Kaum noch ungehinderte Ströme - wissenschaft.de
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Erde+Klima

Kaum noch ungehinderte Ströme

Mekong
Blick über den Mekong-Fluss in Kambodscha. (Bild: Nicolas Axelrod-RUOM / WWF)

Flüsse sind die Lebensadern unseres Planeten – und es ist kein Zufall, dass die meisten Kulturen an ihren Ufern oder Mündungen entstanden. Doch inzwischen droht die Menschheit, diese Lebensadern abzuschnüren, wie die erste globale Bestandsaufnahme freifließender Flüsse belegt. Demnach strömen nur noch rund ein Drittel der 242 längsten Flüsse der Erde ungehindert in ihrem Bett, weniger als ein Viertel von ihnen erreicht ohne Dämme, Staustufen oder andere Hindernisse das Meer. Diese Fragmentierung der Flusssysteme hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Ökologie, Geologie, aber auch die Stoffkreisläufe des Planeten, warnen die Forscher.

„Seit Jahrtausenden liefern Flüsse uns Nahrung und Wasser zum Trinken und für die Landwirtschaft, dienen uns als Transportwege und neuerdings auch als Ressourcen für die Energiegewinnung und die industrielle Produktion“, erklären Günther Grill von der McGill University in Montreal und seine Kollegen. Die großen Ströme und Flussnetze der Erde spielen zudem eine wichtige Rolle als Lebensraum und als Akteure im globalen Stoffkreislauf. Denn mit ihrem Wasser strömen Nährstoffe, Sedimente und andere Stoffe aus dem Inland der Kontinente in die Ozeane. „Die freifließenden Flüsse der Erde bilden ein komplexes Netzwerk mit lebenswichtigen Verknüpfungen zum Land, Grundwasser und der Atmosphäre“, betont Grill.

Erste Weltkarte der freifließenden Flüsse

Doch mit der fortschreitenden Entwicklung der menschlichen Zivilisation hat auch unser Einfluss auf die Flusssysteme zugenommen. Weltweit gibt es heute geschätzte 2,8 Millionen Staudämme und Staustufen, die der Energiegewinnung, der Schifffahrt, der Bewässerung und weiteren Zwecken dienen. „Als Folge sind die Flüsse einem zunehmenden Druck durch Fragmentierung und den Verlust der Konnektivität ausgesetzt“, sagen die Forscher. Wie stark die großen Flüsse der Erde inzwischen durch menschliche Einflüsse beeinträchtigt sind, haben Grill und sein Team nun in einer ersten globalen Bilanz ermittelt. Für ihre Studie analysierten sie den Zustand von 242 Flüssen von deren Quelle bis zur Mündung, insgesamt erfassten sie so mehr als zwölf Millionen Flusskilometer weltweit.

Um die Konnektivität zu bewerten, berücksichtigten die Forscher fünf Formen der möglichen Beeinträchtigung: die Fragmentierung durch Dämme, die Regulierung durch Kanäle und Staustufen im fluvialen Netzwerk, die Wasserentnahme, die Sedimentabfuhr und Behinderungen durch menschliche Infrastruktur in Flussauen und Mündungsgebieten. Mithilfe eines Flussnetzwerk-Modells berechneten sie für jeden Fluss die Art und den Grad der Beeinträchtigung. Dadurch entstand eine Weltkarte, die für die wichtigsten Flüsse der Erde aufzeigt, ob und wie stark ihr Fluss durch menschliche Eingriffe eingeschränkt ist. „Unsere Studie untersucht damit den Lauf der Flüsse so detailliert wie nie zuvor“, erklärt Grill.

Nur noch ein Viertel strömt ungehindert ins Meer

Die Kartierung ergab: Mehr als die Hälfte aller Flusssysteme weltweit sind in ihrer Konnektivität vom Menschen beeinträchtigt und strömen nicht mehr unbeeinflusst. Vor allem Dämme und Staustufen schränken den freien Fluss des Wassers in diesen Systemen ein. „Auf ganzer Länge freifließend sind nur noch 37 Prozent der mehr als tausend Kilometer langen Flüsse weltweit“, berichten Grill und sein Team. Von den 91 großen Flüssen, die direkt ins Meer münden, haben nur noch 23 Prozent einen freien und natürlichen Lauf von der Quelle zur Mündung. „Das ist besonders besorgniserregend, denn diese Flüsse sind von entscheidender Bedeutung für den Austausch von Wasser, Nährstoffen, Sediment und Arten mit den Meeren“, betonen die Wissenschaftler.

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Die Kartierung enthüllt, dass in vielen dichter besiedelten Regionen der Erde kaum noch längere freifließende Flüsse geblieben sind. „Sie sind weitgehend verschwunden in den USA, Mexiko, Europa und dem Mittleren Osten sowie aus Teilen Indiens, Südostasiens und dem Süden von Australien, Afrika und Südamerika“, berichten Grill und sein Team. Die wenigen verbleibenden Flüsse mit intakter Konnektivität liegen dabei vorwiegend in entlegenen, dünn besiedelten Gebieten wie der Arktis, dem Amazonasbecken und in geringerem Maße auch dem Kongobecken, wie die Forscher erklären. Doch auch ihr Strom sei bedroht, denn weltweit sind allein für die Wasserkraft bereits mehr als 3700 Staudämme geplant oder im Bau. Die meisten dieser Dämme entstehen in China und am Himalaya, aber auch im Amazonasgebiet und auf dem Balkan boomt die Wasserkraft. „Angesichts des aktuellen Zustands und dieser Zukunftsperspektive müssen wir Handeln, um die bedrohten Flusssysteme zu bewahren oder renaturieren“, konstatieren Grill und sein Team.

Quelle: Günter Grill (McGill University, Montreal) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-019-1111-9

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