Ein Urwal mit Wal im Magen - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Erde+Klima

Ein Urwal mit Wal im Magen

Skelette von Basilosaurus isis (oben) und Dorudon atrox (unten). (Cedit Voss et al., 2019)

Ein riesiges Maul mit scharfen Zähnen – was hat der Urwal Basilosaurus isis damit vor 35 Millionen Jahren gefressen? Bisher war nicht eindeutig klar, inwieweit der 18 Meter lange Meeressäuger ein Räuber oder eher ein Aasfresser war. Ein außergewöhnliches Fossil bestätigt nun erstmals direkt die bisherige Annahme, dass der Urwal ein ausgesprochen rabiater Riese war: Er jagte Jungtiere einer anderen Urwalart, zeigen fossile Reste seines Mageninhalts.

Die Entwicklungsgeschichte der Wale ist ein besonders interessantes Beispiel für die erstaunliche Flexibilität im Rahmen der Evolution. Durch Funde gilt heute als gut belegt, wie sich die heutigen Wale ursprünglich aus Landsäugetieren entwickelt haben. Im Laufe der Jahrmillionen passten sie sich durch Umformungen ihrer Körperstrukturen immer mehr an ein Leben im Wasser an. Unter anderem verwandelten sich ihre Vordergliedmaßen dabei in starke Flossen, während die Hinterbeine zunehmend verkümmerten. Bei dem aus zahlreichen Funden bekannten Urwal Basilosaurus isis zeichnet sich dieser Übergang deutlich ab: Der Meeressäuger besaß noch vergleichsweise große Reste der Hintergliedmaßen.

Wale aus der Wüste

Die meisten Fossilien des zu seinen Lebzeiten größten Vertreters der Wale stammen von einem Fundort, an dem es heute weit und breit kein Meer mehr gibt – aus dem sogenannten „Tal der Wale“ in der Wüste Ägyptens. Vor 35 Millionen Jahren allerdings erstreckte sich dort noch ein Flachmeer, in dem sich viele Meerestiere tummelten – so auch urtümliche Wale. Die beiden häufigsten Arten waren dabei der 15 bis 18 Meter lange Basilosaurus isis und der fünf Meter lange Dorudon atrox. Es wurde bereits vermutet, dass der Große den Kleinen gefressen haben könnte. Dies ließen Bissspuren an Fossilien von Dorudon atrox vermuten. Einen eindeutige Beweis für die Räuber-Beute-Beziehung gab es bisher allerdings nicht.

Dies hat sich nun durch die Untersuchung eines Fossils von Basilosaurus isis geändert, das ein internationales Paläontologenteam um Philip Gingerich von der University of Michigan in Ann Arbor bereits im Jahr 2010 im Tal der Wale entdeckt hat. Von dem einst etwa 16 Meter langen Exemplar sind der Schädel, die Zähne, Wirbel, Rippen und die Langknochen der Extremitäten erhalten geblieben. Doch nicht nur das: Im Bereich der Bauchhöhle des Tieres stießen die Forscher auf die Reste der letzten Mahlzeiten des Urwals.

Anzeige

Der Schrecken einer Kinderstube

Bei ihren Analysen des fossilen Mageninhalts entdecken die Paläontologen neben Bruchstücken eines großen Knochenfisches auch Überreste, die sie eindeutig Jungtieren der Walart Dorudon atrox zuordnen konnten. An den Walknochen identifizierten sie zudem charakteristische Bissspuren, die zu den Zähnen von Basilosaurus isis passen. In Kombination mit weiteren Informationen ergeben diese Befunde nun ein klares Bild über die Lebensweise des Urwals, sagen die Forscher.

Neben dem Mageninhalt weisen demnach auch die scharfen Zähne, die enorme Körpergröße und die lange und kräftige Schnauze darauf hin, dass er ein Räuber war, der große Beutetiere jagte. Gegen die alternative Erklärung, wonach es sich um einen Aasfresser gehandelt hat, spricht den Forschern zufolge die Verteilung der Bissspuren an den Überresten von Dorudon atrox. Sie befinden sich meist am Kopf der Tiere. Den Forschern zufolge ist dies ein typisches Zeichen für einen Angriff durch einen Räuber: Ein Biss in den Kopf tötet das Opfer am effektivsten.

In der einstigen flachen Meeresregion fand Basilosaurus isis als mariner Spitzenräuber wohl reichlich Beute, sagen die Paläontologen. Denn es handelte sich bei diesem Gebiet offenbar um ein wichtiges Aufzuchtsgebiet für die Jungtiere der Dorudon Wale. Unterm Strich zeichnet sich nun also klar ab: Der Urwal Basilosaurus isis war der Schrecken einer Kinderstube.

Quelle: Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0209021

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung

Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Mul|ti|pol  〈m. 1; Phys.〉 System mit mehr als einem elektr. od. magnet. Pol, z. B. Dipol

Net  〈n. 15; IT; kurz für〉 Computernetz, bes. das Internet [engl., ”Netz“]

t  1 〈Abk. für〉 Tonne (Gewicht) 2 〈Zeichen für〉 2.1 Zeit ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige