Sechsbeinige „Flugpassagiere“ in Bernstein - wissenschaft.de
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Sechsbeinige „Flugpassagiere“ in Bernstein

Flugreise mit tragischem Ende: Zwei mit Springschwänzen besetzte Fluginsekten landeten vor 16 Millionen Jahren im Baumharz und verwandelten sich in ein Bernsteinfossil. (Bild: N. Robin, C. D'Haese and P. Barden)

Ein Bernsteinfossil legt nahe, dass die nicht flugfähigen Springschwänze schon seit Jahrmillionen als Passagiere auf geflügelten Insekten unterwegs sind. Weil die Winzlinge zur schnellen Flucht neigen, ist dieses Verhalten möglicherweise bisher unentdeckt geblieben, sagen Forscher. Bei einer „Flugkatastrophe“ vor 16 Millionen Jahren entkamen die Passagiere aber offenbar nicht und wurden konserviert: Die Wissenschaftler präsentieren einen Bernstein, der eine Termite und eine Ameise mit Flügeln sowie 25 Springschwänze enthält, die offenbar auf ihnen saßen, als die Flugreise im klebrigen Harz endete.

Bernsteinfossilien sind faszinierende Grüße aus der Vergangenheit: Insekten, Pilze, Federn, Körperteile und viele andere Spuren einstiger Lebewesen haben Wissenschaftler in den letzten Jahren in Bernsteinen entdeckt. Sie ermöglichen interessante Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Lebens. Doch erstaunlicherweise ist es im aktuellen Fall umgekehrt: Der Bernsteinfund aus der Dominikanischen Republik wirft Licht auf ein interessantes Verhalten, das auch heutige Gliederfüßer noch zeigen könnten. Bisher jedoch blieb es bei diesen unentdeckt, sagen die Forscher um Phillip Barden vom New Jersey Institute of Technology in Newark.

Zwei geflügelte Insekten mit Winzlingen an Bord

Wie sie erklären, handelt es sich bei den etwa 0,5 Millimeter großen Tierchen, die gemeinsam mit den beiden geflügelten Insekten in dem 16 Millionen Jahre alten Bernstein eingeschlossen wurden um Springschwänze (Collembolen) aus der Gruppe der Symphypleona. Diese früher auch als „Urinsekten“ bezeichneten Vertreter der Gliedertiere sind auf der Welt weit verbreitet und tragen ihren Namen aufgrund einer speziellen Struktur unter ihrem Bauch: einer Art Schnappapparat, mit dem sie sich fix wegkatapultieren können. Diese Fortbewegungsweise taugt allerdings nicht, um große Entfernungen zurückzulegen, betonen die Wissenschaftler.

Wie aus der Untersuchung des Bernsteins hervorgeht, können die Winzlinge aber offenbar doch Fernreisen unternehmen: Die insgesamt 25 Springschwänze scheinen sich teilweise noch an die eingeschlossene Termite beziehungsweise Ameise zu klammern. Es handelt sich dabei um geflügelte Geschlechtstiere, von denen bekannt ist, dass sie beachtliche Strecken durch die Luft zurücklegen können. Alle drei Tierarten haben sich seit den letzten 16 Millionen Jahren wohl kaum verändert. Deshalb ist anzunehmen, dass auch heutige Springschwanz-Arten noch bei Gelegenheit Flugreisen unternehmen, um sich weit auszubreiten, sagen die Wissenschaftler.

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Bisher übersehenes Verhalten?

„Symphypleona sind ungewöhnlich im Vergleich zu anderen Vertretern der Springschwänze, da sie spezialisierte Antennen besitzen, die sie bei der Paarung und Balz nutzen“, sagt Barden. Wie der Detailblick in den Bernstein nun allerdings nahelegt, haben diese Strukturen möglicherweise eine weitere Funktion: „Bei dem Fossil sind diese Antennen teilweise um die Flügel und Beine der Ameise und der Termite gewickelt“, so Barden. Es scheint, als ob sich die Winzlinge mit diesen Strukturen an ihren „Trägern“ festgehalten haben.

„Dieser Befund zeigt, dass uns Fossilien nicht nur aus der Entwicklungsgeschichte berichten, sondern uns auch auf immer noch aktuelle Verhaltensweisen aufmerksam machen können, die bisher einfach übersehen wurden“, sagt Co-Autor Ninon Robin. Wie er und seine Kollegen erklären, haben möglicherweise die üblichen biologischen Untersuchungsverfahren dazu geführt, dass das Passagier-Verhalten der Springschwänze unentdeckt geblieben ist. Denn bei der Präparation von Proben kommt oft Ethanol zum Einsatz. Wahrscheinlich nehmen Springschwänze, die an geflügelten Insekten hängen, bei einer solchen Behandlung schnell Reißaus, so die Erklärung.

Es könnte sich nun also lohnen, diesem Verhalten gezielt nachzugehen. „Manchmal muss man offenbar erst in einen 16 Millionen Jahre alten Bernstein blicken, um Hinweise darauf zu bekommen, was in der heutigen Natur ablaufen könnte“, sagt Barden abschließend.

Quelle: New Jersey Institute of Technology, Fachartikel: BMC Evolutionary Biology, doi: 10.1186/s12862-019-1529-6

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