Langsame Wirbelstürme - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Erde+Klima

Langsame Wirbelstürme

Wirbelstürme wie dieser Hurrikan ziehen durch den Klimawandel immer langsamer über unseren Planeten hinweg. (Foto: Elen11/ istock)

Tropische Wirbelstürme werden durch den Klimawandel zu einer immer größeren Gefahr – und zwar nicht nur, weil sie intensiver werden. Auch das Zugverhalten solcher Stürme verändert sich: Unter anderem bewegen sie sich immer langsamer, wie eine Analyse globaler Wetterdaten zeigt. Demnach hat sich ihre Geschwindigkeit in den vergangenen 70 Jahren bereits um zehn Prozent verringert. Die Folge: Superstürme wie zuletzt Harvey bleiben länger über einer bestimmten Region und können dort somit größere Schäden anrichten.

Ob Hurrikan Harvey, Taifun Haiyan oder Supersturm Sandy: Tropische Wirbelstürme haben in den vergangenen Jahren immer wieder verheerende Schäden angerichtet. In Zukunft könnten solche Katastrophen sogar noch häufiger werden. Denn Klimaforscher gehen davon aus, dass Tropenstürme durch die globale Erwärmung intensiver werden. Gleichzeitig könnte sich auch das Verhalten der „Superstürme“ verändern – und sie für den Menschen dadurch noch fataler machen. Tatsächlich ist eine dieser Veränderungen schon jetzt im Gange: Tropische Wirbelstürme ziehen inzwischen mit anderen Geschwindigkeiten über unseren Planeten als noch vor wenigen Jahrzehnten, wie eine aktuelle Analyse zeigt. James Kossin von den NOAA National Centers for Environmental Information in Madison hat dafür globale Wetterdaten aus den letzten 70 Jahren ausgewertet.

Sein Ergebnis: Zwischen 1949 und 2016 haben sich tropische Zyklone weltweit im Schnitt um zehn Prozent verlangsamt. Diese Drosselung des Tempos ist demnach in beiden Hemisphären und über jedem Ozeanbecken – mit Ausnahme des nördlichen Indischen Ozeans – zu beobachten. Doch es gibt deutliche regionale Unterschiede: Über Landflächen, die von Wirbelstürmen im westlichen Nordpazifik beeinflusst werden, hat sich die Geschwindigkeit den Daten zufolge mit Abstand am stärksten verringert: um 30 Prozent. Im Atlantik ziehen die Tropenstürme inzwischen 20 Prozent langsamer als 1949 über Land und in der Region rund um Australien hat sich ihr Tempo um 19 Prozent vermindert.

Mehr Regen an einem Ort

Doch was bedeutet das? Je langsamer sich ein tropischer Wirbelsturm bewegt, desto länger steht er über einer bestimmten Region und kann dieser folglich umso mehr schaden. „Diese Entwicklung führt dazu, dass sich die lokalen Regenmengen erhöhen und die Flutgefahr steigt“, erklärt Kossin. Ein fataler Trend, denn tatsächlich richten Superstürme den meisten Schaden nicht durch ihre Sturmwinde an, sondern durch die von ihnen verursachten Überschwemmungen und Sturmfluten. Ein dramatisches Beispiel für die Folgen eines langsam ziehenden Wirbelsturms ist Hurrikan Harvey: Er bewegte sich im Sommer 2017 ungewöhnlich gemächlich über den Süden der USA hinweg und blieb tagelang über dem Großraum von Houston hängen. Dies brachte der Region eine wahre Niederschlagsflut, Flüsse und Bäche traten über die Ufer, tausende Menschen mussten aus ihren Häusern gerettet werden.

Warum tropische Wirbelstürme wie Harvey zu Langsamziehern werden, scheint klar: Hauptverantwortlich für das Zugverhalten solcher Stürme sind großräumige atmosphärische Strömungen. Sie steuern, wie schnell sich der Sturm bewegt und treiben ihn an. Es ist schon länger bekannt, dass der Klimawandel die globalen Zirkulationen verändert – und jene Zirkulation, die die Bewegung tropischer Zyklone kontrolliert, wird Prognosen zufolge in Zukunft immer weiter abgeschwächt werden. „Die beobachteten zehn Prozent Geschwindigkeitsverlust sind in einer Zeit passiert, in der sich der Planet um 0,5 Grad Celsius erwärmt hat. Es sind weitere Studien nötig, um zu bestimmen, wie viel mehr sich tropische Wirbelstürme angesichts der anhaltenden Erwärmung verlangsamen werden“, sagt Kossin.

Anzeige

Starker Effekt

Für den Forscher ist aber denkbar, dass dieser Effekt künftig sogar stärker wiegen könnte als ein anderer klimawandelbedingter Faktor: Vermehrte Niederschlagsmengen, die durch die von steigenden Temperaturen verursachte höhere atmosphärische Wasserdampfkapazität zustande kommen. „Jeder systematische Wechsel der Zuggeschwindigkeit tropischer Wirbelstürme – insbesondere über Land – ist daher hoch relevant, wenn man potentielle Veränderungen lokaler Regenmengen berechnen möchte“, schließt Kossin.

Quelle: James Kossin (NOAA National Centers for Environmental Information, Madison), Nature, doi: 10.1038/s41586-018-0158-3

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Skurril: Gottesanbeterin fängt Fische

Fangschrecke macht Jagd auf Guppys weiter

Eine ganz persönliche "Wolke"

Uns umgebende Organismen und Chemikalien sind so einzigartig wie ein Fingerabdruck weiter

Narkolepsie: Rätsel der Schlafkrankheit gelöst

Autoreaktive T-Zellen greifen Neuronen im Hypothalamus an weiter

Gab es eine dritte Magellansche Wolke?

Verkehrtherum kreisende Sterne könnten aus "geschluckter" dritter Zwerggalaxie stammen weiter

Wissenschaftslexikon

Glas|kör|per|ab|lö|sung  〈f. 20; Med.〉 Abhebung des Glaskörpers von der Netzhaut, z. B. bei hochgradiger Kurzsichtigkeit

Kom|bine  〈[kmbn] f. 10; Tech.〉 Maschine in Landwirtschaft od. Bergbau für die simultane Durchführung verschiedener Arbeitsschritte, z. B. Mähdrescher od. Walzenschrämlader; oV Combine ... mehr

reif  〈Adj.〉 1 im Wachstum vollendet entwickelt, so dass es geerntet werden kann (Frucht) 2 körperlich u. geistig erfahren, erwachsen (Person) ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige