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Eine Krabbe als Urzeit-Chimäre

Callichimaera
Fossilien von Callichimaera und eine künstlerische Rekonstruktion. (Bild: Daniel Ocampo R.; Elissa Martin/ Yale Peabody Museum of Natural History)

Wie eine typische Krabbe aussieht, wissen die meisten von uns vom Strand: ein breiter, dicker Panzer, kräftige Vorderbeine mit Scheren und eher kleine, gestielte Augen. Doch nun haben Paläontologen einen Vertreter dieser Krebsgruppe entdeckt, der überhaupt nicht in dieses Schema passt. Denn das rund 95 Millionen Jahre alte Fossil besitzt riesige Komplexaugen, paddelartige Schwimmbeine und einen eher langgestreckten Körper. Wie eine Chimäre vereint es damit Merkmale in sich, die aus verschiedenen Crustaceengruppen zusammengewürfelt scheinen. Das Ungewöhnliche daran: Dieses Tier lebte zu einer Zeit, als die „normalen“ Krabben schon lange existierten.

Die Krebstiere sind eine der artenreichsten Tiergruppen auf unserem Planeten. Zu ihnen gehören Garnelen, Hummer und Flusskrebse ebenso wie Asseln, Flohkrebse und die echten Krabben (Brachyura). Trotz der ökologischen und ökonomischen Bedeutung vieler Krebsarten ist jedoch der Stammbaum dieser Gliederfüßer noch immer lückenhaft. Vor allem in den Regionen der heutigen Tropen sind kaum Fossilien von Krebstieren erhalten geblieben – dies gilt auch für die echten Krabben. Forscher wissen zwar, dass sich der typische Bauplan der Brachyura mit seinem breiten, dicken Panzer und dem unter dem Bauch versteckten kurzen Schwanz mehrfach im Laufe der Krebsevolution entwickelt hat. Doch wann und wo vielleicht noch weitere neue Formen entstanden, ist bisher offen.

Bizarres Mischwesen aus der Kreidezeit

Jetzt wirft ein einzigartiger Fund ein ganz neues Licht auf die Vielfalt der Krabben und ihre Entwicklung. Paläontologen um Javier Luque von der University of Alberta in Edmonton haben sowohl in Kolumbien als auch in den USA ganze Lagerstätten mit massenhaft Krebsfossilien entdeckt. Die Relikte stammen aus der mittlerne Kreidezeit vor rund 90 bis 95 Millionen Jahren und sind außergewöhnlich gut erhalten. Neben hunderten von urzeitlichen Kommagarnelen und echten Garnelen stießen die Forscher auf Dutzende von Fossilien, die in keine Krebsgruppe zu passen schienen. „Diese Tiere hatten die Komplexaugen von Larven, das Maul einer Garnele, die Scheren von Froschkrabben und den Panzer eines Hummers“, berichtet Luque. Weil dieses Fossil damit einer Chimäre – dem Mischwesen der griechischen Sagen – ähnelte und die Paläontologen zu Staunen brachte, tauften sie es Callichimaera perplexa.

Doch worum handelte es sich bei dieser „Chimäre“ aus dem Kreidezeitmeer? Viele Merkmale sprechen dafür, dass es sich trotz aller Eigenheiten um einen Vertreter der Brachyura, der echten Krabben handeln muss, wie die Forscher erklären. „Callichimaera perplexa ist so einzigartig und merkwürdig, dass man es als Schnabeltier der Krabbenwelt betrachten könnte“, sagt Luque. „Es bricht alle Regeln dafür wie eine Krabbe auszusehen hat und zwingt uns, die Definition dessen, was eine Krabbe zur Krabbe macht, noch einmal zu überdenken.“

Experiment der Evolution

Die Paläontologen vermuten, dass Callichimaera einen bisher unbekannten Seitenast der Krabben darstellt. Wie sie erklären, lebte dieses ungewöhnliche Wesen zu einer Zeit, als die Krabben eine Phase starker Differenzierung durchlebten. Die Evolution scheint damals noch mit verschiedensten Körperformen experimentiert zu haben, so Luque und seine Kollegen. Einige der Merkmale der fossilen „Chimäre“ sprechen dafür, dass diese Krabbenart durch die Beibehaltung von einigen Larvenmerkmalen bis ins Erwachsenenalter entstand. „Callichimaera ähnelt auf den ersten Blick dem Larvenstadium der Megalopa, dem Übergangsstadium von der planktischen Zoea-Larve und den am Meeresgrund lebenden Jungkrabben“, berichten die Forscher. Doch an den Fossilien ist erkennbar, dass diese Tiere ausgewachsen waren.

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Die Paläontologen vermuten, dass der merkwürdig zusammengewürfelte Bauplan dieser Tiere durch Beibehaltung einiger Larvenmerkmale bis ins Adultstadium und deren Umformung zustande kam. Eine weitere Besonderheit sind die Schwimmbeine dieser Krabbe. Denn statt der hinteren Gliedmaßen nutzte Callichimaera ihre paddelartig verbreiterten Brustbeine zum Schwimmen. „Das ist der erste marine Arthropode, der solche Thorax-Schwimmbeine besitzt, seit dem Aussterben der paddelbeinigen Seeskorpione vor 250 Millionen Jahren“, sagen die Forscher. Auch darin sei Callichimaera einzigartig.

Erstaunlich ist der Fund dieses Wesens aber auch deshalb, weil es relativ spät in der Entwicklungsgeschichte der Krabben lebte. „Es kommt häufiger vor, dass man neue Baupläne in sehr viel älteren Gesteinen findet, beispielsweise aus dem Erdaltertum“, sagt Luque. „Diese Entdeckung aus der mittleren Kreidezeit jedoch zeigt uns, dass auch noch jüngere seltsame Organismen auf ihre Entdeckung warten. Das weckt die Frage, was es dort draußen noch alles für uns zu finden gibt.“

Quelle: Javier Luque (University of Alberta, Edmonton) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciad.aav3875

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