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Erde+Klima

Wie kältetolerant war der Homo sapiens?

Bacho Kiro
Ausgrabungen in der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien. (Bild: Tsenka Tsanova/ MPI-EVA Leipzig, CC-BY-SA 2.0)

Vor rund 45.000 Jahren erreichten erste Gruppen des Homo sapiens Europa. Bisher ging man davon aus, dass unsere Vorfahren nur deshalb den neuen Kontinent besiedeln konnte, weil das Klima dort milder wurde. Doch nun belegen Isotopenanalysen von Tierzähnen aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien, dass dies wohl nicht stimmt. Zu der Zeit, als in dieser Höhle erste Vertreter des Homo sapiens lebten, lagen die Temperaturen dort 10 bis 15 Grad unter den heutigen, wie die Forscher ermittelt haben. Das Klima war demnach ähnlich kalt wie heute im Norden Skandinaviens und Russlands. Das legt nahe, dass unsere Vorfahren kälteresistenter und anpassungsfähiger waren als bislang gedacht.

Vor rund 45.000 Jahren begann der große Umbruch in Europa: Der über hunderttausende Jahre dominierende Neandertaler verschwand allmählich, stattdessen breitete sich der neu aus Afrika und dem Nahen Osten eingewanderte Homo sapiens aus – unser Vorfahr. Das bislang früheste Zeugnis dieser Neuankömmlinge haben Forscher unter Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Jahr 2020 in der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien entdeckt. Funde von menschlichen Knochenstücken, Werkzeugen und Tierknochen belegen, dass der Homo sapiens sich schon zu Beginn des Jungpaläolithikum (IUP) in dieser rund 70 Kilometer südlich der Donau gelegenen Höhle aufhielt. Vergleichende DNA-Analysen enthüllten allerdings, dass sich diese Homo-sapiens-Gruppe offenbar nicht etablieren und vermehren konnte: Im heutigen Erbgut der Europäer haben sie keine Spuren hinterlassen.

Klima vor 45.000 Jahren rekonstruiert

Jetzt hat das Team um Hublin weitere Informationen über diese ersten Einwanderer nach Europa und ihre Zeit zutrage gefördert. Um mehr über das Klima jener Zeit zu erfahren, untersuchten die Forscher die Knochen und Zähne der Tiere, die vor rund 45.000 Jahren in dieser Höhle abgelagert wurden. Zu diesen gehören neben kältetoleranten Tieren wie Mammuts und Rentieren auch Tiere, deren Nachfahren heute in eher gemäßigten Klimazonen vorkommen, darunter Wisente und Wildpferde. Für ihre Studie entnahmen die Wissenschaftler Proben aus dem Zahnschmelz von Wisenten und Wildpferden, die in der gleichen Schicht gefunden wurden wie die Relikte des Homo sapiens und untersuchten sie auf ihr Verhältnis der Sauerstoffisotope O16 und O18. Dies erlaubt Rückschlüsse auf die damals herrschenden Temperaturen.

„Durch diese zeitintensive Analyse, die insgesamt 179 Proben umfasste, war es möglich, eine sehr detaillierte Aufzeichnung vergangener Temperaturen zu erstellen, einschließlich Schätzungen der Sommer-, Winter- und Jahresmitteltemperaturen für den Aufenthalt von Menschen in der Höhle über einen Zeitraum von mehr als 7000 Jahren“, berichtet Hublins Kollegin, Erstautorin Sarah Pederzani. Diese Studie ist die erste, die Klimadaten aus dem Beginn des Jungpaläolithikums mithilfe von Fundstücken am Ort menschlicher Relikte ermittelt. Bisher wurden für die Rekonstruktion der Klimageschichte meist Eisbohrkerne aus Grönland oder Sedimentbohrkerne unter anderem aus der Eifel genutzt.

So kalt wie in Nordskandinavien

Die Analysen ergaben, dass das Klima in Bacho Kiro vor rund 45.000 Jahren kühler war als bislang angenommen. Die Temperaturen lagen im Schnitt um 10 bis 15 Grad unter den heute dort üblichen und vor allem die Winter waren sehr kalt und streng. „Die Sauerstoff-Isotopenwerte und rekonstruierten Temperaturen legen nahe, dass die klimatischen Bedingungen zur Zeit der Besiedlung der Bacho-Kiro-Höhle denen im heutigen Norden Skandinaviens und Russlands entsprachen“, schreibt das Team. „Unsere Rekonstruktionen demonstrieren, dass die hier analysierten Tiere – und die Menschen, die sie jagten – unter Bedingungen lebten, die denen der jahrtausendelangen Kaltzeiten entsprachen, die von anderen Klimaaufzeichnungen aus Südosteuropa bekannt sind.“ Das widerspricht früheren Einschätzungen, nach denen die ersten Vertreter des Homo sapiens in einer Zwischeneiszeit mit milden Temperaturen nach Europa kamen.

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Die neuen Ergebnisse deuten demnach darauf hin, dass unsere Vorfahren möglicherweise kältetoleranter und anpassungsfähiger waren als bisher vermutet. „Wir konnten belegen, dass diese Menschengruppen flexibler in Bezug auf die von ihnen genutzten Umgebungen und anpassungsfähiger an unterschiedliche klimatische Bedingungen waren als bisher angenommen“, sagt Pederzani. Das könnte bedeuten, dass der Homo sapiens bei seiner frühen Besiedlung der Kontinente nicht auf Warmphasen angewiesen war. „Auf der Grundlage dieser neuen Erkenntnisse müssen nun neue Modelle für die Ausbreitung unserer Spezies über Eurasien erstellt werden, die ihre größere klimatische Flexibilität berücksichtigen“, ergänzt Hublin.

Quelle: Sarah Pederzani (Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abi464

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