der Paläontologe Raimund Albersdoerfer das Fossil erwarb, änderte sich dies.

Archaeopteryx albersdoerferi
Rekonstruktion des Archaeopteryx albersdoerferi (Grafik: Zhao Chuang/ PNSO)

Doch die starke Kompression der Überreste erschwerte es, anatomische Einzelheiten zu erkennen. Jetzt haben die Forscher dieses Problem mit modernster Technik umgangen: Eine Durchleuchtung mittels Synchrotron-Mikrotomographie erlaubte es ihnen erstmals, auch zuvor verdeckte Knochen sichtbar zu machen und die dreidimensionale Struktur von Skelett und Knochensubstanz zu analysieren. „Dies ist das erste Mal, dass alle Knochen und Zähne des Archaeopteryx aus allen Perspektiven studiert werden konnten und auch ihre innere Struktur enthüllt wurde“, erklärt Kundrát. Zusätzlich analysierten und datierten er und sein Team auch noch einmal das Gestein, in das das Fossil eingebettet war.

Jünger und ein besserer Flieger

Die Analysen enthüllten: Der Archaeopteryx von Daiting ist deutlich jünger als die anderen Exemplare – und gehört höchstwahrscheinlich zu einer eigenen Art. „Archaeopteryx albersdoerferi ist eines der bedeutendsten Exemplare des Archaeopteryx, weil er rund 400.000 Jahre jünger ist als alle anderen bisher bekannten Vertreter dieser Gattung“, sagt Kundrát. Gleichzeitig weist auch das Skelett dieses Urvogels einige Änderungen und Fortschritte gegenüber den älteren Exemplaren auf. So besitzt er bereits weniger Zähne und stärker verschmolzene Schädelknochen als seine Verwandten. Sein Gabelbein, auch als „Wunschknochen“ bekannt, besitzt eine vergrößerte Ansatzstelle für die Flugmuskeln und die Handgelenksknochen in den Flügeln sind verstärkt, wie die Forscher berichten. Hinzu kommt, dass die Knochen des Archaeopteryx albersdoerferi mehr kleine Hohlräume enthalten als die anderer Archaeopteryx-Fossilien – sie sind damit den porösen, besonders leichten Knochen der heutigen Vögel ähnlicher.

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„Unsere Ergebnisse belegen, dass der Archaeopteryx albersdoerferi schon mehr Merkmale mit den modernen Vögeln gemeinsam hatte als der ältere Archaeopteryx lithographica“, konstatieren die Forscher. Sie vermuten deshalb, dass der jüngste Vertreter dieser Urvogel-Gattung auch schon am besten fliegen konnte. Ob er sich allerdings eher im Gleitflug von Baum zu Baum bewegte oder flatterte, bleibt auch bei diesem Fossil unklar. Nach Ansicht der Paläontologen bestätigen die bei Archaeopteryx albersdoerferi nachgewiesenen Merkmale jedoch, dass sich das Fliegen bei den gefiederten Dinosauriern und Urvögeln in vielen kleinen, teils parallelen und teils verschiedenen Schritten entwickelte. „Die Entdeckung des Archaeopteryx albersdoerferi ergänzt die zunehmenden Belege dafür, dass der Übergang von den Dinosauriern zu den Vögeln nicht linear, sondern als komplexes Mosaik verlief“, konstatieren die Forscher.

Quelle: Martin Kundrát (Universität Pavol Jozef Šafárik, Košice) et al., Historical Biology, doi: 10.1080/08912963.2018.1518443

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