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Erde+Klima

Pufferwirkung der Tropenwälder nimmt ab

Regenwald
Blick über den Regenwald im Ivindo Nationalpark im Gabun. (Bild: Kath Jeffery)

Die tropischen Regenwälder sind die „grüne Lunge“ unseres Planeten – und wichtige Puffer im Klimasystem. Doch nun enthüllt eine Langzeitstudie, dass die Tropenwälder in Afrika und im Amazonasgebiet allmählich ihre Pufferwirkung verlieren. Demnach hat sich die Aufnahme von Kohlendioxid durch intakte Tropenwaldgebiete von 1990 bis in die 2010er Jahre um rund ein Drittel verringert. Ursache dafür sind vor allem die erhöhten Temperaturen und Baumverluste durch Dürren, wie die Forscher berichten. Gehe dieser Trend so weiter, könnte der Amazonas-Regenwald schon in rund 15 Jahren von der CO2-Senke zur CO2-Schleuder werden.

Wälder gehören zu den Senken im Klimasystem der Erde – zum Aufbau ihrer Biomasse nehmen die Bäume große Mengen CO2 aus der Luft auf und binden den Kohlenstoff im Pflanzenmaterial. Damit tragen die Bäume entscheidend dazu bei, die Konzentrationen von Treibhausgasen in der Atmosphäre zu regulieren. Schätzungen zufolge sind in den Bäumen des tropischen Regenwalds rund 250 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert – dies entspricht rund 90 Jahren an globalen anthropogenen Treibhausgasemissionen und rund der Hälfte des gesamten in Biomasse gespeicherten Kohlenstoffs. Entsprechend große Bedeutung haben sie für die Stabilisierung des weltweiten Klimas. Doch die globale Erwärmung geht auch an den Regenwäldern nicht spurlos vorüber. „Zwar fördert zusätzliches CO2 das Pflanzenwachstum, aber diese positive Wirkung wird immer stärker durch negative Effekte der steigenden Temperaturen und der Trockenheit zunichte gemacht“, erklärt Erstautor Wannes Hubau vom Königlich Belgischen Zentralafrika-Museum.

CO2-Aufnahme seit den 1990er Jahren gesunken

Was dies für die Funktion der tropischen Regenwälder als Senken bedeutet, haben Hubau und seine Kollegen von mehr als 100 Forschungseinrichtungen weltweit in einer Langzeitstudie untersucht. Seit 1968 vermessen und untersuchen die Forscher dafür Bäume in 565 intakten Regenwaldgebieten am Amazonas und in Afrika. In den Testflächen erfassten sie alle Bäume mit mehr als zehn Zentimetern Stammumfang und ermittelten mithilfe eines Modells aus deren Wachstum und Größe die Menge des in Biomasse umgesetzten Kohlenstoffs. Darüber konnten sie rückschließen, wie viel CO2 diese Bäume seit der jeweils letzten Messung aufgenommen hatten.

Die Auswertungen ergaben: Im Jahr 1990 absorbierten die tropischen Regenwälder in Südamerika und Afrika rund 46 Milliarden Tonnen CO2 aus der Luft – dies entspricht rund 17 Prozent der damaligen anthropogenen Treibhausgasemissionen. Schon 20 Jahre später jedoch war die CO2-Aufnahme dieser Wälder auf nur noch 25 Milliarden Tonnen abgesunken, wie die Forscher berichten. 2010 kompensierten die Regenwälder dadurch nur noch sechs Prozent der anthropogenen CO2-Emissionen. Die Tropenwälder haben demnach bereits einen Teil ihrer Pufferwirkung im Klimasystem eingebüßt. Hauptursache diese Entwicklung ist in erster Linie die Schädigung und der Verlust von Bäumen durch Dürren und Hitze. Dadurch hat sich die CO2-Bindung der einzelnen Waldgebiete um 33 Prozent vermindert. Zusätzlich verringerte sich die Fläche der intakten Waldgebiete insgesamt um 19 Prozent, wie Hubau und seine Kollegen berichten.

Hitze und Dürren als Hauptursache

„Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Veränderung in diesen Wäldern deutet darauf hin, dass die Auswirkungen des Klimawandels in den Tropen schwerwiegender sind als erwartet“, sagt Co-Autor Bonaventure Sonké von der Universität Yaounde in Kamerun. Wie die Forscher feststellten, überwiegen die negativen Folgen von Hitze und Dürre gegenüber dem Düngeeffekt des zunehmenden CO2. Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang mit dem Klimawandel, als die Wissenschaftler die Entwicklung im Amazonasgebiet und in Afrika verglichen: Während die CO2-Aufnahme im Amazonas-Regenwald schon in den 1990er Jahren abzunehmen begann, zeigte sich dieser Trend in den Tropenwäldern Afrikas erst 15 Jahre später. Hubau und seine Kollegen führen dies darauf zurück, dass die afrikanischen Wälder im Schnitt höher liegen und daher weniger stark der Hitze ausgesetzt sind. Auch Dürren kommen in diesen Waldgebieten weniger häufig vor als im Amazonasgebiet.

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„Indem wir die Daten aus Afrika und vom Amazonas kombinieren, beginnen wir zu verstehen, warum sich diese Wälder verändern und dass CO2-Konzentrationen, Temperatur, Trockenheit und die Walddynamik dafür eine Schlüsselrolle spielen“, sagt Hubau. Um herauszufinden, wie sich die grünen CO2-Senken in der nahen Zukunft weiter entwickeln könnten, haben er und seine Kollegen die beobachteten Trends mithilfe eines Modells extrapoliert. Nach diesem wird die CO2-Aufnahme der afrikanischen Regenwälder bis 2040 weiter abnehmen und um 14 Prozent gegenüber den Werten von 2010 bis 2015 sinken. „Die Amazonas-Senke wird sich weiterhin schnell abschwächen und könnte 2035 auf Null sinken“, berichten die Forscher. Ab diesem Punkt würde der Amazonas-Regenwald von einer CO2-Senke zu einer potenziellen Quelle von CO2 werden. Tatsächlich befürchten Wissenschaftler schon länger, dass die tropischen Regenwälder durch die globale Erwärmung irgendwann einen Kipppunkt erreichen könnten, ab dem sie irreversibel ihre Pufferwirkung im Klimasystem verlieren. Ausgehend von ihren Ergebnissen unterstreichen Hubau und seine Kollegen nun noch einmal, wie wichtig schnelle und effektive Klimaschutzmaßnahmen sind – auch und gerade für die grünen Lungen unseres Planeten.

Quelle: Wannes Hubau (Royal Museum for Central Africa, Tervuren ) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-020-2035-0

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Corona-Philosophie

In der Süddeutschen Zeitung hat heute die philosophische Verdauung der Coronakrise begonnen. René Schlott warnt in einem Zwischenruf, die offene Gesellschaft würde „erwürgt, um sie zu retten“. Das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit, das auch die Debatte um den richtigen Umgang mit dem Terrorismus prägt, hatten wir hier auf Gesundheits-Check ebenfalls kurz angerissen. Zwar folgt René Schlott nach meinem Geschmack zu sehr dem Alarmismus 2. Art, also der übertriebenen Warnung davor, dass die Regierungen gerade in Sachen Gesundheitsdiktatur üben – das Pendant zum Alarmismus 1. Art, dass wir alle am Virus sterben und die Regierung am besten alle Kranken in Lager stecken sollte, aber die von René Schlott aufgerufene Frage danach, was die Coronakrise von unserem Verständnis von Liberalität übrig lässt, ist natürlich trotzdem berechtigt. Etwas unbehaglich darf einem schon werden, wenn mit dem Rechtsinstrument der „Allgemeinverfügung“, einer Form des Verwaltungsakts nach § 35 VerwVfG, im Vollzug des Infektionsschutzgesetzes, etwa § 28 IfSG, so weitreichende Einschränkungen der Grundrechte in Gang gesetzt werden, wie wir das zurzeit erleben.

Ein zweiter Artikel, von Alexander Menden, beschäftigt sich der Strategie oder der fehlenden Strategie zum Umgang mit dem Virus in Großbritannien. So ganz klar ist ja nicht, was man dort plant. Alexander Menden geht davon aus, die britische Regierung folge einem utilitaristischen Ansatz. Er stützt sich dabei auf eine Äußerung des Regierungsberaters Patrick Vallance, mit einer Durchseuchungsrate von 60 % würde man gezielt eine Herdenimmunität aufbauen. Proteste weltweit haben daraufhin den britischen Gesundheitsminister Matt Hancock veranlasst, zu sagen, das sei ja so gar nicht geplant – was eben die Frage aufwirft, was denn dann geplant ist. Nach den „Planungen“ von Boris Johnson zum Brexit befürchte ich Schlimmstes.

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Die Proteste gegen die Herdenimmunitäts-Strategie von Vallance haben vor allem ins Feld geführt, dass damit viele tausend Tote aus den vulnerablen Gruppen in Kauf genommen würden. Alexander Menden zitiert dazu Johnson mit einer unfreiwillig komischen Aussage: „Ich muss zur britischen Bevölkerung ehrlich sein: mehr Familien, viel mehr Familien werden geliebte Angehörige früher verlieren als erhofft.“ Nun, hoffen wir mal, dass das ein Übersetzungsfehler war und kein Freudscher Fehler der Erbengeneration.

Utilitarismus ist kein Rechenfehler

Aber ist, wie Alexander Menden schreibt, aus utilitaristischer Sicht „der Fall klar“? Wäre aus utilitaristischer Sicht die Durchseuchung wirklich „nicht nur sinnvoll, sondern geradezu ethisch geboten“? Seine Begründung: „Selbst bei einer hohen Sterberate wie jener in Italien wäre der weit überwiegende Teil der Bevölkerung dann vor dem Virus sicher. Der größte Nutzen für die größte Menge wäre gewährleistet.“

Das ist nun in jeder Hinsicht grober Unfug. Wenn 60 % der Bevölkerung infiziert werden müssen, um eine Herdenimmunität herzustellen, ist nicht der „weit überwiegende Teil der Bevölkerung“ vor dem Virus sicher, es sei denn, in Großbritannien sind 40 % mehr als 60 %. Wie gesagt, beim Brexit hat man vielleicht auch so gerechnet und wenn man die Meinungsfreiheit in der Mathematik hochhält, mag das irgendwie o.k. sein. Des Weiteren würde die Überlastung des Gesundheitswesens während einer schnellen Durchseuchung mehr und nicht weniger Sterbefälle kosten als bei einer „Flatten the curve“-Strategie, wie sie Deutschland verfolgt. Man würde zudem auch noch darauf verzichten, dass man eventuell schon vor einer Durchseuchung von 60 % der Bevölkerung eine Impfung hat, wenn man die nötige Zeit durch eine „Flatten the curve“-Strategie gewinnen kann.

Es mag also sein, dass Großbritannien eine andere politische Kultur hat als Kontinentaleuropa, so das Fazit Alexander Mendens, aber gut begründet ist das in dem Fall mit dem Stichwort Utilitarismus nicht. Eher hat man es hier mit einer pathologischen Deformationen des Trolley-Problems zu tun: Darf ich mehr Menschen opfern, um weniger Menschen zu retten, wenn ich glaube, mehr Menschen zu retten?

Menden kommt des Weiteren darauf zu sprechen, dass vielleicht auch bei uns noch utilitaristische Abwägungen anstehen, etwa wenn es darum geht, sich zwischen der Beatmung eines alten „Rauchers mit Diabetes“ und einer jungen, bisher gesunden „Unternehmerin und Mutter zweier Kinder“ zu entscheiden. In der Tat wäre das die Denkwelt utilitaristischer Strategien, wie sie in der Gesundheitsökonomie auch sonst gang und gäbe sind. Genau diese Logik ist z.B. der Evaluation von Maßnahmen anhand des Outcomes „QUALYs“, der qualitiätsadjustierten Lebensjahre, inhärent. Dass Menden eine „Unternehmerin“ für sein Beispiel anführt, zeigt, wie heikel die dabei zum Tragen gebrachten Nützlichkeitsbewertungen eines Menschenlebens sein können.

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