Anzeige
Anzeige

Spinosaurus

Jagte der Riesen-Räuber wie ein Storch?

Darstellung eines Spinosaurus beim Waten im Wasser mit der Schnauze nach Beute stöbernd. (Bild: Robert Nicholls)

Wie lebte und jagte der skurrile Spinosaurus? Die kürzlich aufgestellte Theorie vom flink schwimmenden Fischjäger stellen nun zwei Paläontologen infrage. Ihrem Gutachten zufolge war der Riese mit seinem Ruderschwanz zwar ans Wasser angepasst, seine Merkmale passen aber dennoch nicht zu einem aquatischen Verfolgungsjäger. Ihnen zufolge nutze er wohl eher flexibel alle verfügbaren Nahrungsquellen an Land und im Wasser des Uferbereichs. Möglicherweise watete er auch in den seichten Zonen mit seiner langen Schnauze am Grund und stöberte dabei nach Beute – ähnlich wie die heutigen Störche, sagen die Forscher.

Furchterregend und gigantisch: Mit 15 Meter Länge und einem Gewicht von etwa 20 Tonnen war Spinosaurus aegyptiacus vermutlich der größte Raubsaurier aller Zeiten. Die Bühne der Paläontologie betrat der skurrile Dino der Kreidezeit bereits im Jahr 1912. Doch das erste bekannte Fossil aus Ägypten ging für die moderne Forschung verloren: Der in München gelagerte Fund wurde 1944 bei einem Bombengriff völlig vernichtet. Anschließend warfen nur wenige Teilfunde Licht auf die Merkmale dieses spektakulären und seltsam gebauten Dinosauriers. Das änderte sich erst 2014: Paläontologen präsentierten ein sehr gut erhaltenes Fossil von Spinosaurus aus Marokko.

Ein schnell schwimmender Jäger?

Den Untersuchungsergebnissen zufolge besaß das Tier Merkmale, die zumindest eine semiaquatische Lebensweise nahelegten. Doch wie und wovon sich der Spinosaurus genau ernährt haben könnte, blieb unklar. Man ging zunächst nicht davon aus, dass die Tiere hauptsächlich schwimmend unterwegs waren, sondern eher durchs seichte Wasser liefen. Doch Anfang 2020 brachte dann eine Untersuchung des Schwanzes frischen Wind in die Diskussion. Aus den Merkmalen ging hervor, dass es sich um einen Ruderschwanz gehandelt hat, der für einen effektiven Antrieb im Wasser sorgen konnte. Die Wissenschaftler schlossen aus den Ergebnissen dieser Studie, dass Spinosaurus „ein hochspezialisierter aquatischer Räuber war, der seine Beute im Wasser schwimmend verfolgte und fing“.

Doch wie David Hone von der Queen Mary University of London und Tom Holtz von der University of Maryland in College Park betonen, beweist ein ans Schwimmen angepasster Schwanz nicht, dass Spinosaurus tatsächlich ein aquatischer Verfolgungsjäger war. Denn einige heutige Tierarten schwimmen auch mithilfe eines derartigen Schwanzes, ohne ihn für Verfolgungsjagden zu nutzen. Die beiden Paläontologen haben unter Berücksichtigung der neuen Daten nun ein neues Gutachten zum vermuteten Verhalten des Tieres erstellt. Sie verglichen dazu die Merkmale von Spinosaurus mit denen von anderen Dinosaurierarten und verschiedenen heutigen Tieren, die an Land oder im Wasser leben und jagen. Sie erstellten dabei eine systematische Liste von Aspekten der verschiedenen Körperteile und Merkmale von Spinosaurus, die zu einer Lebensweise als aquatischer Jäger passen oder nicht.

Anzeige

Zu schwerfällig

Wie sie berichten, zeichnete sich ab: Es gibt mehrere Merkmale, die nicht zu dem Konzept des aquatischen Verfolgungsräubers zu passen scheinen. Im Gegensatz dazu widersprechen aber keine Aspekte einer Lebensweise als Generalist – verschiedene Hinweise sprechen sogar deutlich für ein solches Verhalten, berichten die Wissenschaftler. „Wir haben versucht, die uns zur Verfügung stehenden Beweise zu nutzen, um seine Lebensweise bestmöglich zu beschreiben. Und was wir gefunden haben, entsprach nicht den Attributen, die man bei einem aquatischen Verfolgungsjäger in der Art eines Otters, Seelöwen oder Plesiosauriers erwarten würde“, sagt Holtz.

Einer der wichtigsten Aspekte ist dabei die Einschätzung der Schwimmfähigkeit. Die Forscher ziehen dazu einen Vergleich: „Krokodile sind mit ihrem Ruderschwanz im Gegensatz zu Landtieren hervorragend ans Schwimmen angepasst, aber sie sind nicht darauf spezialisiert, durch ihre Schnelligkeit aktiv nach Fischen zu jagen“, sagt Hone. Den Hinweisen zufolge besaß Spinosaurus eine im Verhältnis zu seiner Körpergröße schwächere Schwanzmuskulatur als Krokodile und durch seinen massigen Körper bot er wohl auch viel Widerstand im Wasser. Somit erscheint eine aktive Jagd auf Fische eher unwahrscheinlich. „Er wäre dafür kaum schnell oder effizient genug gewesen. Unsere Ergebnisse passen viel eher zu der Theorie des Watens im seichten Wasser, auch wenn sie etwas weniger spannend erscheint“, so der Wissenschaftler.

Eher watend im Flachwasser unterwegs

Demnach war Spinosaurus ein eher flexibler Räuber des Uferbereichs, der sich jede verfügbare Beute an Land oder im flachen Wasser schnappte. Wie die Forscher berichten, gibt es Hinweise darauf, dass er möglicherweise ähnlich wie Reiher oder Störche im Flachwasser nach Beute stöberte. Merkmale seiner Halswirbel legen eine häufig nach unten gerichtete Stellung der langen Schnauze nahe. Auch die Atemöffnungen saßen ähnlich weit hinten wie bei den Schnäbeln der Vögel und nicht an der Spitze wie bei Krokodilen. Möglicherweise waren die Spinosaurier demnach mit ihrer Schnauze am Grund im Flachwasser unterwegs, um versteckte Beutetiere aufzustöbern.

„Spinosaurus war wohl mehr als jeder andere große Dinosaurier an die Jagd im Wasserbereich angepasst“, betont Holtz. „Aber das ist eine andere Behauptung, als dass er ein schneller Schwimmer war, der aquatische Beute jagte.“ Abschließen gibt Hone allerdings zu bedenken: „Während unsere Studie ein klareres Bild von der Ökologie und dem Verhalten von Spinosaurus liefert, gibt es immer noch viele offene Fragen und Details, die noch zu klären sind, und wir müssen unsere Vorstellungen immer wieder überprüfen, während wir weitere Beweise und Daten über diese einzigartigen Dinosaurier sammeln. Dies wird nicht das letzte Wort über die Biologie dieser erstaunlichen Tiere sein“, sagt Hone.

Quelle: Queen Mary University of London, Fachartikel: Palaeontologia Electronica, doi:10.26879/1110

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Wahl zum Wissensbuch des Jahres

Anzeige

Dossiers

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Zy|go|te  〈f. 19; Biol.〉 bei der Verschmelzung von Geschlechtszellen entstehender organ. Verband [<grch. zygotos ... mehr

Glo|bu|le  〈f. 19; Astron.〉 rundlicher Dunkelnebel aus Staub u. Gas mit einem verhältnismäßig kleinen Durchmesser von nur 0,2–1,5 Lichtjahren [zu lat. globulus, ... mehr

To|nus  〈m.; –; unz.〉 1 〈Med.〉 Spannungs– od. Aktivitätszustand 2 〈Mus.〉 Ganzton, große Sekunde ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige