Rückzug aus den Küstengebieten? - wissenschaft.de
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Rückzug aus den Küstengebieten?

Cebu
Überschwemmungen in der philippinischen Küstenstadt Cebu. (Bild: J. Lloa)

Der durch den Klimawandel steigende Meeresspiegel bringt viele Küstengebiete in immer größere Gefahr – vermehrte Stürme und höher auflaufende Fluten führen immer häufiger zu Überschwemmungen. Doch was tun? Einer Gruppe von Forschern zufolge könnte langfristig nur ein Ausweg bleiben: ein strategischer Rückzug aus den gefährdeten Gebieten. Statt immer höhere Deiche zu bauen, könnte es für viele Gebiete ihrer Ansicht nach deutlich sinnvoller sein, schon jetzt mit der Planung für die geregelte Umsiedlung der Küstenbewohner zu beginnen. Denn nur eine rechtzeitige und gut durchdachte Rückzugsstrategie bewahre vor sozial und wirtschaftlich fatalen Folgen.

Es trifft viele Bewohner von Bangladesch, Pakistan oder den Südsee-Atollen, aber auch die dichtbesiedelten Küstenregionen Südostasiens oder der westlichen Industrieländer: Durch den steigenden Meeresspiegel, stärker werdende Stürme sowie intensivere und häufigere Starkregen erleben sie immer häufiger schwere Überschwemmungen. In vielen Gebieten verschärft zudem eine Bodenabsenkung durch ungünstige geologische Bedingungen und zu starke Grundwasserentnahme diesen Trend. Forscher schätzen, dass tausende Tropeninseln schon Mitte dieses Jahrhunderts unbewohnbar werden könnten. Im Mississippi-Delta und an der US-Ostküste drohen schon jetzt einige Landgebiete im Wasser zu versinken. Zwar lässt sich das Vorrücken des Wassers in vielen Gebieten durch verbesserte Küstenschutzmaßnahmen wie Sperrwerke und höhere Deiche aufhalten. Gerade ärmeren Ländern jedoch fehlt dafür das Geld.

„Wir müssen aufhören, unsere Beziehung zur Natur als Krieg zu sehen“

Wie aber kann man langfristig mit diesen Klimafolgen umgehen? Auf diese Frage haben nun A.R Sniders von der Harvard University und zwei Kollegen eine provokante Antwort: Ihrer Ansicht nach ist ein geordnete Rückzug die einzige Möglichkeit, auf lange Sicht die einzige sinnvolle Reaktion auf die Herausforderungen des Klimawandels. „Angesichts der globalen Erwärmung, steigender Meeresspiegel und den sich verschärfenden Wetterextremen ist die Frage nicht mehr, ob sich einige Kommunen zurückziehen müssen, sondern nur noch wann, wo und wie dies geschehen wird“, so die Forscher. Bisher sei ein solcher Rückzug immer nur als Mittel der letzten Wahl angesehen worden, als eine einmalige Notfall-Maßnahme nach Katastrophen. So wurden beispielsweise nach dem Sturm Sandy auf Staten Island in New York einige ufernahe Gebiete nicht wiederbesiedelt. Auch nach Evakuierungen wegen schwerer Überschwemmungen kehren nicht immer alle Menschen wieder in ihre alten Häuser zurück.

Doch solche ungeordneten, kurzfristigen Maßnahmen sind nach Ansicht der Forscher weder sozial noch wirtschaftlich verträglich. Sie plädieren dafür, sich schon jetzt darauf einzustellen, dass einige gefährdete Küsten langfristig ganz aufgegeben werden müssen. „Gegen den Ozean zu kämpfen ist eine vergebliche Mühe“, sagt Sniders. „Der einzige Weg, gegen das Wasser zu gewinnen, ist nicht dagegen anzukämpfen. Wir müssen aufhören, unsere Beziehung zur Natur als Krieg zu sehen.“ Wenn der Meeresspiegel steige und Sturmfluten die Küstenebenen überschwemmen, dann müsse man sich eben zurückziehen. Für viele Regionen könnte es langfristig gerechter, verträglicher und finanziell sicherer sein, ein gefährdetes Gebiet aufzugeben, statt immer mehr Geld in Schutzmaßnahmen zu stecken, die dann doch irgendwann versagen.

Mehr als nur wegziehen

Deshalb plädieren die Forscher dafür, schon jetzt mit den Planungen für einen solchen geordneten Rückzug zu beginnen. Denn nur, wenn man sich schon frühzeitig Gedanken darüber macht, wie man Menschen, Infrastrukturen und ganze Kommunen verträglich und nachhaltig umsiedeln kann, könne ein solches Projekt gelingen. „Egal, wie die Umstände sind, ein solcher Umzug ist immer schwer“, betont Miyuki Hino von der Stanford University. „Die Menschen haben sich ja aus gutem Grund dafür entschieden, in diesen Gebieten zu leben. Es ist daher schwer, für sie neue Orte zu finden, die ihren sozialen, kulturellen und finanziellen Anforderungen entsprechen.“ Gerade in ärmeren Ländern siedeln Menschen oft deswegen in Gefahrengebieten, weil ihnen das Geld fehlt, um anderswo zu leben. Viele dieser Küstengebiete sind für ihre Bewohner zudem angestammte, eng mit Traditionen verknüpfte Heimat – sie aufzugeben, ist ein schwerer Schritt. „Das Ganze ist eine komplizierte Mischung aus psychologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten“, sagt Sniders.

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Um diesen Aspekten gerecht zu werden, muss ein geordneter Rückzug nach Ansicht der Wissenschaftler in umfassende Strategien für die Zukunft der Betroffenen und dieser Gebiete eingebettet sein. Es gehe nicht um das bloße Wegziehen einzelner Bewohner, sondern darum, die ganze Entwicklung dieser Gebiete und ihrer Bewohner in großem Rahmen zum Besseren zu lenken. „Eine große Gefahr besteht darin, dass wir so darauf fixiert sind, die Leute aus den Risikogebieten wegzubekommen, dass wir die Chance verpassen, ihnen auch Zukunftschancen zu bieten“, sagt Hino. Wie man dies am besten erreichen kann, ohne ärmere Bewohner zu benachteiligen, ist jedoch bisher kaum erforscht. „Wir werden neue Ansätze benötigen, um zukünftige Rückzüge in großem Maßstab, wie sie der Klimawandel mit sich bringen wird, zu bewältigen“, so die Forscher. Sie appellieren daher an Regierungen, Kommunen und die Wissenschaft, schon jetzt an solchen Strategien zu arbeiten. „Die Geschichte des Rückzugs als Reaktion auf den Klimawandel hat gerade erst begonnen“, sagt Co-Autorin Katherine Mach von der Stanford University.

Quelle: A.R Sniders (Harvard University, CAMbridge) et al., Science, doi: 10.1126/science.aax8346

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