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Biodiversität

Aufruf zum Gärtnern mit bedrohten Pflanzen

Privatgärten sowie Parks könnten zu neuen Lebensräumen für bedrohte Pflanzenarten werden. © AscentXmedia/iStock

Conservation Gardening ist angesagt! Forscher setzen sich für das gezielte Anpflanzen von bedrohten Arten unserer heimischen Flora auf privaten und öffentlichen Grünflächen der Stadt ein. Sie schlagen auch konkrete Maßnahmen vor, durch die bessere Grundlagen für diese Form des Artenschutzes geschaffen werden können. Dabei stehen unter anderem die Gartencenter und Pflanzenproduzenten im Visier, die die Nachfrage fördern und für mehr Angebot an speziellen heimischen Pflanzen sorgen könnten.

Unsere heimische Flora verarmt immer mehr: Fast ein Drittel aller Pflanzenarten Deutschlands sind bedroht und 76 Arten sind mittlerweile schon ganz aus unserem Land verschwunden. Ein Großteil dieser Verluste ist dabei auf den Rückgang der Lebensräume zurückzuführen. Neben der Landwirtschaft ist die weiter fortschreitende Verstädterung problematisch – zehn Prozent der Gesamtfläche Deutschlands sind bereits Siedlungsfläche. Doch genau diese urbanen Areale bergen ein erhebliches, bisher zu wenig genutztes Potenzial für den Naturschutz, sagen Forscher um Josiane Segar vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig.

Urbane Refugien für seltene Pflanzen

Es gab zwar schon oft Aufrufe, anstatt eintöniger Ensembles aus Exoten mehr einheimische Pflanzenarten anzupflanzen, die auch Insekten und Vögeln bessere Lebensbedingungen bieten. Doch die Wissenschaftler machen sich nun auch gezielt für das sogenannte Conservation Gardening stark. Bei dieser gärtnerischen Praxis kommen speziell die im Rückgang begriffenen heimischen Arten zum Einsatz. „Gärtnerisch tätige Menschen haben seit jeher für die Verbreitung von Pflanzenarten gesorgt. Sie könnten daher auch dazu beitragen, die vielen verschwindenden heimischen Arten wieder zurückzubringen. Öffentliche und private Gärten und Grünflächen könnten dabei eine zentrale Rolle für die Erhaltung der Pflanzenvielfalt spielen“, sagt Segar.

Den Forschern zufolge sollte dieser Trend zum ökologischen Gärtnern nun gezielt gefördert werden, und zwar auch auf der Grundlage des erheblichen ökonomischen Potenzials des Gartenbaus. In Deutschland werden jährlich rund neun Milliarden Euro für Pflanzen ausgegeben – Tendenz steigend. Die Wissenschaftler sehen dabei auch ein großes schlummerndes Nachfragepotenzial bei Pflanzen für das Conservation Gardening. Denn das Bewusstsein für den Rückgang von Arten in der deutschen Bevölkerung ist stark gestiegen. Außerdem sind viele der Gewächse attraktiv und robust, berichten die Forscher. Einige sind etwa besonders an trockene Standorte angepasst und könnten daher besser mit Dürreperioden im Zuge des Klimawandels zurechtkommen als viele der derzeit im Gartenbau verwendeten Arten.

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Förderung von Nachfrage und Angebot

Segar und ihren Kollegen zufolge könnten verschiedene Maßnahmen zur Verbreitung des Conservation Gardenings beitragen. Dabei richtet sich ihr Blick unter anderem auf die Angebotsseite: Bedrohte heimische Pflanzenarten sollten im großen Maßstab in Gartencentern verfügbar gemacht werden. Durch Informationskampagnen könnte man die Kunden dort auch zusätzlich auf die Vorteile von Conservation Gardening aufmerksam machen. Als zentrales Element der Förderung schlagen die Forscher eine stärkere Verzahnung von Gartencentern mit dem Markt und Pflanzenproduzenten vor, um für Saat- und Pflanzgut zu sorgen. Die Vermehrung zertifizierten Saatguts heimischer Pflanzen sollte dazu von öffentlicher Seite her finanziell unterstützt werden. Auch die Vermarktung in Gartencentern durch Mehrwertsteuersenkungen könnte sinnvoll sein, so die Forscher.

Was die Pflanzungen auf öffentlichen Grünflächen betrifft, könnten angepasste Vergabekriterien für Aufträge an Gartenbauunternehmen dazu beitragen, die Verwendung von im Rückgang begriffenen heimischen Pflanzenarten zu fördern. Für entsprechende Bepflanzungskonzepte könnte auch das Erstellen von regionsspezifischen Listen zu rückläufigen Arten sinnvoll sein. Eine Reihe an Akteuren mit verschiedenen Verbindungen zum Thema könnten für die Förderung des Conservation Gardening aktiviert werden, resümieren die Wissenschaftler: Botanische Gärten, Universitäten, Naturschutzverbände, Nachbarschaftsgemeinschaften oder die öffentliche Verwaltung könnten mobilisiert werden.

„Selbst im großen Maßstab umgesetzt, erfordert das Conservation Gardening aber keine umfassenden Änderungen der bestehenden Naturschutz-Architektur”, betont Senior-Autor Ingmar Staude von der Universität Leipzig. “Vielmehr werden bestehende und wirtschaftlich tragfähige Strukturen genutzt, um rückläufige Arten bei der Bepflanzung von Grünflächen zu fördern. In einer zunehmend urbanen Welt könnte so Naturschutz für Bürger greifbar und inklusiv gestaltet werden”, so der Wissenschaftler.

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig, Fachartikel: Nature sustainability, doi: 10.1038/s41893-022-00882-z

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