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Erde+Klima

Haben milde Winter die Klimasorgen gekühlt?

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Nordamerika im Fokus. (Bild: Elenarts/iStock)
Leidensdruck – oft bringt erst diese Triebfeder Menschen dazu, auf Probleme zu reagieren. Im Fall des Klimawandels könnte das der Grund sein, warum gerade in den USA die Bereitschaft zum aktiven Klimaschutz vergleichsweise schwach ist, meinen zwei Forscher. Ihren Analysen zufolge hat der Klimawandel nämlich der Mehrheit der US-Bürger in den letzten Jahrzehnten zunehmend angenehmes Klima beschert. Dieser Trend wird sich Klimamodellen zufolge allerdings zum Ende des Jahrhunderts ins Gegenteil drehen. Der „motivierende“ Effekt des Leidensdrucks durch unangenehmes Klima käme dann jedoch zu spät.

Beeinflussen Klimaentwicklungen am Wohnort von Menschen überhaupt ihre Einstellungen zum Thema Klimawandel? Bereits 2012 sind Patrick Egan von der New York University und Megan Mullin von der Duke University in Durham dieser grundlegenden Frage nachgegangen. Sie konnten statistisch belegen, dass Menschen aus Regionen mit einem nachweisbaren Erwärmungstrend deutlich eher vom Effekt des Klimawandels überzeugt waren, als Menschen aus Vergleichsregionen. Mit anderen Worten: Merkliche Klimaentwicklungen scheinen durchaus Meinungen zu beeinflussen. Ihre aktuelle Studie baut nun auf diesem Ergebnis auf.

Bisher ein eher angenehmer Klimatrend

Sie werteten dazu aus, wie sich das Klima in den einzelnen Regionen der USA seit 1974 entwickelt hat – als der Klimawandel begann, zunehmend zu einem Thema in der öffentlichen Diskussion zu werden. Außerdem erfassten sie systematisch die klimatischen Präferenzen der US-Amerikaner. Demnach werden tendenziell milde Winter und nicht zu heiße Sommer mit vergleichsweise geringer Luftfeuchtigkeit als angenehm empfunden. Anhand dieser Informationen entwickelten Egan und Mullin einen „Wetter-Preferenzen-Index“ (WPI), in dem sich widerspiegelt, wie angenehm die Klimabedingungen an einem bestimmten Ort vom Durchschnittsbürger empfunden werden.

In den Auswertungen der Forscher zeichnete sich ab: 80 Prozent der US-Amerikaner leben in Regionen, in denen sich die klimatischen Bedingungen in den letzten 40 Jahren angenehm entwickelt haben. Die Winter sind dort deutlich milder geworden, die Sommer aber nicht viel heißer und die Luftfeuchtigkeit ist eher gesunken. Konkret: Typischerweise haben die US-Bürger eine durchschnittliche Zunahme der maximalen Januartemperaturen um 0,58 Grad Celsius pro Jahrzehnt erlebt. Die entsprechenden Juli-Werte sind hingegen nur um 0,07 Grad gestiegen und seit der Mitte der 1990er Jahre ist die durchschnittliche Luftfeuchte im Sommer etwas gefallen.

Tatenlosigkeit könnte sich heiß rächen

Abgesehen von vermehrten Wetterextremen scheint der Klimawandel den US-Bürgern demnach bisher nicht geschadet, sondern durchschnittlich sogar eher genützt zu haben. Inwieweit sich dies tatsächlich auf die Einstellungen gegenüber Bemühungen zum Klimaschutz ausgewirkt hat, bleibt zwar weitgehend Spekulation, doch die Forscher befürchten: „Das Klima in den letzten Jahrzehnten war eine schlechte Quelle der Motivation, um die Politik aufzufordern, das Problem des Klimawandels zu bekämpfen“, so Mullin.

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Den Forschern zufolge wäre das allerdings dringend nötig, um langfristig angenehmes Klima in den USA zusichern. Denn ihre Auswertungen von Modellen zur weiteren Entwicklung des Klimas in den USA legen nahe: Geht es so weiter wie bisher, werden die Sommertemperaturen stark anziehen. Am Ende des 21. Jahrhunderts müssen deshalb 90 Prozent der US-Bürger mit Klimabedingungen rechnen, die deutlich schlechter sein werden als in der Vergangenheit.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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Wissenschaftslexikon

Hy|per|bel|funk|ti|on  〈f. 20; Math.〉 Funktion der höheren Mathematik, die Summe, Differenz, deren Kehrwerte od. der Quotient aus Summe u. Differenz zweier Exponentialfunktionen

Ma|rim|ba|fon  〈n. 11; Mus.〉 Marimba, die mit Resonanzröhren aus Leichtmetall versehen ist; oV Marimbaphon ... mehr

Wirksamkeit

Gewiss, wir haben gerade andere Sorgen als die Homöopathie. Aber es hat mich eben doch geärgert, als ich die neue Ausgabe 4/2020 der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ aufgeschlagen habe und darin eine Homöopathie-Apologetik des früheren Blätter-Redakteurs Christoph Wagner sehen musste. Christoph Wagner firmiert als „Heilpraktiker, Philosoph, Kreativtherapeut, Ernährungscoach und psychologischer Berater“ und die „Blätter“ haben ihrem alten Freund eine Werbeplattform geboten. Ob demnächst jemand, der mal für die Blätter gearbeitet hat, auch für die Tabakindustrie werben darf? Oder für seinen Hedgefonds?

Wenn der kreative Mann wenigstens ein paar kreative Gedanken zum Thema beigesteuert hätte, aber weit gefehlt. Es sind zwei Seiten mit den altbekannten Werbesprüchen der Homöopathen. Der Beitrag fängt schon mit einer antiquierten Gegenwartsbestimmung an.

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„Um Sinn und Unsinn der Homöopathie herrscht mittlerweile erbitterter Streit. Aktuell kocht er unter anderem bei den Grünen hoch.“

Der Streit kocht nicht „mittlerweile“, sondern seit Jahren, und die Sache mit den Grünen ist auch schon eine Weile her. Wagner referenziert diesen Einleitungssatz mit einem Verweis auf einen Artikel aus den Blättern 2/2019. Sehr aktuell. Die einzige Referenz übrigens.

Wie gesagt, es gibt nicht viele Argumente, in der Hinsicht präsentiert sich Wagner geradezu paradigmatisch als Vertreter einer verdünnten Vernunft. So schreibt er beispielsweise zum Thema Wirksamkeit:

„Die Behauptung der Nichtwirksamkeit trifft selbst auf die meist im Fokus stehenden Hochpotenzen, in denen physikalisch gesehen nichts mehr vom Ausgangsstoff enthalten ist, pauschal nicht zu. Vielmehr gibt es zur Grundlagenforschung mehr als 1000 Publikationen mit sehr gemischten, keinesfalls aber eindeutigen Ergebnissen.“

Von einem Menschen, der sich als „Philosoph“ einführt, würde ich mir wünschen, dass er erklärt, wie in der Grundlagenforschung, in der ja dezidiert die naturwissenschaftliche Ebene angesprochen ist, ohne physikalisches Agens trotzdem eine Wirksamkeit vorstellbar ist. Von mir aus hätte er panpsychische Spekulationen oder die „geistartigen Kräfte“ Hahnemanns anführen können, aber irgendwas müsste er doch dazu sagen. Dann wäre es natürlich auch geboten, zu sagen, was eine in Grundlagenexperimenten angeblich beobachtete „Wirksamkeit“ meint. Die zu zeigende therapeutische Wirksamkeit kann es ja nicht sein, die kann nur in klinischen Studien nachgewiesen werden. Und last but not least: Dass sich in 1000 Studien alles Mögliche zeigt, dass zufallsbedingt nahezu mit Notwendigkeit Studien dabei sind, die etwas zeigen und solche, die nichts zeigen, ist kein Geheimwissen, sondern Erstsemester-Statistik. Was soll beim Schwanken von Messergebnissen um die Null-Linie anderes herauskommen? Danach, ob Wagner die 1000 Studien wirklich gelesen hat, um deren Ergebnisse beurteilen zu können, oder ob nur nachredet, was er woanders gelesen hat und gerne glauben möchte, will ich erst gar nicht fragen.

Und weiter:

„Abgesehen davon werden in Deutschland weit mehr homöopathische Mittel eingenommen, in denen mögliche Wirksubstanzen nachgewiesen werden können.“

Das stimmt, aber es bedeutet nichts. Wagner führt hier nämlich ein pharmakologisches Argument ein. Die entscheidende Frage wäre also, sind es Wirksubstanzen mit der gewünschten therapeutischen Wirksamkeit (und nicht nur irgendeiner physikalisch feststellbaren „Wirksamkeit“) und sind sie in der pharmakologisch nötigen Dosis enthalten? Sonst ist man wieder nur beim Thema Hochpotenzen mit den unerklärlichen geistartigen Mechanismen.

Wagner führt dann selbst die Alternativerklärung für beobachtete Wirksamkeiten an:

„Darüber hinaus liegt der Behandlungserfolg von homöopathischen Mitteln nicht nur in den verabreichten Medikamenten begründet. Viele Richtungen er Komplementärmedizin verfolgen das Ziel, dass Patient*innen sich mehr ‚gesehen‘ und ‚behandelt‘ fühlen als in der üblichen Fünf-Minuten-Medizin.“

Wenn man einmal darüber hinwegsieht, dass der erste Satz selbstwidersprüchlich ist, weil da steht, der Erfolg der Mittel hänge nicht von den Mitteln (Medikamenten) ab, muss man ihm hier zustimmen. Der Erfolg der Homöopathie begründet sich aus dem Setting, den Kontextfaktoren. Das Setting hat positive Aspekte, z.B. die Mobilisierung von starken Placeboeffekten oder von Selbstwirksamkeitseffekten, wie negative Aspekte, z.B. die nicht selten sektenartige Bindung von Patienten und Therapeuten, die ein kritisches Hinterfragen von Therapievorschlägen durch die Patienten erschwert. Es gibt inzwischen genug Beispiele, in denen Schwerkranke ihrem Guru gutgläubig bis in den Tod gefolgt sind. Die Konsequenz aus der richtigen Einsicht, dass die sprechende Medizin im Gesundheitswesen zu kurz kommt, müsste die Forderung nach mehr sprechender Medizin sein, nicht die Verteidigung esoterischer Ansätze.

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