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Erde|Umwelt

Eine Familie, zwei Gesellschaftsformen

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Schimpansen haben ein helleres Gesicht und einen recht massiven Schädel. Bild: Thomas Lersch, Wikipedia (GNU-Lizenz)
Schimpansen und Bonobos ähneln sich zwar äußerlich sehr stark, leben aber in unterschiedlichen Gesellschaftsformen. Schimpansen praktizieren ein klassisches Patriarchat, während bei den Bonobos die Weibchen dank ungewöhnlicher Allianzen dominant sind. Gestärkt werden diese Kooperationen durch lesbischen Geschlechtsverkehr. Den Ruf des friedliebenden Tiers haben die Bonobos jedoch wohl zu Unrecht: Die Weibchengruppen werden nicht selten handgreiflich.

Auf den ersten Blick kann man sie kaum auseinanderhalten: Schimpansen und Bonobos haben beide dunkles Fell, sind fast gleich groß, und auch ihr Körperbau ähnelt sich frappierend. Doch so ähnlich sich die beiden Vertreter der Menschenaffengattung „Pan“ äußerlich auch sein mögen, ihr Ruf könnte unterschiedlicher nicht sein: Schimpansen gelten als ruchlos, machtgierig und aggressiv – die Männchen töten kaltblütig die Angehörigen anderer Gruppen, fressen Säuglinge und unterdrücken die Weibchen. Bonobos hingegen haben eine extrem guten Leumund, denn sie scheinen sehr friedlich zu sein und sich vor allem mit den verschiedenen Spielarten von Sex zu beschäftigen – ganz nach dem Blumenkindermotto: „make love, not war!“

Doch so ganz trifft das „guter Affe, böser Affe“-Bild die Realität wohl nicht, wie das Magazin „bild der wissenschaft“ in seiner April-Ausgabe berichtet. Immer mehr kratzt eine Vielzahl an Beobachtungen in freier Wildbahn, in Zoos und Laboratorien an dem moralischen Sockel, auf den die Verhaltensforscher die Bonobos gestellt haben. Die neuen Erkenntnisse lassen mittlerweile eigentlich nur noch einen Schluss zu: Bonobos sind bei weitem nicht so friedlich wie angenommen – sie gehen lediglich auf eine ganz eigene Art und Weise mit Aggressionen um, nicht zuletzt, weil bei ihnen die Weibchen die Gewalt ausüben.

Denn seitdem sich vor etwa zwei Millionen Jahren die Entwicklungslinien von „Pan troglodytes“, dem Gemeinen Schimpansen, und „Pan paniscus“, dem Bonobo, trennten, entwickeln sich auch ihre Gesellschaftsstrukturen in unterschiedliche Richtungen – nicht zuletzt wohl auch deswegen, weil die beiden Menschenaffen unter zum Teil extrem unterschiedlichen Bedingungen leben: Die Bonobos besiedelten von Anfang an praktisch ausschließlich die Regenwälder am Südufer des Kongos, ein Gebiet, das ihnen einen reich gedeckten Tisch mit vielfältigen Früchten, eiweißreichen Kräutern und sauberem Wasser bot. Die Schimpansen hingegen breiteten sich im nördlicheren Afrika aus und mussten mit lichten Wäldern ebenso zurechtkommen wie mit eher kargen Savannen.

Mit der Zeit entstand so bei den Schimpansen ein klassisches Patriarchat: Die Führer der Gruppen waren die körperlich überlegenen Männchen, und je größer deren Dominanz war, desto leichter ließ sich anderen Gruppen das Futter abjagen und desto besser waren die Überlebenschancen. Anders bei den Bonobos: In ihrem Schlaraffenland trat die Konkurrenz um die Nahrung in den Hintergrund, und es bildete sich ein Matriarchat, basierend auf starken Allianzen zwischen den Weibchen. Um sie stabil zu halten, bedienen sich die Bonobos dabei einer ungewöhnlichen Strategie – sie praktizieren gleichgeschlechtlichen Sex.

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Bei solchen lesbischen Kontakten, bei denen die Weibchen Bauch auf Bauch liegen und ihre Klitoris durch Aneinanderreiben ihrer Genitalien stimulieren, handelt es jedoch keineswegs um eine Ersatzbefriedigung, wie Forscher lange Zeit annahmen. Im Gegenteil: Für ein Schäferstündchen mit einer Artgenossin lassen die Bonoboweibchen die Männchen manchmal sogar stehen – selbst dann, wenn sie bereits mit einer Kopulation begonnen haben. Auch die Idee, der Sex solle eine Konkurrentin beschwichtigen, lässt sich so wohl nicht halten. Vielmehr, davon sind die Forscher mittlerweile überzeugt, ist der Geschlechtsverkehr ein sozialer Schachzug: Die Lustgefühle, die dabei erzeugt werden, helfen, Kooperationen auszubauen und somit die Machtverhältnisse umzustrukturieren.

Diese Gemeinsamkeit macht stark, und das zahlt sich aus, berichtet „bild der wissenschaft“. Pazifistisch sind die Frauenclans dabei allerdings nicht: Sie werden nicht selten handgreiflich gegenüber den körperlich eigentlich überlegenen Männchen, und können ihnen dabei ganz schön zusetzen – von Bisswunden über abgetrennte Finger und Zehen bis hin zu Verletzungen am Penis haben Forscher bereits alles beobachtet. Auf diese Weise schaffen es die Weibchen jedoch nicht nur, die Kontrolle über die Nahrungsressourcen zu behalten. Sie verhindern auch den bei Schimpansen üblichen Babymord, der bei Bonobos vollkommen unbekannt ist.

Trotz dieses Erfolges gibt es solche weiblichen Allianzen unter Schimpansinnen nie, selbst dann nicht, wenn ihnen Futter in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. Umgekehrt geben Bonobos auch unter harschen Bedingungen ihre Gesellschaftsstruktur nicht zugunsten einer Dominanz der Männchen auf. Wahrscheinlich, schließen Forscher aus dieser Beobachtung, haben zwei Millionen Jahre die beiden unterschiedlichen Lebensweisen fest in den Genen der Tiere verankert. Das wirft wiederum die interessante Frage auf, nach welchem Modell der gemeinsame Vorfahr von Schimpanse, Bonobo und Mensch lebte – und welche Art von Lebensweise in unserer eigenen genetischen Hardware versteckt ist.

Volker Sommer: „Welcher Affe steckt in uns?“ bild der wissenschaft 4/2008, S. 18 ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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