Früh im Bann des Menschen - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Erde+Klima

Früh im Bann des Menschen

Diese Zeitrafferkarte zeigt, wie sich die Landwirtschaft in den letzten 10.000 Jahren weltweit ausgebreitet hat. (Nicolas Gauthier / Arizona State University für ArchaeGLOBE

Wir leben nun im Anthropozän – im Erdzeitalter des Menschen, heißt es. Doch seit wann trägt die Erde denn den deutlichen Stempel unserer Spezies? Schon deutlich länger als bisher angenommen, sagen nun Forscher, die archäologische Daten aus der ganzen Welt ausgewertet haben. Die Ergebnisse ihres „Big-Data“-Projekts verdeutlichen, dass bereits vor über 3000 Jahren verschiedene Kulturen der Welt durch ihre Landnutzung die Erde in einem erheblichen Maße prägt haben.

Unser Planet blickt bereits auf eine lange und wechselhafte Geschichte zurück – Geologen teilen sie deshalb in unterschiedliche Zeitalter ein, die durch klar unterscheidbare Merkmale gekennzeichnet sind. Momentan leben wir offiziell im Erdzeitalter des Holozän – im Nacheiszeitalter. Doch seit dem Jahr 2000 hat sich zunehmend die Ansicht durchgesetzt, dass eigentlich bereits eine neue geologische Ära angebrochen ist: das Anthropozän – das Zeitalter des Menschen. Demnach beeinflussen wir die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde so stark, dass diese Bezeichnung gerechtfertigt ist.

Wann genau das Anthropozän begonnen hat, ist allerdings eine Definitionssache. Die Fähigkeit des Menschen, die Natur durch Entwaldung oder Treibhausgasemissionen sehr stark und weitreichend zu verändern, wird oft als ein modernes Phänomen betrachtet. Zuletzt setzte deshalb ein internationales Team aus Geologen den Beginn des Anthropozäns – die Zeit der weitreichenden Auswirkungen des Menschen auf die Erde – auf die Mitte des 20. Jahrhunderts an. Im Licht der aktuellen Ergebnisse erscheint diese Sichtweise nun allerdings fragwürdig.

Die Wurzeln des Anthropozäns im Blick

Im Rahmen ihrer Studie haben die Mitarbeiter des sogenannten ArchaeoGLOBE-Projekts die Entwicklung der Landnutzung von vor rund 10.000 Jahren bis 1850 ins Visier genommen. Das Besondere: Die neue Untersuchung erweiterte die bestehenden Modelle zur historischen Landnutzung um eine archäologische Komponente. Das Team teilte die Erde dazu in 146 Bereiche auf und suchte zu zehn verschiedenen Zeitpunkten nach Informationen zur menschlichen Aktivität in diesen Regionen.

Die Informationssammlung ihres „Big-Data“-Ansatzes basierte dabei nicht nur auf archäologischen Datensätzen, sondern auch auf Befragungen von Experten. „Indem wir Archäologen eine Reihe von Fragen gestellt haben, haben wir ein rundes Gesamtbild erhalten. Die Kernfrage war dabei: Was haben die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt wann, wie und in welchem Umfang getan?“, sagt Co-Autor Ben Marwick von der University of Washington. Unterm Strich konnten die Wissenschaftler durch ihren Ansatz das Wissen von 255 Archäologen aus vielen Teilen der Welt in ihre Studie integrieren.

Anzeige

Wie das Team berichtet, zeichnen sich in den Ergebnissen die tiefen Wurzeln der teils drastischen und manchmal irreversiblen Transformationsprozesse der Erde ab. Wie sie betonen, reichen sie bis in die Zeit vor der Domestikation von Pflanzen und Tieren und der intensiven Landwirtschaft zurück, denn auch die Jäger-Sammler-Gesellschaften prägten bereits die Natur in ihren Lebensräumen. Eine globale Bedeutung erreichten die Folgen der Landnutzung dann in der Zeit vor 4000 bis 3000 Jahren, geht aus den Auswertungen hervor. Genauer als zuvor wird nun etwa klar, wie der Mensch in dieser Zeit verstärkt begann, Wälder zu roden, um Landwirtschaft zu betreiben. Neben dem Anbau von Nutzpflanzen prägte auch die Viehhaltung diese Ära intensiv. Schon vor Jahrtausenden veränderten die menschlichen Eingriffe das Gesicht vieler Landschaften weltweit stark und nachhaltig, so das Fazit der Wissenschaftler.

Bedeutung für die Diskussion um den Klimawandel

Wie sie betonen, hat das Verständnis der Geschichte der menschlichen Auswirkungen auf die Umwelt auch eine Bedeutung für den Kampf gegen den Klimawandel. Durch den Sonderbericht des Weltklimarats IPCC Anfang August rückte die Landnutzung auf der Erde erst kürzlich verstärkt in den Fokus: Demnach ist sie heute insgesamt für 23 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie sich dieser Aspekt in der Geschichte entwickelt hat, sagen die Forscher. „Es ist an der Zeit, bei der Diskussion um das Anthropozän nicht nur auf die Gegenwart zu blicken. Denn die Eingriffe in der tieferen Vergangenheit haben die Ökologie dieses Planeten schon derart geprägt, dass die Veränderungen zu den Grundlagen der sozial-ökologischen Infrastrukturen wurden, die heute mit dem Wandel verbunden sind“, sagt Co-Autor Erle Ellis von der University of Maryland in Baltimore.

Neben den aktuellen Ergebnissen sehen er und seine Kollegen die Daten der Studie nun als eine Grundlage für weitere Untersuchungen: „Ein globaler Datensatz wie dieser lädt zu vielen interessanten Nachuntersuchungen ein, die bisher nicht möglich waren. Mit all unseren frei verfügbaren Daten kann nun jeder vielen unterschiedlichen Forschungsfragen nachgehen“, sagt Marwick abschließend.

Quelle: University of Washington, Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.aax1192

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Es|pa|gno|le  auch:  Es|pag|no|le  〈[spanjol()] f. 19; Mus.〉 ein span. Tanz ... mehr

Ber|ga|mot|te  〈f. 19; Bot.〉 1 Pomeranzenart mit länglichen, blassgelben, glattschaligen Früchten: Citrus aurantium var. bergamia 2 eine Birnensorte ... mehr

Kaus|ti|kum  〈n.; –s, –ti|ka; Med.〉 Ätzmittel [<lat. causticum; ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige