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Delfine betreiben Hautpflege mit Korallen

DElfine
Delfinmutter mit ihrem Kalb an den "medizinischen" Korallen. © Angela Ziltener

Im Roten Meer vor der Küste Ägyptens hat eine Wildtierbiologin Delfine beobachtet, die ein erstaunliches Verhalten an den Tag legen: Regelmäßig reiben sie sich an bestimmten Korallen – und stellen sich sogar hinter Artgenossen an, bis sie selbst an die Reihe kommen. Doch warum? Um diese Frage zu beantworten, haben die Forschenden Proben der von den Delfinen präferierten Korallen und Schwämme genommen und im Labor untersucht. Das Ergebnis: Durch die Reibung werden bioaktive Substanzen mit antibakteriellen Eigenschaften freigesetzt. Womöglich nutzen die Delfine die Korallenriffe somit als eine Art Apotheke zur Vorbeugung und Behandlung von Hautkrankheiten.

Von zahlreichen Tierarten ist bekannt, dass sie sich ihre Heilmittel in freier Wildbahn selbst suchen: Schimpansen fressen bei Darmproblemen Heilpflanzen, Honigbienen produzieren und nutzen die antibakterielle Substanz Propolis und manche Vögel gestalten ihr Nest aus Pflanzenmaterialien, die einem Milbenbefall des Nachwuchses vorbeugen. Auch bei Delfinen wurde ein Verhalten beobachtet, das auf Selbstmedikation schließen lässt: Große Tümmler reiben sich regelmäßig an bestimmten Korallen. Inwieweit diese aber medizinische Eigenschaften haben, war bislang unklar.

Apotheke im Korallenriff

Nun hat ein Team um Gertrud Morlock von der Universität Gießen zwei Arten von Korallen und einen Schwamm analysiert, die Delfine bevorzugt aufsuchen: die Gorgonienkoralle (Rumphella aggregata), die Lederkoralle (Sarcophyton sp.) und den Meereschwamm Ircinia. Tatsächlich identifizierten sie darin 17 aktive Metaboliten mit antibakterieller, antioxidativer, hormoneller und toxischer Wirkung. „Durch wiederholtes Reiben kommen die aktiven Stoffwechselprodukte mit der Haut der Delfine in Kontakt“, erklärt Morlock. „Die Metaboliten könnten ihnen helfen, die Homöostase der Haut zu stabilisieren, und für die Prophylaxe oder Zusatzbehandlung gegen mikrobielle Infektionen nützlich sein.“

Das Forschungsteam schließt daraus, dass die Delfine tatsächlich eine Art Selbstmedikation betreiben. Vermutet hatte das Co-Autorin Angela Ziltener bereits 2009, als sie bei Forschungstauchgängen im Roten Meer vor der Küste Ägyptens erstmals beobachtete, wie sich Große Tümmler an Korallen rieben und sich dafür sogar „anstellten“, bis sie an der Reihe waren. „Ich hatte dieses Verhalten noch nie zuvor gesehen, und es war klar, dass die Delfine genau wussten, welche Koralle sie benutzen wollten“, sagt Ziltener.

Erlerntes Verhalten

Um herauszufinden, welche Korallen genau die Großen Tümmler wählten, musste das Forschungsteam zunächst das Vertrauen der Tiere gewinnen. Erst als die Delfine zuließen, dass die Forscher näher an sie herankamen, konnten diese die entsprechenden Korallen und Schwämme identifizieren und Proben davon nehmen. Dabei stellten sie auch fest, dass durch das intensive Reiben ein Schleim aus den Korallen freigesetzt wird, der wahrscheinlich auf der Haut der Delfine haften bleibt.

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Bei den Verhaltensbeobachtungen fiel den Forschern zudem auf, dass sich die Delfinkälber nicht an den Reibeprozeduren beteiligten, sondern den älteren Gruppenmitgliedern dabei zusahen. Wenn sie im Alter von etwa einem Jahr erstmals teilnahmen, näherten sie sich den Korallen zunächst vorsichtig und berührten sie nur mit einzelnen Körperteilen. Erst nach und nach lernten sie, sich von der Nase bis zur Schwanzflosse daran zu reiben. „Dies könnte bedeuten, dass das Verhalten und das potenzielle Wissen über die Wirkungen der enthaltenen bioaktiven Substanzen nicht angeboren sind, sondern durch soziale Lernprozesse erworben werden“, schreiben die Autoren.

Quelle: Gertrud Morlock (Universität Gießen) et al., iScience, doi: 10.1016/j.isci.2022.104271

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