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Wie viel Klimaschutz ist ökonomisch sinnvoll?

Klimaschutz
Wie viel Klimaschutz können und müssen wir uns leisten? (Bild: JM_Image_Factory/ iStock)

Klimaschutz ist nicht billig – aber Klimaschäden sind es auch nicht. Im Klimaabkommen von Paris einigten sich die Regierungen deshalb darauf, die Erwärmung bis 2100 auf maximal zwei Gad zu begrenzen. Doch der Wirtschaftsnobelpreisträger William Nordhaus kam mit seinem Modell auf eine optimale Balance zwischen Kosten und Nutzen bei 3,5 Grad. Ob er Recht hat, hat nun ein internationales Wissenschaftlerteam erneut untersucht.

Im Pariser Abkommen der UNO wurde vereinbart, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, um Klimarisiken einzudämmen. Denn aus Klimamodellen geht hervor, dass ein stärkerer Klimawandel erhebliche und für viele Länder nicht mehr zu bewältigende Folgen in Form von Stürmen, Dürren, Starkregen und dem Anstieg des Meeresspiegels nach sich ziehen würde. Die Kosten, um sich gegen diese Klimafolgen zu wappnen oder ihre Konsequenzen auszugleichen, wären nach Ansicht vieler Klimaforscher höher als die für rechtzeitige Klimaschutzmaßnahmen.

3,5 Grad statt Zwei-Grad-Ziel?

Doch dem widersprach ein Wirtschaftswissenschaftler, der 2018 immerhin den Nobelpreis bekam: William Nordhaus. Er hatte ein Modell entwickelt, das die Integration des Klimawandels in die langfristige makroökonomische Analyse erlaubt. Mit diesem „Dynamic Integrated Climate-Economy“ -Modell, kurz DICE, kann man ermitteln, welche Pfade der Emissionen und Temperaturen zu einer optimalen Balance zwischen den Kosten der Klimaschutzmaßnahmen und den wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel führen. Nordhaus kam damit auf einen Wert von 3,5 Grad Erwärmung bis 2100 – und damit deutlich höheren Werten als das Pariser Abkommen.

„Während sowohl die UN-Klimaziele wie auch der Nobelpreisträger die Notwendigkeit einer politischen Antwort auf den globalen Klimawandel sehen, unterscheiden sie sich stark in den empfohlenen Temperaturzielen und den Emissionspfaden“, erklären Martin Hänsel vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und seine Kollegen. Allerdings sind das DICE-Modell und Nordhaus‘ Rückschlüsse daraus seither nicht ohne Kritik geblieben. Sie betraf vor allem die Gleichung zur Berechnung des wirtschaftlichen Schadens und die Annahmen zur sogenannten sozialen Diskont-Rate – das Maß der Belastung künftiger Generationen, das eine Gesellschaft für akzeptabel hält.

Doch mit dem Pariser Abkommen vereinbar

Deshalb haben sich Hänsel und sein Team jetzt das DICE-Modell noch einmal vorgenommen und seine Parameter auf Basis neuerer Erkenntnisse aktualisiert. „Im Wesentlichen haben wir das Nordhaus-Modell aufgeschnürt, gründlich überprüft und einige wichtige Aktualisierungen vorgenommen, die auf den neuesten Erkenntnissen der Klimawissenschaft und Wirtschaftsanalyse basieren“, sagt Hänsel. Die Aktualisierungen umfassen ein akkurateres Kohlenstoffkreislaufmodell, eine neue Gewichtung des Temperaturmodells sowie eine angepasste Schadensfunktion. „Allein nach dem, was wir in den letzten zehn Jahren gesehen haben, ist die Annahme hoher klimabedingter wirtschaftlicher Schäden leider realistisch“, sagt Koautor Thomas Sterner von der Universität Göteborg. Hinzu kommen auch neue Erkenntnisse über die normativen Annahmen des Modells zur sozialen Diskont-Rate. Deren Aktualisierung basiert nun auf einer breiten Palette von Expertenempfehlungen zur Generationengerechtigkeit.

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Das Ergebnis: „Wir haben festgestellt, dass die Ergebnisse der aktualisierten Version tatsächlich in guter Übereinstimmung mit der Pariser Zwei-Grad-Grenze für die globale Erwärmung stehen“, so die Forscher. Demnach würde die Begrenzung der Erderwärmung auf unter zwei Grad ein wirtschaftlich optimales Gleichgewicht zwischen künftigen Klimaschäden und den heutigen Kosten für den Klimaschutz herstellen. Gleichzeitig führt die Aktualisierung des DICE-Modells auch zu einer Veränderung in der als empfehlenswert geltenden CO2-Bepreisung: Während das Standard DICE-Modell von Nordhaus knapp 40 US-Dollar pro Tonne CO2 im Jahr 2020 ergibt, errechnet das aktualisierte DICE-Modell einen CO2-Preis von über 100 US-Dollar. Dies allerdings ist bislang fast nirgendwo umgesetzt.

„Unsere Studie bedeutet damit auch, dass eine ehrgeizigere Klimapolitik nötig ist, um zu vermeiden, dass wir unseren Kindern eine ungerechtfertigt hohe Last der Klimaauswirkungen hinterlassen“, konstatiert Koautor Ben Groom von der University of Exeter.

Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung; Fachartikel: Nature Climate Change, doi: 10.1038/s41558-020-0833-x

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