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Uralter Schnabeltier-Doppelgänger entdeckt

Oben: Eines der beiden Fossilien des Reptilien-Schnabeltiers (Bild: L. Cheng et al., Scientific Reports, Creative Commons 4.0) Unten: Ein heutiges Schnabeltier (Bild: JohnCarnemolla/iStock)

So seltsam sieht heute nur ein Wesen aus – das Schnabeltier ist ein absolutes Unikat. Doch wie nun Fossilienfunde zeigen, gab es im Zeitalter des Trias eine Kreatur, die dem skurrilen Säuger erstaunlich ähnelte. Vor etwa 250 Millionen Jahren wuselte demnach eine Art Reptilien-Schnabeltier durch das seichte Wasser eines Flachmeeres. Ähnlich wie die heutige Version verließ es sich wahrscheinlich beim Beutefang allein auf Sinnesorgane in seinem knorpeligen Schnabel. Deshalb waren auch bei dem urzeitlichen Wesen die Augen zurückgebildet. Es handelt sich bei der Ähnlichkeit somit um einen Fall der sogenannten konvergenten Evolution.

Das Schnabeltier (Ornithorhynchus anatinus) gehört zu den skurrilsten Wesen, die unsere Fauna zu bieten hat, denn es scheint Merkmale ganz unterschiedlicher Tiergruppen in sich zu vereinen: Es hat einen Entenschnabel, Flossen und einen Giftstachel, aber einen pelzigen Körper ähnlich wie ein Biber. Außerdem legt es Eier – die geschlüpften Jungtiere werden dann aber von der Mutter mit Milch versorgt. Diese bizarre Mischung hat den frühen Evolutionsbiologen einiges Kopfzerbrechen bereitet. Heute scheint klar: Das Schnabeltier entspringt einer urtümlichen Seitenlinie der Säugetiere, die sich lange unabhängig entwickeln konnte.

Erstaunliche Formen zeichnen sich ab

Bei dem Wesen, das dem Schnabeltier so auffällig ähnelt, handelt es sich nun allerdings um ein Reptil des Trias-Zeitalters. Fossilien von Eretmorhipis carrolldongi waren prinzipiell schon länger bekannt – doch es gab bisher keine vollständigen Skelette – der Kopf fehlte. Das hat sich nun geändert: Die Paläontologen um Ryosuke Motani von der University of California in Davis berichten über gleich zwei erstaunlich gut erhaltene Eretmorhipis-Fossilien samt Kopf, die von einem Fundort in China stammen.

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Die Untersuchungen ergaben nun erstmals ein klares Gesamtbild des skurrilen Wesens. Das rund 70 Zentimeter lange Reptil hatte demnach einen gestreckten Körper, vier Flossen zum Schwimmen und einen vergleichsweise kleinen Kopf mit besonders winzigen Augen. Das wichtigste Merkmal ist aber: Eretmorhipis besaß im Kieferbereich ungewöhnliche Knochenelemente, wie sie auch beim Schnabeltier zu finden sind. Ähnlich wie bei diesem umfassten sie einst das Knorpelgewebe eines Schnabels, sagen die Wissenschaftler.

Beim heutigen Schnabeltier befinden sich im Schnabel feine Sensoren, die es dem Tier ermöglichen, bei geschlossenen Augen im trüben Wasser Beutetiere aufzuspüren. Deshalb benötigen sie auch keinen leistungsstarken Sehsinn und ihre Augen haben sich im Lauf ihrere Entwicklungsgeschichte zurückgebildet. Genau dies zeichnet sich auch bei Eretmorhipis ab, berichten die Forscher. Sein Schnabel in Kombination mit den kleinen Augen legt nahe, dass das Reptil ähnlich wie das Schnabeltier am Gewässergrund nach Beutetieren stöberte und sich dabei allein auf die Sensibilität seines Schnabels verlassen konnte.

Beispiel für konvergente Evolution

Den Forschern zufolge lassen die Merkmale des Körpers von Eretmorhipis allerdings vermuten, dass das Reptil im Vergleich zum wendigen Schnabeltier ein eher steifer, plumper Schwimmer war. „Es würde in der modernen Welt nicht überleben können, aber damals hatte es keine Rivalen“, sagt Motani. Die Heimat von Eretmorhipis war ihm zufolge ein Meeresgebiet, das nur etwa einen Meter tief war. Dort ernährte es sich wahrscheinlich von Garnelen, Würmern und anderen kleinen wirbellosen Tieren, sagt Motani. Wie er und seine Kollegen erklären, hat sich das Trias-Schnabeltier in einer Welt entwickelt, die vom großen Massenaussterben am Ende des vorhergehenden Perm-Zeitalters geprägt war. Es belegt, wie schnell die Evolution nach diesem Schlag wieder neue Arten hervorbringen konnte, sagen die Paläontologen.

Eretmorhipis gehörte in diesem Zusammenhang zur Gruppe der Amnioten. Das bedeutet, es handelte sich um einen Nachfahren von Landwirbeltieren, die sich an das Wasserleben angepasst haben. Zu den Verwandten von Eretmorhipis gehörten auch die bekannten Ichthyosaurier, sagen die Wissenschaftler. Diese lungenatmenden Meeres-Reptilien haben damals ebenfalls Ähnlichkeiten zu heutigen Tieren entwickelt: zu den Delphinen. Sowohl bei den Ichthyosauriern als auch beim Trias-Schnabeltier zeigt sich somit ein interessanter Effekt im Rahmen der Evolution – Konvergenz: Unabhängig von einander entwickelten sich bei völlig unterschiedlichen Tiergruppen ähnliche Merkmale heraus, wenn sie in vergleichbarer Weise lebten.

Quelle: University of California – Davis, Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-018-37754-6

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