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Die Naht aus der Tube

Chirurgen greifen immer häufiger zum Klebstoff statt zu Nadel und Faden. Ob eine gerissene Milz bei einem Unfallopfer zu versorgen ist, ob abgerissene Nerven wieder mit dem Rückenmark verbunden werden oder verpflanzte Hautstücke möglichst narbenlos anwachsen sollen – immer mehr werden im Operationssaal biologische Kleber eingesetzt.

Die Idee zu „der Suppe“ kam Prof. Julius Preterius, als er einen Zeitungsartikel ausschnitt und sich dabei mit der Schere an der Hand verletzte. „Ganz in die Schnipselei versunken“, schreibt Preterius in sein Tagebuch, „blickte ich auf den blutenden Schnitt im Handteller und dann auf den Papierkleber auf dem Tisch vor mir.“
Plötzlich hatte er eine Eingebung. Wie praktisch wäre es doch, dachte der Professor, „wenn ich die leicht klaffende Wunde einfach zusammenkleben könnte, anstatt sie erst mit antiseptischem Pulver und Verbandszeug zu verarzten, und dann einen schmerzlichen Heilungsprozeß über mich ergehen lassen zu müssen“.

Das „umständliche, zeitraubende und ausschließlich von Fachleuten auszuführende Nähen“ könnte man gänzlich abschaffen. Sein „Sekundenkleber“, träumt Preterius, soll eines Tages in jedem Erste-Hilfe-Kasten zu finden sein. Den Visionen folgen Taten. Ein Jahr experimentiert er wie besessen mit immer neuen Ingredienzien, aber ohne Erfolg: „Es klebt nicht. Es wird nie kleben!“, sind seine letzten, verzweifelten Tagebucheintragungen.

Und es klebt doch. Vielleicht nicht in jener bahnbrechenden Weise, wie sie dem Ehrgeizling Preterius im Krimi-Bestseller des Jahres 1990 – Akif Pirinccis „Felidae“ – vorschwebte. Der Gewebekleber trägt auch nicht den poetisch-schönen Romannamen „Claudandus“, sondern heißt technisch-schlicht „biologischer Zweikomponenten-Kleber“ oder „Fibrinkleber“. Dennoch ist mit seiner Hilfe möglich, was Prof. Preterius beim Betrachten seiner verletzten Hand unvermittelt in den Sinn kam: Er klebt und versiegelt Gewebe, stillt Blutungen und unterstützt die natürliche Wundheilung – ganz ohne Nadel und Faden. Inzwischen werden dem Patienten sogar Augenlinsen und große Hautstücke – etwa nach Verbrennungen – ein- und angeklebt. Ganz neu ist das Kleben abgerissener Nerven. Solche Verletzungen schienen bisher unheilbar und hatten lebenslange Lähmungen zur Folge.

Erstmals wurde der „Bio-Leim“ am 19. Dezember 1973 in der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie beim Menschen eingesetzt – notgedrungen. Die Ärzte operierten damals einen Patienten am offenen Herzen. Plötzlich traten massive Blutungen auf. Alle Versuche der Chirurgen, sie zu stoppen, blieben vergeblich, der Tod des Patienten schien unausweichlich. Da erinnerte sich einer der Ärzte, daß im selben Krankenhaus Wissenschaftler mit einem ominösen Kleber experimentierten, der angeblich in der Lage sein sollte, Gewebe zu vereinigen und Blutungen zu stillen. In letzter Minute alarmierten die Chirurgen die Forscher, die den Kleber sofort in den Operationssaal brachten. Den Ärzten gelang es damit, die Blutung zu stoppen. Der Patient überlebte. Seither sind über 2000 wissenschaftliche Aufsätze erschienen, in denen Mediziner die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten der physiologischen Gewebe-Kleber beschreiben.

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„Physiologisch“ ist die Klebung deshalb, weil Fibrinkleber nachahmen, was die Natur vormacht, wenn sie blutende Wunden so schnell wie möglich zu schließen versucht. Eine Schürfwunde am Knie etwa ist bereits nach vier bis sechs Tagen spurlos verschwunden, das verletzte Gewebe völlig regeneriert, als wäre nie etwas geschehen. Diese erstaunliche „Wiedergutmachung“ ermöglicht ein gut organisiertes biochemisches System, das unverzüglich in Aktion tritt, sobald der menschliche Körper Schaden nimmt.
Als etwa das scharfe Metall von Preterius‘ Schere die wohlgeordnete Architektur der Hautschichten durchstieß und dabei auch manches feine Blutgefäß durchtrennte, aktivierte sein Körper sofort Gegenmaßnahmen. Einer der zentralen Schritte zur Schadensbegrenzung ist die Blutgerinnung: Rund 30 Substanzen steuern diesen Mechanismus. Der letzte und wichtigste Abschnitt der Gerinnung ist die Umwandlung des löslichen Blutbestandteils Fibrinogen in das unlösliche Fibrin. Diesen Wandel veranlaßt das Enzym Thrombin, das gleich nach der Verletzung im Wundgebiet entsteht. Thrombin aktiviert auch den „fibrinstabilisierenden Faktor“ (Faktor VIII) – jene Substanz, die Bluterkranken von Natur aus fehlt, was selbst kleine Wunden für sie zur tödlichen Gefahr macht.

Wenn Faktor VIII aktiv wird, vernetzen die Fibrinfäden. Das Resultat der molekularen Webarbeit ist ein enges Maschenwerk feinster Fasern, in dem sich Blutkörperchen verfangen: Es entsteht ein Gerinnsel, das die Blutung stillt und die Wundflächen „verklebt“. Sobald die Wunde verschlossen ist, beginnt die Heilung: Gewebszellen sprossen in das verletzte Areal ein. Das Fibrin fungiert dabei als Leitschiene für die Reparaturzellen. Während die Wunde heilt, wird der Blutpfropfen abgebaut und zum dauerhaften Wundverschluß durch Haut und Bindegewebe ersetzt.

Medizinische Fibrinkleber ahmen den letzten Schritt dieser Gerinnungskaskade nach. Wie bei der natürlichen Blutgerinnung wandelt auch der Kleber aus der Tube Fibrinogen in Fibrin um. Er enthält dazu ebenfalls Fibrinogen, Thrombin und Faktor VIII – alles aus menschlichem Blutplasma gewonnen.

Kurz vor der Anwendung werden die Einzelstoffe – wie bei einem technischen Mehrkomponenten Kleber – zusammengebracht und auf die Wundfläche aufgetragen. Die Teamarbeit der einzelnen Substanzen läßt schnell ein weißliches, natürlich strukturiertes Fibrinnetz entstehen. Wie das vom Körper gebildete Netz stillt es Blutungen und klebt Gewebe zusammen, ist reißfest und dennoch elastisch. Nach dem Wundverschluß setzt die Heilung ein: Während die körpereigenen Reparaturtrupps die Gewebe-Restauration vollenden, bauen Enzyme das „künstliche“ Fibrinnetz nach und nach ab.
Wenn die Augenlinse trüb geworden ist (Grauer Star), kann sie ersetzt werden. Früher wurde sie eingenäht, heute geklebt. Im Bild quillt oben an der neuen Linse überschüssiger Kleber heraus.
In der Neurochirurgie sind Fibrinkleber häufig die einzige Möglichkeit, um verletzte Hirnhäute abzudichten. Zunehmende Bedeutung haben Fibrinkleber in jüngster Zeit bei der Behandlung blutender Magengeschwüre erlangt. Mit Hilfe eines Endoskops wird der Kleber dabei von innen direkt aufgetragen. In der Hals-Nasen-Ohren-Chirurgie verwenden Ärzte Fibrinkleber, um beispielsweise die feinen Gehörknöchelchen zu fixieren. Plastische Chirurgen setzen Fibrinkleber beim Face-lifting ein, was die Zahl der kosmetisch problematischen Nähte, mit denen die Haut gespannt wird, erheblich verringert.

Claudia Eberhard-Metzger
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