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Erde+Klima

Solarzellen sind „ansteckend“

Solaranlage
Solaranlage auf einem Hausdach. (Bild: querbeet/ iSotck)

Ob man sich eine Photovoltaikanlage auf das Dach montiert, hängt nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren oder politischen Einstellungen ab: Es gibt offenbar auch eine Art Ansteckungs-Effekt. Er bewirkt, dass sich Menschen eher eine Solaranlage zulegen, wenn in ihrer Nachbarschaft schon viele andere vorhanden sind, wie Forscher herausgefunden haben. Dieser Ansteckungs-Effekt wirkt sogar stärker als etwa unser Einkommen oder Bildungsgrad.

Ob Einsparungen bei Plastik, Mülltrennung oder eine pflanzenbasierte Ernährung – seit Jahren wächst in der Bevölkerung das Bewusstsein für klimafreundliches Verhalten. Und das gilt auch für die Stromgewinnung: Immer häufiger tauchen Solarzellen auf Hausdächern auf, mit denen Privatpersonen klimafreundlich Strom gewinnen. Besonders in Europa ist die Dichte der kleineren Photovoltaikanlagen sehr hoch.

Einflussfaktoren untersucht

Doch was beeinflusst die Menschen sich Solarzellen für das eigene Haus anzuschaffen? Dieser Frage sind nun Wissenschaftler um Kelsey Barton‑Henry vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung nachgegangen. „Um Anreize für das Erreichen von Klimaschutzzielen zu schaffen, ist es wichtig, die Mechanismen zu verstehen, die individuelle Klimaentscheidungen wie die Installation von Solarmodulen beeinflussen“, erklären die Forscher. Bereits bekannt war dem Team, dass Vorbilder in der unmittelbaren Umgebung der Menschen für Entscheidungen über die eigene Energieversorgung relevant sein können. Wie stark aber die Solarzellen auf Häuserdächern in der Nachbarschaft die Menschen zur Anschaffung einer Solaranlage beeinflussen, haben die Wissenschaftler nun am Beispiel der Stadt Fresno im US-Bundesstaat Kalifornien untersucht.

„Wir kombinierten Zensusdaten für jeden Bezirk mit hochauflösenden Satellitendaten, die alle Solarpanels in Fresno identifizieren können“, erklärt Barton-Henry. „Dann haben wir verschiedene Algorithmen für maschinelles Lernen trainiert, um den Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Umfeld der Menschen und der Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Solarpanel haben, zu finden.“ Diesen Effekt verglich das Forscherteam zudem mit Einflussfaktoren wie dem Einkommen, der Arbeitslosigkeitsrate oder dem Bildungsgrad sowie dem Alter der Menschen, die Solarzellen besitzen.

„Ansteckungs-Effekt“ wirkt bis zu 200 Meter weit

Das Ergebnis: Offenbar erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass man sich eine Solaranlage anschafft, vor allem dann, wenn viele Solarzellen in der Nähe des eignen Hauses sind. „Es ist im Prinzip so: Wenn man ein Solarpanel vom eigenen Fenster aus sieht, dann beschließt man mit größerer Wahrscheinlichkeit, auch eines auf das eigene Dach zu stellen“, erläutert Co-Autorin Leonie Wenz. „Man könnte meinen, dass andere Faktoren relevanter sind, zum Beispiel das Einkommen oder der Bildungshintergrund oder die Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb des gleichen sozialen Netzwerks wie etwa in einem Schulbezirk“, so die Forscherin. „Wir haben daher all diese verschiedenen Möglichkeiten miteinander verglichen, und das Ergebnis hat uns verblüfft. Es stellte sich heraus: Nein, die geografische Entfernung ist wirklich mit Abstand der wichtigste Faktor. Je mehr Solaranalagen es in einem engen Umkreis um mein Haus gibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich auch eine habe.“

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Dieser „Ansteckungs-Effekt“ gilt aber nur für die unmittelbare Umgebung, wie die Forschenden feststellten. „Der Ansteckungs-Effekt nimmt exponentiell ab, je weiter die nächstgelegenen Solaranlagen von einem Haus entfernt sind,“ berichtet Barton‑Henrys Kollege Anders Levermann. „Die Wahrscheinlichkeit, ein Solarpanel auf dem Dach zu haben, halbiert sich in etwa über die Länge eines Fußballfeldes.“ Der Einfluss der Nachbarn auf die eigene Motivation zu Photovoltaik-Installation hält demnach nur bis zu einer Entfernung von bis zu 210 Metern an. Ab einem Radius von 500 Metern konnten die Forscher kaum noch einen Ansteckungs-Effekt feststellen. Zusätzlich zeigte sich, dass der Einfluss der direkten Umgebung bei einkommensschwachen Gruppen mit einem jährlichen Einkommen von 42.000 US-Dollar etwas stärker ausgeprägt war als bei einkommensstärkeren mit rund 80.000 US-Dollar pro Jahr. Diese Beobachtung könnte allerdings damit zusammenhängen, dass einkommensstarke Gruppen in Fresno eher in weniger dicht besiedelten Gebieten leben, vermutet das Forscherteam.

Relevant auch für politisches Handeln

Das Ergebnis dieser Studie kann nun für politische Maßnahmen zum Klimaschutz relevant sein, so die Wissenschaftler. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein ‚Säen‘ von Solarpanels in Gegenden, in denen es nur wenige gibt, ein Stadtviertel und letztlich die Region überzeugen kann“, so Levermann. „Wenn mehr Solaranlagen zu mehr Solaranlagen führen, kann das zu einem Kipppunkt führen – einem guten diesmal. Als Kipppunkt bezeichnen Klimaforscher das Überschreiten einer Schwelle, die einen nachhaltigen Zustandswechsel eines Systems nach sich zieht. „Daher ist es wichtig, Klimaentscheidungen zu erforschen, um positive soziale Kipppunkte aufzuspüren, sowohl kleine als auch große – für eine sichere Zukunft für alle“, sagt Wenz abschließend.

Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-021-87714-w

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