Mehr als Stadt, Land, Fluss - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Erde+Klima

Mehr als Stadt, Land, Fluss

Warum die Gesellschaft Geographen braucht, erläutert Sebastian Lentz, Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde, im bdw-Gespräch. Das Institut ist ab dieser Ausgabe Partner unserer Karten-Kolumne „Deutschland im Blick“. Sebastian Lentz ist seit 2003 Professor für Regionale Geographie an der Universität Leipzig und leitet seit demselben Jahr das Leibniz- Institut für Länderkunde (76 Mitarbeiter, Budget 2011: 4,4 Millionen Euro institutionelle Förderung und Drittmittel). Der gebürtige Trierer (Jahrgang 1957) promovierte 1988 über Agrargeographie in den Alpen und war von 1995 bis 1999 wiederholt Gastdozent an der Lomonossov-Universität in Moskau. 2002 wurde Sebastian Lentz zum Ordentlichen Professor für Anthropogeographie an der Universität Erfurt ernannt. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Osteuropa und das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.

bild der wissenschaft: Welche Bedeutung haben gedruckte Karten im Zeitalter der elektronischen Medien, Herr Professor Lentz?

Sebastian Lentz: Die Bedeutung von Karten hat zugenommen. Einmal sind Karten heute schneller herzustellen als früher. Und andererseits sind sie in einer Zeit wachsender Informationsdichte schon deshalb sehr wichtig, weil man auf ihnen

viele Informationen so bündeln kann, dass sie trotz ihrer Komplexität auf einen Blick verstanden werden. Deshalb sind Karten sowohl in gedruckter Form als auch in ihrer elektronischen Fassung ein oft genutztes Werkzeug geworden – etwa zur Veranschaulichung von speziellen Sachverhalten in Printprodukten oder als Navigationshilfe. Die klassische Karte auf Papier verliert zwar an Bedeutung. So ein Werk, das in Ruhe betrachtet werden muss, ist nur noch in seltenen Fällen erwünscht und steht in gewissem Sinn für eine entschleunigte Welt, die wir in unserem Alltag immer seltener haben. Unverzichtbar ist sie jedoch bislang nicht.

Wie steht es mit Standards, die unter Kartenherstellern früher unantastbar waren – wie die Angabe des Maßstabs, die Norden-ist-immer-oben-Ausrichtung oder die Reliefdarstellung in festgelegten Farbtönen?

Anzeige

Manche Standards sind heute oft nicht mehr gefragt: Wenn Nutzer die Maßstabszahl nicht vermissen, brauchen sie sie offenbar nicht oder eben seltener. Einige Standards sind natürlich auch zeit- und zweckgebunden: beispielsweise die mit größter Sorgfalt definierten Farbtöne in vielen topographischen Karten, die Assoziationen an vorherrschende Landschaftsfarben wecken sollen. Kartographen haben klare Signaturen entwickelt. Und sie haben Schriften ausgesucht, die man auch in kleinen Maßstäben und am Bildschirm noch sehr gut lesen kann. Gelegentlich findet man in Medien aber auch Karten, die vermutlich nicht von Kartographen gemacht wurden, in denen gegen die klassischen, das heißt dauerhaft und übergreifend gültigen Darstellungsprinzipien verstoßen wird.

Können Sie das konkretisieren?

Es gibt statistische Phänomene, die – räumlich gefasst – zu voreiligen Schlüssen verleiten. Das ist beispielsweise bei einer Karte von Todesursachen der Fall, die die Annahme nahelegt, dass bestimmte Gegenden besonders gesund oder lebensfreundlich sind, weil Menschen dort älter als anderswo werden. Solche Karten sind unter den Vorzeichen einer hochmobilen Gesellschaft und der kulturellen und sozialen Bezüge von Todesursachen sowie der hochtechnisierten Behandlung von Alterserkrankungen problematisch, weil sie die Komplexität des Phänomens zu stark reduzieren, es gleichwohl aber räumlich direkt zuordnen.

1999 kam der erste Band des aufwendigen Nationalatlas der Bundesrepublik Deutschland heraus. 2007 wurde das zwölfbändige Werk abgeschlossen. Wie beurteilen Sie dieses Kartenwerk aus heutiger Sicht? Was war gut, was würde man heute anders machen?

Ich erinnere mich noch genau, wie wir in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, als wir erfuhren, dass das primär ein Papieratlas werden soll. Wenn man den Atlas unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet, war diese Entscheidung aber genau richtig. Und für diejenigen, die lieber klicken als blättern, haben wir eine elektronische Version auf CD-ROM hinzugefügt. Der Atlas ist ein Monument nicht nur für die Vereinigung von zwei deutschen Staaten, sondern auch ein Dokument der Euphorie von damals. Nachdem ich zur Mitte der Herausgabe-Periode Leiter des Leibniz-Instituts für Länderkunde wurde, wuchs mir das Werk aus vielen Gründen ans Herz, auch weil das Projekt Deutschlands Geographen vereinte. Mehr als 600 Autoren – praktisch die gesamte geographische Wissenschaft in Deutschland sowie in der Schweiz und Österreich – haben dazu beigetragen. Der monumentale Charakter rührt auch daher, dass der Leser mit keiner Karte allein gelassen wird, sondern immer ein kommentierender Beitrag dabei steht. Aus der Perspektive der Grundlagenforschung, die man mit dem Wissenstransfer in die Öffentlichkeit verbinden will, ist ein solcher Atlas sogar die einzig richtige strategische Entscheidung gewesen. Er ist für uns heute ein einmaliges Fundament, um auf seiner Basis mit geringerem Aufwand Ergebnisse zu aktualisieren oder neue Themen in Deutschlandkarten zu bearbeiten – und das immer wieder unter Einbindung von Experten, die nicht aus unserem Haus kommen, sodass der Netzwerkcharakter erhalten bleibt. Wobei der Atlas viele Forschungsergebnisse enthält, die

gewissermaßen einen Eintages-Einblick darstellen, weil

eine erneute, mit Forschung verbundene Datenerhebung

zu aufwendig wäre.

In der Tat enthält der Atlas viele einmalig erhobene Daten: Das macht einerseits seinen ganz besonderen Wert aus. Andererseits haben wir deshalb das Problem, dass der Atlas in den Augen mancher Betrachter schon veraltet erscheint. Es ist kaum zu vermitteln, dass ein aktuell gekaufter Atlas Bevölkerungszahlen von 2002 enthält. Doch diese Sicht greift zu kurz. Denn räumliche Verhältniswerte verändern sich meist langsamer als ein einzelner absoluter Wert. So hat sich die Einwohnerzahl vieler Städte und Landkreise stark verändert. Doch die großräumigen Strukturen entwickeln sich viel langsamer. Um ein besonders augenfälliges Beispiel zu nennen: Das bevölkerungsreiche und dicht besiedelte Ruhrgebiet grenzt sich nach wie vor deutlich von den dünner besiedelten Kreisen im Münsterland ab. Ein länger bleibender Wert des Atlas liegt also im regionalen Überblick, den er ermöglicht.

2010 brachte das Institut für Länderkunde einen einbändigen Deutschlandatlas heraus, der aktualisierte Karten des Nationalatlas enthält.

Wir haben dafür solche Karten ausgesucht, die einen guten Überblick über unser Land bieten. Mit einer Auflage von über 30 000 Exemplaren und einem Verkaufspreis, der unserer Meinung nach selbst Studenten ansprechen sollte, sind wir in die Vollen gegangen und dem Anspruch auf einen Volksatlas ein gutes Stück näher gekommen.

Welche Rolle spielt die Karte in der wissenschaftlichen Geographie heute?

Ein Teil der Hochschulgeographie hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine Richtungsänderung vollzogen: Ein Stück weg von der Karte, hin zu einer theoretisch ausgerichteten Wissenschaft, die viele Orientierungen aus Sozial- und Geisteswissenschaft übernommen hat. Wenn deutsche Geographen mit ihren Beiträgen in international angesehenen, theorie- orientierten Zeitschriften aufgenommen werden wollen, dann geschieht das inzwischen konsequenterweise häufiger mit kartenfreien Texten.

Beschäftigt sich die moderne Geographie folglich nur noch mit streng wissenschaftlichen Fragestellungen?

Wenn Sie mit „streng wissenschaftlich“ die Grundlagenforschung meinen, dann ist zunächst festzustellen: Zu den guten wissenschaftlichen Standards gehört, dass Disziplinen immer wieder ihre eigenen Paradigmen überprüfen und nach neuen suchen. Wenn Sie die konstruktivistische Perspektive solcher Forschungen ansprechen, hängt dies nicht zuletzt mit einer Neuausrichtung der Sozialgeographie als Sozialwissenschaft zusammen. Sie stellt die Wahrnehmung, die Bedeutungen und die Werte, die Menschen dem Raum und Objekten im Raum verleihen, in den Mittelpunkte ihrer Neugier, weswegen dann auch nicht der physische Raum selbst, sondern das Verhältnis der Gesellschaft und ihrer Akteure zum Raum von besonderem Interesse sind. Eine solche Perspektive ist nicht leicht zu vermitteln, weil sie etablierten Raumkonzepten und Erwartungen an eine Disziplin zuwiderläuft.

Das klingt jetzt aber sehr theoretisch.

Nehmen wir einmal die Gated Communities als konkretes Beispiel: In Deutschland gibt es zwei solcher Wohnprojekte, eines in Potsdam, eines hier in Leipzig, die sich dadurch hervorheben, dass die Menschen auf einem nach außen abgegrenzten Gelände leben – eventuell mit fremdsprachenerfahrenem Hausmeister oder eigenem Servicepersonal. Wenn Menschen in solchen Anlagen wohnen, dann oft nicht nur der luxuriösen Ausstattung oder eines unmittelbaren Sicherheitsbedürfnisses wegen, sondern vielleicht auch weil sie beruflich so in Anspruch genommen sind, dass sie in den wenigen Stunden Freizeit ein Umfeld wollen, in dem die Verhältnisse zu ihren Nachbarn und zu ihrem Wohnumfeld bereits formal geregelt sind. Geographische Forschungsansätze sind hier beispielsweise, durch intensive Interviews die Motive der Bewohner zu ergründen und ihre Sicht auf die Räume innerhalb und außerhalb der Wohnanlagen zu hinterfragen. Außerdem ist natürlich eine klassische Arbeitsweise der Geographie, durch internationale Vergleiche zu ermitteln, inwiefern sich die Beweggründe von Menschen beispielsweise in Südamerika, in den USA und in Deutschland unterscheiden, die in solche Communities ziehen.

Ingenieure bauen Flugzeuge. Physiker entwickeln Laser. Biochemiker erforschen Arzneimittel. Was tun Geographen für den Fortschritt und zum Wohl der Menschheit?

Angewandt arbeitende Geographen gestalten lebenswerte Räume und tragen zu einer Entwicklung von Räumen bei, die nachhaltig sein sollen. Sie lenken den Blick auf soziale Gerechtigkeit in Stadtquartieren, sie entwickeln nachhaltige Siedlungsstrukturen und verschaffen ressourcensparenden Wohnstrukturen Platz. Eine eminent wichtige Aufgabe der Geographie in einer immer intensiver vernetzten Welt ist es, Verständnis für die Menschen und Gesellschaften aus anderen Weltgegenden zu wecken. Das kann zum Beispiel durch die Darstellung weltweiter ökologischer Zusammenhänge gelingen und durch die Relativität der eigenen – hier bei uns oft europazentrischen – Positionen bei globalen Problemen wie Migration. Geographen bekommen durch ihr Studium viele Elemente vermittelt, die den Wert anderer Kulturen belegen, wohingegen ein Wasserbautechniker oder ein Ökonom mit Fragen solcher Sensibilität im Studium nicht unbedingt konfrontiert wird – und dann vielleicht davon ausgeht, sein Weltbild auf andere Teile der Erde eins zu eins übertragen zu können. Solche Fehler wurden im Übrigen auch bei der deutschen Vereinigung gemacht, als man dachte, westliche Ansätze seien für die Herausforderungen der neuen Bundesländer stets die bessere Lösung. ■

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Be|ni|gni|tät  auch:  Be|nig|ni|tät  〈f. 20; unz.〉 1 Güte, Leutseligkeit, Milde ... mehr

Pul|sa|ti|on  〈f. 20〉 1 〈Med.〉 1.1 rhythm. Tätigkeit des Herzens  1.2 die dadurch erzeugten Druckwellen im arteriellen Gefäßsystem ... mehr

Hoch|schul|rah|men|ge|setz  〈n. 11; Rechtsw.; BRD; Abk.: HRG〉 Rahmengesetz des Bundes, das die Richtlinien für das Hochschulwesen vorgibt, nach denen die einzelnen Bundesländer ihre Hochschulgesetze gestalten; Sy Hochschulgesetz ( ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige