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Länger getrennt als gedacht?

Zahnvergleiche lieferten der Forscherin die entscheidenden Hinweise. (Bild: Aida Gomez-Robles)

Die Evolutionsgeschichte des Menschen ist ziemlich komplex – und gibt Forschern noch immer Rätsel auf. Auch in Bezug auf unseren Steinzeit-Cousin, den Neandertaler, sind viele Fragen bis heute offen: Wann zum Beispiel trennte sich seine Abstammungslinie von der unsrigen? Eine Anthropologin präsentiert nun eine neue Theorie zu diesem Thema. Sie will anhand von Zahnvergleichen herausgefunden haben, dass sich die beiden evolutionären Linien viel früher voneinander trennten als bislang vermutet.

Der Neandertaler ist der wohl berühmteste ausgestorbene „Vetter“ des Homo sapiens. Zu welchem Zeitpunkt sich die Abstammungslinien dieser beiden Menschenformen trennten, ist allerdings bis heute strittig. DNA-Analysen und anatomische Vergleiche der Schädelstruktur legen eine Trennung vor 300.000 bis 500.000 Jahren nahe. Doch einzelne archäologische Funde wollen nicht so recht zu diesem Befund passen – zum Beispiel einige Hominiden aus der Höhle Sima de los Huesos in Nordspanien. Die dort entdeckten menschlichen Fossilien gehören genetischen Untersuchungen zufolge eindeutig der evolutionären Linie der Neandertaler an.

Zahnmorphologie im Blick

Mit einem Alter von 430.000 Jahren lebten sie zu einer Zeit, als sich die Abstammungslinien von modernen Menschen und Neandertalern der gängigen Annahme nach gerade erst voneinander getrennt hatten. Ihre Zähne jedoch lassen etwas anderes vermuten: „Die Zähne der Sima-Menschen sehen ganz anders aus als das, was wir von dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Neandertalern und modernen Menschen erwarten würden“, erklärt Aida Gomez-Robles vom University College London. Denn sie ähneln bereits stark den Zähnen klassischer Neandertaler. Das aber bedeutet: Entweder hat sich die Gestalt der Zähne nach der Trennung der beiden evolutionären Linien erstaunlich schnell weiterentwickelt – oder die Aufspaltung fand früher statt als bislang gedacht.

Um diese These zu überprüfen, hat die Anthropologin nun Daten zur Zahnmorphologie unterschiedlicher früher Menschenspezies und deren Verwandtschaftsverhältnisse unter die Lupe genommen. Wie sie berichtet, haben einige Studien in diesem Zusammenhang bereits gezeigt, dass die Evolution der Zahnform in allen homininen Linien in einem ähnlichen Tempo vonstattengegangen ist. Mit dieser Annahme im Hinterkopf berechnete die Wissenschaftlerin: Wann müssen sich die Abstammungslinien von Neandertalern und modernen Menschen getrennt haben, damit die Zähne der Sima-Menschen ins Bild passen? Dabei zeichnete sich ab: Eine Aufspaltung, die weniger als 800.000 Jahre zurückliegt, würde eine ungewöhnliche und unwahrscheinlich schnelle Zahnevolution bedeuten.

Vor mindestens 800.000 Jahren

„Damit die Entwicklungsrate vergleichbar mit anderen Spezies ist, muss die Trennung der beiden Linien mindestens so lange zurückliegen“, konstatiert Gomez-Robles. Theoretisch ist ihr zufolge zwar denkbar, dass äußere Faktoren auf die Zähne der Sima-Menschen eingewirkt haben. So könnte etwa ein hoher Selektionsdruck die Weiterentwicklung der Zahnform beschleunigt haben. „Die einfachste Erklärung aber ist, dass sich die beiden Abstammungslinien vor mindestens 800.000 Jahren trennten“, meint die Forscherin. Die Debatte um die Evolutionsgeschichte des Homo sapiens und seines Steinzeit-Cousins dürfte damit erneut befeuert werden.

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Quelle: Aida Gomez-Robles (University College London), science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aaw1268

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