Anzeige
Anzeige

Paläontologie

Säugetiere: Sozial schon zu Dino-Zeiten

Offenbar lebten urtümliche Säuger schon in Sozialgruppen, als noch die Dinosaurier das Land beherrschten. (Künstlerische Darstellung: Misaki Ouchida)

Von den Nagetieren bis zu den Primaten – viele heutige Säugetierarten bilden Gruppen oder Kolonien. Paläontologen präsentieren nun die bisher ältesten bekannten Hinweise auf eine derart soziale Lebensweise bei Vertretern der Säugetiere. Demnach lebten schon im Zeitalter der Dinosaurier Nagetier-artige Säugetiere in Gemeinschaften aus mehreren erwachsenen Tieren. Sie errichteten vor etwa 75 Millionen Jahren vermutlich Kolonien in unterirdischen Bauten, ähnlich wie die heutigen Erdhörnchen, geht aus den Fossilien und der Lage der Funde hervor.

Entstanden sind die ersten Vertreter der Säugetiere schon im Jura-Zeitalter oder sogar noch früher. Doch über viele Jahrmillionen hinweg führten sie eher ein Schattendasein: Erst nachdem die nicht-vogelartigen Dinosaurier dem Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren zum Opfer gefallen waren, begann die große Karriere dieser Tiergruppe. Die Säugetiere eroberten die frei gewordenen Lebens-Nischen und fächerten sich in viele Gruppen und Arten mit einem breiten Spektrum an Körpermerkmalen und Verhaltensweisen auf. Bisher ging man dabei davon aus, dass die frühen Säugetiere Einzelgänger waren und sich soziale Lebensweisen erst nach dem Ende der Kreidezeit bei einigen Arten entwickelt haben.

Eine eher moderne Entwicklung?

Diese Annahme beruht darauf, dass die heute noch existierenden Vertreter urtümlicher Säuger nicht sozial leben und auch nur wenige Beuteltierarten Gruppenstrukturen ausbilden. Bei den als hochentwickelt geltenden Plazentatieren weisen hingegen rund 50 Prozent aller Arten eine soziale Lebensweise auf, die über die Zweisamkeit zur Fortpflanzung hinausgeht. So lag die Vermutung nahe, dass die Entwicklung des komplexeren Sozialverhaltens bei den Säugetieren mit der Ausbreitung dieser Untergruppe verbunden war. Doch aus der aktuellen Studie des Teams aus US-amerikanischen und chinesischen Paläontologen geht nun hervor, dass das Gruppenleben bei den Säugern entwicklungsgeschichtlich deutlich tiefer verwurzelt ist als gedacht.

Bei den Fossilien, über die sie berichten, handelt es sich um die Überreste von bisher unbekannten Vertretern aus der urtümlichen Säugetiergruppe der Multituberculata. Diese Nagetier-ähnlichen Kleintiere haben sich bereits im mittleren Jura entwickelt und überlebten sogar das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit – die letzten Vertreter verschwanden erst vor etwa 35 Millionen Jahren. Die neuen Fossilien sind den Datierungen zufolge etwa 75 Millionen Jahre alt. Sie stammen vom Fundort „Egg Mountain“ im Westen des US-Bundesstaats Montana. Dort wurden bereits zahlreiche Überreste von Dinosauriergelegen entdeckt. Es scheint somit klar, dass die Filikomys primaevus benannten Vertreter der Multituberculata sich den Lebensraum mit den Herrschern der Kreidezeit teilten.

Anzeige

Wie die Forscher berichten, fanden sie die Überreste von insgesamt 22 Exemplaren der etwa mausgroßen Tierchen. Aus den Untersuchungen ihrer Anatomie geht hervor, dass sie ausgesprochen kräftige Vordergliedmaßen besaßen. Vergleiche mit heutigen Tierarten legen nahe, dass es sich wohl um eine Anpassung ans Graben gehandelt hat – Filikomys primaevus lebte demnach vermutlich in unterirdischen Bauten. Das wirklich Besondere an den Funden war allerdings der Zusammenhang: Die Fossilien lagen gruppiert.

Gruppierte Fossilien liefern Hinweise

Offenbar wurden jeweils zwei bis fünf Individuen gemeinsam von den Prozessen erfasst, die zur Fossilierung geführt haben. 13 Individuen wurden dabei innerhalb eines nur 30 Quadratmeter großen Fundbereichs in der gleichen Gesteinsschicht entdeckt. Außerdem handelte es sich den Untersuchungsergebnissen zufolge bei den Gruppen um eine Mischung aus erwachsenen Tieren unterschiedlichen Alters. Dies deutet darauf hin, dass es sich nicht um zwei Elterntiere gehandelt hat, die ihre Jungen aufzogen, erklären die Wissenschaftler. „Normalerweise haben wir es bei Überresten von frühen Säugetieren mit einzelnen Zähnen und Knochen zu tun. Doch in diesem Fall handelte es sich um mehrere, fast vollständige Schädel und Skelette, die genau an dem Ort erhalten sind, an dem die Tiere lebten“, sagt der Seniorautor Wilson Mantilla von der University of Washington in Seattle.

Die plausible Erklärung für die Fundlage ist den Forschern zufolge, dass Filikomys primaevus in sozialen Gruppen aus vermutlich miteinander verwandten Individuen lebte. Möglicherweise bildeten sich auch Gemeinschaften mit kolonieartigen Strukturen. „Diese Vertreter der sehr alten Säugetiergruppe der Multituberculata lebten offenbar in der späten Kreidezeit schon in Gruppenstrukturen, die denen ähnelten, dir wir heute beispielsweise von den Erdhörnchen kennen“, sagt Erstautor Luke Weaver von der University of Washington.

Die Ergebnisse legen somit nahe, dass soziale Verhaltensweisen nicht erst Entwicklungen der Plazentatiere oder Beuteltiere waren. Sozialität ist wahrscheinlich ein Merkmal, das sich zu unterschiedlichen Zeiten und unabhängig voneinander in der Evolutionsgeschichte der Säugetiere herausgebildet hat, schreiben die Wissenschaftler. „Wie tief die Geschichte dieser Verhaltensweisen bei den Säugetieren zurückreicht, ist dabei eine faszinierende Feststellung“, sagt Weaver abschließend.

Quelle: University of Washington, Fachartikel: Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-020-01325-8

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Mus|kel|kon|trak|ti|on  〈f. 20; Med.〉 Kontraktion des Muskels

Down|si|zing  〈[dnszın] n.; – od. –s; unz.〉 1 〈Wirtsch.〉 1.1 Reduktion von Arbeitskräften  1.2 Verringerung der Produktion ... mehr

Land|schild|krö|te  〈f. 19; Zool.〉 Angehörige einer Gruppe landbewohnender Schildkröten: Testudinidae

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige