Moore: Klimarisiko und Chance zugleich - wissenschaft.de
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Moore: Klimarisiko und Chance zugleich

Moor
Blick über ein noch intaktes Moorgebiet (Bild: ganolmc/ iStock)

Moore sind natürliche CO2-Puffer im Klimasystem – sofern sie intakt und nicht trockengelegt sind. Doch genau dies passiert schon seit Jahrzehnten weltweit. Was dies für die CO2-Bilanz der Menschheit bedeutet und wie die Moore künftig sogar zum Klimaschutz beitragen könnten, haben nun Forscher in einer umfassenden Studie untersucht. Ihr Ergebnis: Schon seit 1960 geben die Moore global betrachtet mehr Treibhausgase ab als sie aufnehmen. Doch würde man ab jetzt die entwässerten Moore nach und nach wieder renaturieren, könnten sie sogar bis zu 40 Prozent der für das Zwei-Grad-Ziel nötigen Emissionsreduktionen erbringen, wie die Forscher berichten.

Moore gibt es in den gemäßigten Breiten, aber auch in den Permafrostgebieten des hohen Nordens und als Sumpfwälder in den Tropen. Diese Feuchtgebiete sind ein wertvoller Lebensraum für viele seltene Tier- und Pflanzenarten, gleichzeitig bilden sie einen wichtigen Kohlenstoffspeicher unseres Planeten. Denn die von Wasser bedeckten Torfmoose bleiben auch nach ihrem Absterben unter Luftabschluss eingeschlossen und werden dadurch nicht zersetzt. Als Folge bleibt das Pflanzenmaterial und der in ihm gebundene Kohlenstoff erhalten und sammelt sich im Laufe der Zeit in immer dicker werdenden Schichten an. Moore bedecken zwar nur etwa drei Prozent der Erdoberfläche, speichern aber insgesamt in etwa so viel Kohlenstoff, wie in der gesamten lebenden Vegetation der Erde zu finden ist. Deshalb gelten intakte Moore als wichtige CO2-Senken im Klimasystem.

Wendepunkt schon 1960

Doch schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden Moore zunehmend entwässert und für den Torfabbau genutzt oder in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. „Zwischen 1850 und 2015 haben die gemäßigten und borealen Regionen 26,7 Millionen Hektar natürlicher Moorfläche verloren, in den Tropen sind es 24,7 Millionen Hektar“, berichten Jens Leifeld vom Eidgenössischen Forschungsinstitut Agroscope in Zürich und seine Kollegen. Sie haben jetzt untersucht, welche Rolle die weltweiten Moore für die globale Treibhausgasbilanz spielen und wie sich dies in Zukunft verändern könnte – zum Guten oder Schlechten. „Die Landnutzung spielt eine besondere Rolle, denn sie kann als CO2-Senke oder als Quelle wirken“, so die Forscher. Für ihre Studie analysierten sie die vergangene Entwicklung der Moorflächen und simulierten in einem Modell, wie sich eine weitere Entwässerung oder aber eine Renaturierung der Moore auf die Treibhausbilanzen auswirken wird.

Die Auswertung ergab: Schon im Jahr 1960 war der Punkt erreicht, an dem die Moore weltweit betrachtet von der Netto-CO2-Senke zur CO2-Quelle geworden sind, wie Leifeld und sein Team berichten. Anders ausgedrückt: Inzwischen sind so viele Moorflächen entwässert und geben durch die Zersetzung ihres Pflanzenmaterials Treibhausgase ab, dass ihr Ausstoß die CO2-Aufnahme durch die verbliebenen intakten Moore übersteigt. Konkret errechneten die Forscher, dass der Treibhausgasausstoß der entwässerten Moorflächen im Jahr 2015 weltweit 1,53 Gigatonnen CO2-Äquivalenten betrug. Der größte Teil dieser Emissionen, 1,26 Gigatonnen, stammen dabei aus tropischen Moorgebieten. Die CO2-Aufnahme der intakten Moorflächen lagen 2015 dagegen weltweit nur noch bei 0,36 Gigatonnen CO2-Äquivalenten. „Das Moorland-Biom, eine in Langlebigkeit und Ausmaß fast beispiellose Kohlenstoffsenke, wurde durch die menschlichen Aktivitäten tiefgreifend umgewandelt und das Vorzeichen seiner Treibhausbilanz hat sich umgekehrt“, konstatieren Leifeld und sein Team.

Klimaschutz durch Moor-Vernässsung

Das aber bedeutet: Die umgewandelten Moorflächen tragen inzwischen signifikant zum anthropogenen Treibhausgasausstoß bei. Soll die globale Erwärmung auf 1,5, maximal 2 Grad Erwärmung begrenzt werden, wie es das Klimaschutz-Abkommen von Paris vorsieht, dann darf die Menschheit ab 2020 nur noch 400 bis 1600 Gigatonnen CO2 ausstoßen, wie die Wissenschaftler erklären. „Ohne Gegenmaßnahmen und mit anhaltender Moorumwandlung in den Tropen könnten davon jedoch zehn bis 41 Prozent allein durch die Emissionen der Moore verbraucht werden“, so Leifeld und seine Kollegen. Es gäbe aber Abhilfe: Würde man die degradierten und entwässerten Moorflächen Schritt für Schritt wieder renaturieren, könnten sie erneut zu CO2-Senken werden. „Beginnt man in 2020 mit der jährlichen Regenerierung von 1,48 Millionen Hektar ehemaliges Moorland, dann könnte dies bis 2050 die weltweite Treibhausgasbilanz der Moore neutral machen“, so die Forscher. Dies würde substanziell zum Klimaschutz beitragen.

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Insgesamt müssten dafür allerdings alle degradierten Moorflächen in den gemäßigten und borealen Klimazonen renaturiert werden und in den Tropen der größte Teil. „Rein technisch ist Wiedervernässung ziemlich einfach: Man braucht oft nur Gräben zu schließen, Dämme zu bauen beziehungsweise Pumpen auszuschalten“, erklärt der nicht an der Studie beteiligte Hans Joosten von der Universität Greifswald in einem Kommentar. Die Maßnahmen wirken eigentlich sofort, das heißt, nach Wiedervernässung finden kaum noch Emissionen von CO2 und Lachgas statt.“ Das Problem liegen aber darin, dass die meisten ehemaligen Moorflächen inzwischen intensiv bewirtschaftet werden und daher wichtige Einkommensquellen für die dort lebenden Menschen und Regionen sind. „Diese Moore wieder in einen nassen Zustand zu überführen, macht daher ein Umdenken in der Landnutzung notwendig“, sagt Joosten. „Es ist nicht trivial, umgewidmete Moore zurückzugewinnen. Aber wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen wollen, gibt es keine Alternative.“

Quelle: Jens Leifeld (Agroscope, Zürich) et al., Nature Climate Change, doi: 10.1038/s41558-019-0615-5

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