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Klimawandel

Eisbären, die ohne Packeis auskommen

Eine Eisbärenfamilie überquert Gletschereis in Südostgrönland. © NASA OMG

Anpassungsfähiger als gedacht: Im Südosten Grönlands gibt es eine möglicherweise Klimawandel-resistente Eisbärpopulation, berichten Forscher. Die Tiere dieser weitgehend isoliert lebenden Gruppe sind nicht auf das schwindende Meereis angewiesen, sondern jagen Robben von schwimmenden Bruchstücken der Gletscher aus. Diese Eisbären können dadurch unter Bedingungen existieren, wie sie Prognosen zufolge in weiten Teilen der Hocharktis im späten 21. Jahrhundert vorherrschen werden. Zumindest von Gletschern geprägte Küstenregionen könnten der Art somit als Refugien dienen, sagen die Wissenschaftler.

Sie sind die Herrscher einer entlegenen Region, doch das hat die Eisbären nicht vor Problemen im Zeitalter des Menschen bewahrt: Die Bestände der weißen Riesen sind in den letzten Jahrzehnten vielerorts stark zurückgegangen. Forscher führen dies auf einen Effekt des Klimawandels zurück: Durch die Erwärmung schrumpft der Lebensraum der Eisbären – das Packeis. Dadurch werden ihre oft weitläufigen Wanderbewegungen beeinträchtigt und vor allem verlieren die Raubtiere ihre Jagdgründe. Denn Eisbären lauern üblicherweise an Löchern und Rändern des Meereises Robben auf. Wenn sich der Klimawandel und der Eisrückgang den Prognosen entsprechend fortsetzt, könnten die drastischen Umweltveränderungen im hohen Norden das Aus für den Eisbären bedeuten, so die Befürchtung.

Doch die Studie der Forscher um Kristin Laidre von der University of Washington in Seattle gibt nun zumindest etwas Hoffnung. In ihrem Visier standen Eisbären, die in einem speziellen Verbreitungsgebiet leben: Im Südosten Grönlands, der von Gletschern und Fjorden geprägt ist. „Zunächst war nur grundlegend bekannt, dass es dort einige Bären gibt. Doch keiner hätte geahnt, wie besonders sie sind – dass es sich um eine bisher unbekannte Unterpopulation der Art handelt“, sagt Laidre. Die Ergebnisse der Wissenschaftler basieren dabei auf genetischen Informationen, Bewegungsdaten, Lebensraumanalysen und Verhaltensbeobachtungen unter Einbeziehung des traditionellen Wissens der einheimischen Bevölkerung.

Südöstliche Grönlandbären sind besonders

Wie das Team berichtet, ging aus den Untersuchungen des Erbguts der Tiere hervor: Sie bilden eine Eisbärenpopulation, die sich besonders deutlich von anderen Gruppen unterscheidet. „Es handelt sich um die genetisch am stärksten isolierte Eisbärenpopulation auf dem gesamten Planeten“, sagt Co-Autorin Beth Shapiro von der University of California in Santa Cruz. Weitere Untersuchungsdaten passten zu diesem Befund: „Wir wissen, dass diese Population seit mindestens mehreren hundert Jahren getrennt von anderen Eisbären lebt und dass ihr Bestand während dieser Zeit klein geblieben ist“, sagt Shapiro. Den Schätzungen des Teams zufolge umfasst die Eisbärengemeinschaft in Südostgrönland nur ein paar hundert Bären.

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Die Verfolgung via Satellit zeigt: Eisbären in Nordostgrönland (blaue Linien) wandern über das Meereis, um zu jagen. Die Eisbären im Südosten Grönlands (rote Linien) bewegen sich hingegen innerhalb ihrer Heimatfjorde und der näheren Nachbarschaft. © Laidre et al./Science

Die Bildung einer Gruppe mit speziellen genetischen Merkmalen hat mit der isolierten Lage des Lebensraums zu tun, erklären die Forscher: Er wird von Bergen begrenzt und dem Meer, das von einer schnell fließenden Küstenströmung geprägt ist. Die satellitengestützte Verfolgung erwachsener Weibchen zeigte auch, dass die Südostgrönlandbären im Vergleich zu den meisten anderen Eisbären, die zur Jagd weit über das Meereis reisen, eher ortstreu sind: Sie wandern auf dem Eis innerhalb geschützter Fjorde oder klettern auf Berge, um benachbarte Gletschertäler über das grönländische Inlandeis zu erreichen. Etwas weitere Touren ergeben sich offenbar durch Drift, berichten die Forscher: Viele der untersuchten Bären trieben durchschnittlich 190 Kilometer auf kleinen Eisschollen, die von der nach Süden gerichteten ostgrönländischen Küstenströmung erfasst wurden. Am Ende der Reise sprangen die Tiere ab und wanderten dann auf dem Landweg wieder zurück nach Norden zu ihren Heimatfjorden.

Gletscher-Bruch statt Packeis als Jagdplattform

Die wohl bedeutendste Erkenntnis aus der Studie ist allerdings, dass die Tiere mit den Jagd-Bedingungen in ihrem Lebensraum zurechtkommen. Denn die Bären in Südostgrönland haben nur vier Monate lang Zugang zum Meereis, das Eisbären normalerweise als Plattform für die Robbenjagd dient. In den übrigen zwei Dritteln des Jahres nutzen sie dort aber eine Alternative, berichten die Wissenschaftler: Sie jagen Robben von Eisbrocken aus, die vom grönländischen Eisschild abbrechen. „In gewisser Weise geben diese Tiere einen Hinweis darauf, wie Eisbären in Grönland unter zukünftigen Klimaszenarien leben könnten. Denn die heutigen Meereisbedingungen in Südostgrönland ähneln denen, die für Nordostgrönland gegen Ende dieses Jahrhunderts vorhergesagt werden“, sagt Laidre.

Mit anderen Worten: Wenn Eisbären unter den Bedingungen in Südostgrönland überleben, könnten ähnliche von Gletschern geprägte Küstenregionen ihnen als Refugien dienen. Somit scheint es Überlebenschancen zu geben, wenn sich das Packeis im Zuge des Klimawandels immer weiter zurückgeht. „Vor dem Hintergrund der Sorgen um den Erhalt der Art geben unsere Ergebnisse Hoffnung – ich denke, sie zeigen uns, wie zumindest einige Eisbären unter dem Klimawandel überleben könnten“, sagte Laidre. „Wir müssen jedoch vorsichtig sein, wenn wir unsere Befunde extrapolieren, denn das Gletschereis, das den Bären in Südostgrönland das Überleben ermöglicht, ist in den meisten Teilen der Arktis nicht vorhanden. Von Gletschern geprägte Lebensräume werden somit wohl keine große Anzahl von Eisbären beherbergen können. Wir erwarten deshalb nach wie vor einen starken Rückgang der Eisbären in der Arktis aufgrund des Klimawandels“, gibt die Wissenschaftlerin abschließend zu bedenken.

Quelle: University of Washington, Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.abk2793

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