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Kurios: Krokodile auf zwei Beinen

So könnten die zweibeinig laufenden Krokodile ausgesehen haben. (Bild: DR ANTHONY ROMILIO)

Vor etwa 110 Millionen Jahren waren im heutigen Südkorea seltsame Wesen auf zwei Beinen unterwegs: kreidezeitliche Verwandte unserer heutigen Krokodile. Das schließen Paläontologen aus Untersuchungsergebnissen von versteinerten Fußspuren. Vergleichbare Abdrücke an anderen Fundorten könnten demnach ebenfalls von den mysteriösen „Zweibein-Krokos“ stammen und nicht von laufenden Flugsauriern, wie zuvor vermutet wurde.

Versierte Fährtensucher können leicht anhand der Spuren erkennen, welche Tiere beispielsweise über den weichen Untergrund einer Wasserstelle in Afrika gelaufen sind. Denn Gazelle, Löwe, Krokodil und Co hinterlassen Fußabdrücke mit charakteristischen Merkmalen. In der Regel verwischen solche Fährten schnell wieder, doch in manchen Fällen können sie durch Überlagerungen beispielsweise mit Sand oder Schlamm konserviert werden. Auf diese Weise entstanden vor Jahrmillionen Versteinerungen von Spuren der damaligen Tierwelt, die heute an einigen Orten der Welt zu finden sind. Wer dort einst gelaufen ist, lässt sich oft zumindest grob zuordnen. Denn die Vertreter bestimmter urzeitlicher Tiergruppen – wie der riesigen Sauropoden oder der zweibeinigen Raubsaurier – besaßen typische Fußformen und Fortbewegungsmuster, an denen sie erkennbar sind.

Im aktuellen Fall haben die Forscher um Anthony Romilio von der University of Queensland gut erhaltene Spuren an einem Fundort in der südkoreanischen Jinju-Formation untersucht. Den Datierungen zufolge waren die Verursacher dort vor etwa 110 bis 120 Millionen Jahren im schlammigen Uferbereich einer Seenlandschaft unterwegs. Die rund 100 Fußabdrücke sind 18 bis 24 Zentimeter lang und teilweise so gut konserviert, dass die Strukturen der Haut noch erkennbar sind. „Es haben sich sogar die feinen Details der Zehenpolster und Schuppen auf den Sohlen erhalten“, sagt Romilio.

Ein Krokodil war’s!

Nach den Analysen der Strukturen und der Art des Auftretens kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Spuren von einem Vertreter der sogenannten Crocodylomorpha stammen. Dabei handelte es sich um Vorfahren unserer heutigen Krokodile, die in der Jura- und Kreidezeit zahlreiche Arten hervorgebracht haben. Andere Verursacher kommen den Paläontologen zufolge nicht in Frage: „Dinosaurier und ihre Vogelnachkommen laufen auf ihren Zehen. Krokodile gehen hingegen auf den flachen Füßen und hinterlassen deutliche Abdrücke an der Ferse – ähnlich wie der Mensch“, sagt Romilio. Genau diese Merkmale besitzen die Spuren am Fundort, berichtet das Team.

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Der Clou ist nun: Obwohl überall auf dem Gelände Fußabdrücke waren, fanden die Forscher zu ihrem Erstaunen keine Abdrücke der Vordergliedmaßen. „Beim Laufen eines vierbeinigen Tieres können die Hinterfüße zwar in den Abdruck der Hand treten und ihn dadurch ‚überdrucken‘, aber das hätte sich bei dieser Fundlage abzeichnen müssen“, sagt Romilio. Er und seine Kollegen kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Spuren durch einen zweibeinigen Gang entstanden sind. „Diese Wesen bewegten sich auf die gleiche Weise wie viele Dinosaurier, aber die Fußabdrücke stammen nicht von Vertretern dieser Tiergruppe“, so der Paläontologe.

Detailaufnahme von drei der Fußspuren. (Bild: Kyung Soo Kim, Chinju National University of Education, Kyungnam, South Korea.)

Zweibeinig laufende Krokodile wirken fast wie ein Scherz – doch den Wissenschaftlern zufolge ist dies möglich. Denn die verschiedenen Vertreter der Crocodylomorpha besaßen zwar viele gemeinsame Merkmale mit unseren heutigen Krokodilen, aber es gibt auch Beispiele von Arten mit einer ungewöhnlichen Statur. „Die heutigen Krokodile laufen in einer gedrungenen Haltung und verursachen breite Spuren“, sagt der Erstautor der Studie Kyung Soo Kim von der koreanischen Chinju National University of Education in Jinju. „In unserem Fall ist die Fährte hingegen sehr schmal – als hätte sie ein Krokodil verursacht, das auf einem Drahtseil balancierte. Kombiniert mit dem Fehlen der Abdrücke der Vordergliedmaßen und jeglicher Schwanzschleppspuren wurde deutlich, dass sich diese Kreaturen zweibeinig bewegt haben“, so Kim.

Hoffnung auf Fossilienfunde

Nach den Einschätzungen der Forscher handelte sich bei den kreidezeitlichen Krokodilen um langgestreckte Tiere, die über drei Meter lang waren. „Die Größe der Fußabdrücke von bis zu etwa 24 Zentimetern legt nahe, dass die Verursacher Beine hatten, die etwa so hoch waren wie die eines erwachsenen Menschen“, sagt Romilio. Auf ihnen könnte das Tier seinen langen Körper so gelagert haben, dass eine Fortbewegung auf zwei Beinen möglich war, vermuten die Wissenschaftler.

Wie sie weiter berichten, wirft die Studie nun auch ein neues Licht auf andere mysteriöse Fährten: Man hatte ähnliche Spuren wie am Fundort zuvor für die Hinterlassenschaften von großen Flugsauriern (Pterosauriern) gehalten, die zweibeinig durch den Schlamm liefen. „Jetzt zeichnet sich ab, dass es sich um Krokodilspuren handeln könnte“, sagt Romilio. Dies unterstützt somit die These, dass Flugsaurier nur mit Unterstützung ihrer abgewinkelten Flügel laufen konnten.

Bisher wirken die Schlussfolgerungen von Romilio und seinen Kollegen allerdings noch recht spekulativ. Ob wirklich einst Krokodile auf zwei Beinen durch das kreidezeitliche Südkorea marschierten, können letztlich nur Fossilienfunde belegen. So schreiben die Forscher auch abschließend: „Der Nachweis eines großen Crokodylomorphen mit bipedalem oder fakultativem zweibeinigem Gang wirkt überraschend, ist aber möglich und könnte zukünftig durch Fossilfunde aus der Kreidezeit bestätigt werden“.

Quelle: University of Queensland, Fachartikel: Scientific Reports, DOI: 10.1038/s41598-020-66008-7

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