Wer ist schuld am Schlammvulkan "Lusi"? - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Erde+Klima

Wer ist schuld am Schlammvulkan „Lusi“?

15-06-30-schlamm.jpg
Schlamm speiendes Loch: Der Schlammvulkan Lumpur Sidoarjo auf Java (Lapindo Brantas)
Seit neun Jahren fördert der Schlammvulkan Lusi in Ostjava immer neue Mengen von Schlamm aus der Tiefe – und er ist nicht zu stoppen. Das gesamte Umland ist mittlerweile unter dem Matsch begraben. Was die Eruption dieses Schlammvulkans im Mai 2006 auslöste, ist seit Jahren umstritten. Einige Forscher geben einem entfernten Erdbeben die Schuld, andere sehen eine Gasbohrung in der Nähe als Verursacher. Jetzt liefern Forscher neue Argumente für einen menschengemachten Auslöser. Wie sie anhand von Gasmessungen belegen, muss die Gasbohrung verantwortlich sein.

Am 29. Mai 2006 ereignete sich in der Nähe der Stadt Sidoarjo auf Ostjava eine plötzliche Eruption: Urplötzlich schoss eine bis zu 50 Meter hohe, heiße Schlammfontäne aus dem Boden – und hörte nicht mehr auf zu sprudeln. Bis heute wirft der damals entstandene Schlammvulkan mehr als zehntausend Kubikmeter Schlamm pro Tag aus, mehr als sechs Quadratkilometer der Stadt sind mittlerweile unter einer bis zu 40 Meter dicken Schlammschicht versunken. „Neun Jahre der kontinuierlichen Eruption haben fast 40.000 Menschen obdachlos gemacht und Kosten von mehr als 2,7 Milliarden US-Dollar verursacht“, berichten Mark Tingay von der University of Adelaide und seine Kollegen. Zwar wurden mehrere Dämme und Wälle gebaut, um eine weitere Ausbreitung des Schlamms zu verhindern, doch  gegen die fortwährend zunehmenden Schlammmassen haben sie kaum eine Chance. Bisher gibt es keine Möglichkeiten, das Austreten von weiterem Schlamm aus dem Untergrund zu verhindern – gegen die Eruption des Lumpur Sidoarjo, kurz „Lusi“, ist der Mensch bisher machtlos.

Bohrung oder Erdbeben?

Was aber löste diesen Schlammausbruch aus? Darüber streiten sich Forscher bereits seit Jahren. Einige sehen die Schuld bei einer Probebohrung der indonesischen Öl- und Gasfirma Lapindo Brantas, die nur rund 150 Meter vom Schlammvulkan entfernt durchgeführt wurde. Am Tag vor der Eruption trat dort ein sogenannter „Kick“ auf, ein plötzlicher Einstrom von Gas und Flüssigkeit in das Bohrloch. Dieser Einstrom könnte den Druck so stark erhöht haben, dass die Spülflüssigkeit seitlich aus dem Bohrloch austrat und die sogenannte Kaliberg Lehmformation in rund 1.500 Metern Tiefe verflüssigte. „Das Bohrloch war in 1.090 bis 2.833 Metern Tiefe nicht durch ein Rohr eingefasst“, berichten Tingay und seine Kollegen. „Dadurch war ein Flüssigkeits-Austausch mit fast der gesamten Kaliberg-Formation möglich.“ Der dadurch entstandene Schlamm stand unter Druck und bahnte sich seinen Weg an die Oberfläche.

Doch es gibt auch eine Gegentheorie: ein Erdbeben der Magnitude 6,3. Dieses ereignete sich 47 Stunden vor Beginn der Eruption nahe der Stadt Yogyakarta, 250 Kilometer vom Schlammvulkan entfernt. 2013 belegten Forscher um Stephen Miller von der Universität Bonn, dass die Bebenwellen trotz der großen Entfernung eine Verflüssigung des Untergrunds hätten auslösen können. Denn über der Schlammsicht liegt eine kuppelförmige Deckschicht, die wie ein Verstärker gewirkt haben könnte. Sie erhöhte den Druck so stark, dass sich der Lehm in rund 1.275 Metern Tiefe verflüssigte und auch in das Bohrloch eindrang.  Nach Ansicht dieser Forscher war der „Kick“ im Bohrloch daher nicht die Ursache, sondern vielmehr eine Folge dieser Ereignisse.

Gasmessungen sprechen für Bohrunfall

Tingay und seine Kollegen präsentieren nun ihrerseits neue Indizien gegen die Erdbeben-Theorie. Denn wie sie erklären, müsste eine von seismischen Wellen verursachte Verflüssigung auch eine große Menge Gas freigesetzt haben. Sie haben daher Gasmessungen ausgewertet, die 48 Stunden vor der Eruption des Schlammvulkans und 24 Stunden danach im Bohrloch gemacht worden waren. „Dabei zeigte sich kein erhöhter Gasausstoß nach dem Erdbeben“, sagt Tingay. Zudem stammte das Gas, das in dieser Zeit austrat, nicht aus der Kaliberg-Formation, wie die chemische Zusammensetzung nahelegt. Stattdessen trat es in deutlich größerer Tiefe aus, was nach Angaben der Forscher eher für einem Zusammenhang mit der Bohrung sprechen würde. Und auch zeitlich scheinen die Werte nicht zum Erdbeben zu passen: „Die Messungen unterstreichen, dass die Aktivität im Untergrund erst begann, als sich der ‚Kick‘ ereignete“, so der Forscher. „Das deutet stark darauf hin, dass diese Katastrophe durch einen Bohrunfall verursacht worden ist.“

Anzeige

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist damit die Suche nach dem Auslöser der Schlammeruption beendet: „Unsere Daten unterstützen klar einen menschengemachten Auslöser und widerlegen alle existierenden Modelle eines Erdbeben-Triggers“, sagt Tingay. „Meiner Ansicht nach ist die Frage damit endgültig geklärt.“ Ob allerdings Miller und seine Kollegen auch dieser Ansicht sind, bleibt abzuwarten.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Ste|ga|no|gra|phie  〈f. 19; unz.; IT〉 = Steganografie

In Kürze am Abend des Vatertags zwei Kommentare:

1. Mir war zwar klar, dass Virennachweis-Tests bei niedrigen Infektionsraten in der Allgemeinbevölkerung dann, wenn sie positiv ausfallen, nicht viel aussagen. Wie prekär sie im Hinblick auf die derzeit oft gehörte Maxime „Testen, Testen, Testen“ tatsächlich sind, ist mir allerdings auch erst heute nach einem Leserkommentar klargeworden, obwohl dazu keine großen epidemiologischen Klimmzüge gehören. Bei Tests in der Allgemeinbevölkerung, eine Prävalenz von aktiven Fällen von 0,1 % unterstellt, ist bei gerade mal 7 % der positiven Virennachweis-Tests davon auszugehen, dass auch wirklich eine Infektion vorliegt. Das spricht nicht gegen das Testen in begründeten Fällen, etwa bei Symptomen, wie es das RKI bisher empfiehlt, oder in besonders gefährdeten Populationen. Aber die Forderung „Testen, testen, testen“ kommt mir jetzt noch absurder vor als zuvor.

2. Das Ifo-Institut ist ein renommiertes Institut. Zu einem renommierten Institut gehört auch eine gute Pressearbeit. Den halben Tag gehen schon Meldungen durch die Presse, und zwar querbeet, dass nach einer Studie des Ifo-Instituts die Sterblichkeit in Deutschland im April im Rahmen statistischer Zufallsschwankungen liege. Auf den Seiten des Instituts ist die Studie aber nicht zu finden, oder ich bin zu vatertagsbehindert dazu. Je nachdem, wie man mit den Daten umgeht, welche Zeiträume man betrachtet, wie man die Zufallsschwankungen definiert, welche Vergleichszeiträume man betrachtet, wie man die Baseline des Vergleichs bestimmt und wie sehr man das Thema klassisch statistisch betrachtet, also ausblendet, was man vielleicht a priori in Rechnung stellen sollte, je nachdem kann man zu ganz unterschiedlichen Befunden kommen. Bei zeitabhängigen Kurven hilft ein einfaches Konfidenzintervall jedenfalls nicht viel. Aber auf dem Niveau wird das Ifo-Institut vermutlich nicht argumentieren. Daher würde ich schon gerne sehen, was das Ifo-Institut gemacht hat. Ich hoffe, die Medien, die so fleißig berichten, habe es gesehen. Ich habe erst mal Zweifel an der Aussage, man sähe nichts. Aber Irrtum gehört zu meinem Verhaltensrepertoire, und was die vermisste Studie angeht, vielleicht steht sie so groß vor meinen Augen im Internet wie die die Prävalenz aktiver Infektionen. Die Diskussion dazu ist auf jeden Fall lohnend.

Anzeige

3. Ich sprach von zwei Kommentaren. Es werden zweieinhalb. Bei Corona gibt es nicht nur immer neue wissenschaftliche Erkenntnisse, es formen sich auch in den Medien, in der Politik und im eigenen Kopf immer neue Bilder von der Situation, in der wir uns befinden. Es ist also nicht verkehrt, sich vor Augen zu halten, dass die Dinge anders sein könnten, als man denkt, und dass man dazu den Käfig der eigenen Überzeugungen immer wieder mal auf der Suche nach neuen Informationen verlassen sollte. Ob einem beim Umgang mit der damit einhergehenden Unsicherheit „Philosophie in der Echtzeit“ hilft, so der Untertitel eines gerade erschienen Buches zur Coronakrise von Nikil Mukerji und Adriano Mannino, erzähle ich, wenn ich es gelesen habe. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir leben in unsicheren Zeiten.

http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2020/05/21/coronakrise-sinnloses-testen-sinnlose-statistik-sinn-und-unsicherheit/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=coronakrise-sinnloses-testen-sinnlose-statistik-sinn-und-unsicherheit

Aber|rau|te  〈f. 19; Bot.〉 strauchartiges Heilkraut: Artemisia abrotanum

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige