Giraffenhalssaurier: Fossiles Rätsel gelöst - wissenschaft.de
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Giraffenhalssaurier: Fossiles Rätsel gelöst

Seit 1852 spekulieren Paläontologen über die Lebensweise dieses 242 Millionen Jahre alten Sauriers. (Bild: Beat Scheffold, PIMUZ, UZH)

Der Hals des Giraffenhalssauriers Tanystropheus war dreimal so lang wie sein Rumpf. Doch lebte dieses seltsame Wesen aus dem Zeitalter des Trias an Land oder im Wasser und gab es zwei Arten? Nun verdeutlicht die erste Rekonstruktion seines Schädels, dass Tanystropheus ein Wasserbewohner war. Das Fehlen effizienter Flossen lässt aber vermuten, dass der über fünf Meter lange Giraffenhalssaurier ein Lauerjäger war. Zudem haben sich nun kleinere Fossilien, die man bisher für seine Jungtiere gehalten hat, als eine separate Zwergart herausgestellt.

Tanystropheus bereitet Paläontologen schon seit über 150 Jahren Kopfzerbrechen: Es gab sogar Vermutungen, dass es sich bei diesem Wesen um einen Flugsaurier gehandelt hat, da man die seltsam langen und hohlen Knochen für Flügelstrukturen hielt. Doch dann wurde deutlich, dass sie einen seltsam überdimensionierten Hals eines Sauriers gebildet haben, der vor 242 Millionen Jahren gelebt hat. An Land entstanden damals gerade die ersten Dinosaurier und im Meer herrschten Riesenreptilien. Deshalb waren sich Wissenschaftler bisher nicht sicher, ob Tanystropheus an Land oder im Wasser lebte – seine bizarren Körpermerkmale ließen keine eindeutigen Schlüsse zu. Dazu kam: Es wurden an Fundorten in den Alpen auch etwa ein Meter große Fossilien entdeckt, bei denen unklar blieb, ob es sich um Jungtiere von Tanystropheus oder um eine andere Art gehandelt hat.

3D-Rekonstruktion offenbart charakteristische Merkmale

Das Hauptproblem bei der Charakterisierung des Sauriers war bisher, dass keine gut erhaltenen Schädel gefunden wurden – nur stark zertrümmerte Überreste. Doch nun hat ein internationales Forscherteam anhand solcher Fragmente einen Schädel von Tanystropheus in einem bisher unbekanntem Detailreichtum rekonstruiert. Die Wissenschaftler nutzten dafür das sogenannte SRμCT-Verfahren (synchrotron radiation micro-computed tomography), eine extrem leistungsfähige Form der Computertomografie. So konnten sie nun erstmals fundierte Rückschlüsse auf seine Lebensweise und Entwicklung gewinnen.

Tanystropheus lag wahrscheinlich im Wasser auf der Lauer und wartete auf Beute. (Bild: Emma Finley-Jacob)

Die 3D-Rekonstruktion verdeutlichte: Der Schädel von Tanystropheus weist mehrere Anpassungen an das Leben im Wasser auf. Wie die Forscher berichten, befinden sich die Nasenlöcher auf der Oberseite der Schnauze – ähnlich wie bei heutigen Krokodilen. Die Zähne sind lang und gebogen und somit perfekt angepasst, um glitschige Beute wie Fische und anderer Meerestiere zu fangen, erklären die Forscher.

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Es fehlen allerdings an den Gliedmaßen und am Schwanz erkennbare Anpassungen an eine effiziente Fortbewegung im Wasser. Dies legt nahe, dass Tanystropheus kein besonders guter Schwimmer war. „Wahrscheinlich jagte er, indem er sich langsam durchs trübe Wasser bewegte und sich seiner Beute heimlich näherte“, sagt Erstautor Stephen Spiekman von der Universität Zürich. „Dabei halfen ihm sein kleiner Kopf und der sehr lange Hals, möglichst lange verborgen zu bleiben“, so der Paläontologe.

Große und kleine Art

Auch das Mysterium der unterschiedlich großen Fossilien haben die Forscher im Rahmen der Studie geklärt. Bisher wurden sie als Jungtiere und Erwachsene derselben Art angesehen. Die aktuelle Studie widerlegt diese Interpretation nun. Denn der neu rekonstruierte Schädel, der von einem großen Exemplar stammt, unterscheidet sich vor allem in den Merkmalen des Gebisses von den Überresten kleinerer Schädel deutlich. Um gezielt festzustellen, ob es sich bei den kleinen Exemplaren um Jungtiere gehandelt haben könnte, untersuchten die Wissenschaftler zudem Querschnitte von Knochen einiger Fossilien.

Dabei konnten sie charakteristische Wachstumsringe aufdecken, die sich bilden, wenn das Knochenwachstum drastisch verlangsamt wird. „Aufgrund der Anzahl und Verteilung der Wachstumsringe schließen wir, dass es sich beim kleineren Typ nicht um junge, sondern um ausgewachsene Tiere handelte“, sagt Co-Autor Torsten Scheyer von der Universität Zürich. „Die kleinen Fossilien sind demnach eine separate, kleinere Art von Tanystropheus“.

Wie die Wissenschaftler erklären, konnten sich die beiden eng verwandten Arten in derselben Umgebung entwickeln, da sie verschiedene Nischen besetzten. „Die unterschiedliche Größe der Tiere, zusammen mit den kegelförmigen Zähnen bei der großen Art und den kronenförmigen Zähnen bei der kleinen, bedeutet, dass sie wahrscheinlich nicht um die gleiche Beute konkurrierten: Die Kleinen ernährten sich wahrscheinlich von kleinen Schalentieren wie Krabben, während die große Spezies Jagd auf Fische und Tintenfische machte“, erklärt Scheyer.

Abschließend sagt Co-Autor Olivier Rieppel vom Field Museum in Chicago:
„Ich studiere Tanystropheus seit über dreißig Jahren, daher ist es äußerst befriedigend zu sehen, wie diese Kreatur nun endlich entmystifiziert werden konnten“, so der Paläontologe.

Quelle: FieldMuseum, Universität Zürich, Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2020.07.025

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