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Kohlekraftwerke als Stickoxid-Schleudern

Braunkohle-Kraftwerk
Braunkohle-Kraftwerk in Garzweiler (Foto: Vogophoto/ iStock)

Neben dem Straßenverkehr sind auch Kraftwerke große Emittenten von gesundheitsschädlichen Stickoxiden. Wie die Abgaswerte großer deutscher Braun- und Steinkohlekraftwerke aussehen, hat nun eine Studie untersucht. Sie enthüllt: Wird nicht nachgebessert, könnten fast drei Viertel aller Braunkohlekraftwerke und viele Steinkohleanalgen die ab 2021 gültigen neuen Grenzwerte der EU überschreiten. Verhindern ließe sich dies jedoch leicht durch den konsequenteren Einsatz der Abgasreinigung.

Stickoxide (NOx) sind schädlich für Umwelt und Gesundheit – so viel ist inzwischen klar. Die Gase reizen die Atemwege, fördern Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma und Stoffwechselkrankheiten. Studien zufolge gehen weltweit rund 100.000 Todesfälle pro Jahr auf das Konto zu hoher Stickoxidwerte in der Atemluft. Für Deutschland errechnete das Umweltbundesamt erst vor kurzem, dass hierzulande pro Jahr 6000 bis 8000 Menschen an einer von Stickoxiden verursachten Herz-Kreislauf-Erkrankung sterben. Zehntausende weitere erkranken deswegen an Bluthochdruck, Asthma oder Diabetes.

Um diese Folgen einzudämmen, hat die Europäische Union die zulässige Stickoxidbelastung der Luft auf einen Grenzwert von maximal 40 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel beschränkt. Doch in vielen Städten in Deutschland werden diese Grenzwerte schon seit Jahren immer wieder überschritten. Einer der Hauptschuldigen daran ist der Verkehr mit einem Anteil von rund 40 Prozent, weil besonders Dieselfahrzeuge mehr NOx emittieren als erlaubt.

108 deutsche Kohlekraftwerke unter der Lupe

Aber auch die Energiewirtschaft trägt mit rund 25 Prozent zur Stickoxidbelastung bei. Seit 20 Jahren stoßen die deutschen Kraftwerke konstant rund 300.000 Tonnen Stickoxide pro Jahr aus. Die EU hat deswegen im Jahr 2017 neue Emissionsrichtlinien für Kraftwerke beschlossen. Sobald diese in nationales Recht umgesetzt sind, dürften bestehende Anlagen mit mehr als 100 Megawatt Leistung nur noch 150 Milligramm Stickstoff pro Kubikmeter Abluft ausstoßen. Diese Werte gelten spätestens ab August 2021.

Wie hoch der NOx-Austoß von deutschen Stein- und Braunkohlekraftwerken momentan ist und wie die Emissionen verringert werden könnten, haben nun Forscher des Ökopol-Instituts im Auftrag des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Klima-Allianz Deutschland untersucht. Für ihre Studie werteten sie die Stickoxid-Emissionsdaten von 40 Braunkohlekraftwerken und 68 Steinkohlekraftwerken ab 100 Megawatt elektrischer Leistung aus.

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Braunkohle: Drei Viertel liegen drüber

Das Ergebnis: 73 Prozent der Braunkohlekraftwerke, darunter Blöcke von Neurath und Niederaußem am Tagebau Hambach, schaffen nicht einmal das Mindestniveau der neuen EU-Standards. Vor allem alte Anlagen emittieren teilweise deutlich mehr als die je nach Bautyp und Alter künftig vorgeschriebenen 150 bis 175 Milligramm Stickstoff pro Kubikmeter. „Der NOx-Mittelwert aller großen Braunkohlekraftwerke lag im Jahr 2016 bei 178 mg/Nm3 und im Jahr 2017 bei 177 mg/Nm3“, heißt es in der Studie.

Der Grund dafür: Braunkohlekraftwerke werden bisher ohne Katalysatoren oder den Einsatz von Harnstoff oder Ammoniakwasser zum Binden der Stickoxide im Abgas betrieben. Würden die Blöcke jedoch mit einem Katalysator ausgestattet, könnten ihre Stickoxid-Emissionen um mehr als die Hälfte oder 55.700 Tonnen pro Jahr gesenkt werden, wie die Gutachter berichten. Das entspricht einer Reduktion auf rund ein Drittel der heutigen Emissionen. „Jeder PKW muss die Stickoxide in seinen Abgasen mindern. Für Braunkohle-Kraftwerke gilt dies bislang nicht“, sagt Fabian Hübner von der Klima-Allianz Deutschland. „Die deutsche Energiewirtschaft hat seit zwanzig Jahren nichts getan, um ihren Stickoxidausstoß zu mindern.“

Dabei wären die Kosten für zusätzliche Maßnahmen zur Entstickung, sei es durch Katalysator-Technik oder nur durch die Eindüsung von Harnstoff oder Ammoniakwasser, insgesamt gering: Sie bewegen sich im Bereich von 0,036 Cent pro Kilowattstunde, wenn jeweils nur die eine oder andere Technik eingesetzt würde. „Das sind äußerst geringe Kosten für einen großen Gewinn für die Gesundheit der Bevölkerung. Ausnahmen von der Regel sind daher nicht zu rechtfertigen,“ so Hübner.

Steinkohle: Katalysatoren werden nicht voll ausgeschöpft

Bei den Steinkohlekraftwerken in Deutschland gibt es ebenfalls noch reichlich Raum für Emissions-Minderungen. Der Studie zufolge überschreiten 44 von 68 Kraftwerksblöcken heute noch die neuen Mindestanforderungen der EU. Für sie ist ein Katalysator zwar bereits seit den 1980er Jahren Pflicht, viele Kraftwerksbetreiber schöpfen die Leistung und Möglichkeiten dieser Abgasreinigung bisher aber nicht voll aus, wie die Forscher erklären. Würden die Steinkohlekraftwerke ihre Katalysatoren voll ausschöpfen, könnten sie der Ökopol-Studie zufolge ihre Stickoxid-Emissionen noch einmal um knapp die Hälfte mindern.

Nach Ansicht der Experten könnten diese Ergebnisse auch für die Kohlekommission relevant sein: „Die Entscheidung über einen Fahrplan für den Kohleausstieg muss Hand in Hand mit den neuen EU-Vorschriften zur Luftreinhaltung gehen“, sagt Tina Löffelsend vom BUND. „Die Kohlekommission braucht konkrete Angaben von der Bundesregierung, wie ambitioniert die neuen EU-Schadstoffgrenzen in Deutschland umgesetzt werden. Dies wäre ein wichtiger Baustein für den Ausstiegsfahrplan, den die Kommission vorschlagen soll.

Quelle: BUND und Klima-Allianz Deutschland, Download der Studie (PDF)

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