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Bizarre Souvenirs aus der Schwangerschaft

Wahrscheinlich nisten sich bei vielen Frauen während oder nach einer Schwangerschaft Zellen des Fötus dauerhaft im Gehirn ein. Das geht aus einer Studie von US-Forschern hervor, die im Hirngewebe von Frauen im Alter von bis zu 94 Jahren männliche DNA nachgewiesen haben. Das Erbgut kann folglich nicht von den Frauen selbst stammen, sondern muss von ihren ungeborenen Söhnen in ihren Körper übergegangen sein. Zwar war bereits bekannt, dass sich Zellen eines Fötus dauerhaft im Organismus der Mutter ansiedeln können – dieses Phänomen wird als Mikrochimärismus bezeichnet. Die aktuelle Studie legt nun jedoch nahe, dass die fötalen Zellen auch die Barriere der sogenannten Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Möglicherweise hat Mikrochimärismus Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen, lassen bisherige und auch die aktuellen Untersuchungen vermuten.

Das Team um William Chan vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle hat Hirngewebe aus Autopsien von 59 Frauen untersucht, die im Alter zwischen 32 und 101Jahren gestorben waren. In diesen Proben fahndeten die Forscher gezielt nach Spuren männlichen Erbguts. Dafür nutzten sie einen genetischen Marker, der spezifisch auf einen Bestandteil des Y-Chromosoms anspricht, das nur bei Männern vorkommt. Auf dieses Weise detektierten sie bei 63 Prozent der Probandinnen in unterschiedlichen Hirnregionen männliche DNA. Offenbar scheinen sich die Zellen und/oder die DNA dort sehr nachhaltig zu etablieren, denn die älteste Frau war im Alter von 94 Jahren gestorben.

Die Forscher können nicht mit Sicherheit sagen, ob das männliche Erbgut aus vollständigen Zellen stammt oder ob es sich um sozusagen nackte DNA-Moleküle handelt, die ins Nervengewebe vorgedrungen sind. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich beim Ursprung des Erbgutes aber um lebende Zellen, sagen Chan und seine Kollegen. Der Nachweis von Mikrochimärismus im Gehirn ist ihnen zufolge besonders ungewöhnlich, da eigentlich anzunehmen war, dass die Blut-Hirn-Schranke den Übertritt von Zellen aus dem Blut ins Hirngewebe verhindern würde. Dieser Filter aus speziellen Zellschichten schützt das Gehirn nämlich vor im Blut zirkulierenden Krankheitserregern und schädlichen Substanzen.

Frühere Untersuchungen zum Phänomen des Mikrochimärismus in anderen Geweben legen nahe, dass die fötalen Zellen im Organismus der Mutter sich sowohl negativ als auch positiv auf deren Gesundheit auswirken können. Es gibt beispielsweise Hinweise, dass die Zellen die Neigung zu Autoimmunerkrankungen erhöhen, sich aber auch positiv auf Mechanismen der Reparatur von Geweben auswirken können. Die aktuelle Studie liefert in diesem Zusammenhang nun erste Hinweise darauf, dass Mikrochimärismus im Gehirn möglicherweise der Entstehung der Alzheimerkrankheit entgegenwirken könnte. 33 der Probandinnen waren zum Zeitpunkt des Todes nämlich an Alzheimer erkrankt. Bei ihnen fanden die Forscher im Vergleich zu den übrigen seltener Zeichen von Mikrochimärismus im Gehirn. Die Alzheimer-Probandinnen, bei denen die Forscher dennoch männliche DNA im Gehirn nachweisen konnten, wiesen zudem eine Besonderheit auf: In den Hirnbereichen, die besonders stark von Alzheimer-Symptomen betroffen waren, lag im Vergleich zu weniger erkranktem Hirngewebe weniger männliche DNA vor.

Die Forscher betonen allerdings ausdrücklich, dass es sich nur um erste Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Alzheimer und Mikrochimärismus handelt, denn der Probenumfang war für klare Aussagen viel zu klein. „Die biologische Bedeutung von Mikrochimärismus im menschlichen Gehirn erfordert nun weitere Untersuchungen“, sagt William Chan.

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William Chan (Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle) et al.: PLOS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0045592 © wissenschaft.de ? Martin Vieweg
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