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Erde|Umwelt

Extremwetter: Entsetzen auf der Piste, Entzücken am Bau

Der Klimawandel wird in Europa vermutlich zu mehr extremen Wetterlagen führen. Wissenschaftler rechnen mit häufigeren und längeren Hitzeperioden im Sommer sowie stärkeren Niederschlägen und mehr Hochwasser im Winter.

Für Helga Düring war es das beste Geschäft des vergangenen Winters: 3000 Kubikmeter Crash-Eis lieferte ihr Bremerhavener Eiswerk an die Veranstalter des Biathlon-Weltcups im thüringischen Oberhof, die damit die Loipen präparierten. Ohne die kalte Fracht aus der Eismaschine hätten die Verantwortlichen die Sportveranstaltung Anfang Januar absagen müssen. Denn bei Temperaturen um fünf Grad Celsius über Null waren die Hänge dort grün – wie fast überall in den deutschen Mittelgebirgen. Schneesicher scheinen in Deutschland außerhalb der Alpen nur noch die Indoor-Skihallen zu sein. Allein im Dezember kamen rund 35 000 Besucher in den im Oktober 2006 eröffneten „Snow Dome“ im niedersächsischen Bispingen.

Vor einem Jahr sah es noch ganz anders aus. Von Januar bis März 2006 stöhnten Ostbayern und der Alpenraum unter der Last gewaltiger Schneeberge, mit zum Teil tragischen Folgen – wie der Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall, bei dem 15 Menschen starben und 34 teils schwer verletzt wurden. Doch seither scheinen die Temperaturen nur noch eine Richtung zu kennen: nach oben. „Mittlerweile gehen uns fast die Worte aus. Seit dem Sommer berichten wir in fast jedem Monatsrückblick von extrem hohen Temperaturen“, beschreibt Uwe Kirsche, Pressesprecher des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach, die Lage. Der Juli 2006 war in Deutschland der wärmste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, ebenso der Herbst 2006. Darauf folgte der mildeste Januarbeginn aller Zeiten – und ein Wintermonat, dessen Durchschnittstemperatur um 4 bis 5 Grad über dem langjährigen Mittel lag. Sind diese Extreme Folgen des Klimawandels, oder liegen die Werte noch in der natürlichen Schwankungsbreite des Wettergeschehens?

Schlimmer als die Prognosen

Zweifel am globalen Klimawandel äußert heute fast niemand mehr. Auch eine Mitschuld des Menschen wird wissenschaftlich kaum noch bezweifelt. Das belegt der neueste Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Chance (IPCC) mit Sitz in Genf. Der Bericht, dessen zentrale Inhalte Anfang Februar veröffentlicht wurden, bestätigt die bisherigen Einschätzungen und erklärt, dass der beobachtete Klimawandel „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ durch die Zunahme von Treibhausgasen als Folge menschlicher Aktivitäten verursacht wird. Die wichtigste Schlussfolgerung aus den Daten, die Wissenschaftler für das IPCC zusammengetragen haben: Je nach Wirtschaftswachstum, technologischer Entwicklung und politischen Entscheidungen wird sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde im globalen Mittel bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich um 1,8 bis 4,0 Grad Celsius erhöhen. Der Anstieg in den vergangenen 100 Jahren von weltweit 0,74 Grad ist darauf nur ein Vorgeschmack. Folgen der Erderwärmung werden unter anderem ein Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 um 18 bis 59 Zentimeter und ein Abtauen großer Teile der Eisflächen auf der Erde sein.

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In vielen Bereichen hat die Wirklichkeit die Prognosen aus den vergangenen Jahren bereits in erschreckendem Ausmaß eingeholt, wenn nicht sogar überholt. Die polaren Eisschilde schwinden in nicht für möglich gehaltenem Tempo. Seit 1978 ist die Fläche des arktischen Meereises rund um den Nordpol im Sommer um 22 Prozent geschrumpft. Auch die Gletscher überall auf dem Globus sind nur noch ein Schatten früherer Tage. Nach neuesten Berechnungen des World Glacier Monitoring Service (WMGS) an der Universität Zürich büßten die Gletscher weltweit allein im Jahr 2005 durchschnittlich zwischen 60 und 70 Zentimeter ihrer Dicke ein. Spitzenreiter beim Abschmelzen in den Alpen ist der Griesgletscher im Kanton Wallis, dessen Eispanzer binnen Jahresfrist rund 1,60 Meter dünner wurde. Wenn die Erderwärmung weitergeht wie bisher, könnten die Alpengletscher nach den Berechnungen des WMGS bis 2050 ganz verschwunden sein. Ein weiteres Alarmzeichen ist die Temperaturerhöhung in den oberen Schichten der Dauerfrostböden in Sibirien, Alaska und im Norden Kanadas um durchschnittlich drei Grad seit 1980.

Auch die Schäden durch extreme Wetterereignisse werden größer. Neun der zehn teuersten Naturkatastrophen 2006 gehen laut einer Liste der Münchner Rückversicherungsgesellschaft auf tropische Stürme, Überschwemmungen und Kältewellen zurück. Allein der Taifun „Shanshan“ richtete im September in Japan Schäden von umgerechnet rund 1,9 Milliarden Euro an. Seit den Achtzigerjahren stellen die Versicherungen weltweit deutlich mehr unwetterbedingte Schadensereignisse fest.

Ans Schwitzen muss man sich gewöhnen

„Am deutlichsten erkennbar ist der Trend zu extremen Wärmeperioden“, sagt Christian Schönwiese, inzwischen emeritierter Leiter des Instituts für Atmosphäre und Umwelt an der Universität Frankfurt am Main. Sie sind in den letzten Jahrzehnten nicht nur häufiger geworden, sondern auch intensiver. Der Sommer 2003 war in Mitteleuropa der wärmste seit 1761. Die zehn höchsten Durchschnittstemperaturen der letzten 70 Jahre wurden zwischen 1990 und 2005 registriert. In Deutschland ist die Erwärmung noch stärker ausgeprägt als im globalen Mittel: Während zwischen 1901 und 2000 weltweit eine mittlere Temperaturerhöhung um 0,74 Grad Celsius festgestellt wurde, stieg die Temperatur in Deutschland um rund ein Grad – wobei alle Jahreszeiten betroffen sind.

Gravierendere Auswirkungen als der Anstieg der Durchschnittswerte haben jedoch die besonders niedrigen oder hohen Spitzentemperaturen. Zwar hat es stets sehr warme oder kühle Sommer und Winter gegeben, doch auch da zeigt sich eine Verschiebung hin zu mehr Wärme. Für den Raum Frankfurt etwa gelten bei den Meteorologen Mitteltemperaturen im August von unter 17 Grad Celsius als extrem kalt und von über 22 Grad als extrem warm. Schönwiese konnte zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit besonders heißer Augusttage von 1901 bis 2006 deutlich zugenommen hat. Andererseits sank gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit für extrem kalte Augusttage fast auf Null. Viel zu kalte Augusttemperaturen wie im Jahr 2006 werden immer seltener sein, schließt Schönwiese aus der Analyse, aber natürlich nicht gänzlich ausbleiben.

Schweizer Klimatologen von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich kommen in einer Berechnung zu dem Schluss, dass die Sommer künftig nicht nur immer heißer, sondern auch immer unberechenbarer werden. „Statistisch gesehen liegt der Rekordsommer 2003 nur in der Mitte der zu erwartenden Bandbreite von Temperaturen und Niederschlägen“, sagt Christoph Schär vom Institut für Atmosphäre und Klimawissenschaft der ETH Zürich. „In Zukunft müssen wir mit noch weitaus heißeren Sommern rechnen.“

Und: Die „Variabilität“ der Sommertemperaturen in Mittel- und Osteuropa wird sich etwa verdoppeln. Das heißt: Auf extrem heiße Sommer werden immer wieder auch solche folgen, in denen die Temperaturen vergleichsweise tief im Keller bleiben. Diese Tendenz wurde inzwischen auch in etlichen anderen Klimamodellen festgestellt, berichtet Schär. Probleme wird das der Landwirtschaft bereiten: „An ein wärmeres, aber konstantes Klima kann man sich im Prinzip anpassen, indem man zum Beispiel andere Kulturpflanzen anbaut – wenn sich aber das Klima von Jahr zu Jahr sprunghaft ändert, ist eine Anpassung an die neuen Verhältnisse viel schwieriger zu bewerkstelligen.“

Sturzregen wird ganz normal

Hinweise auf eine Zunahme der Extreme gibt es auch bei den Niederschlägen. Der IPCC-Bericht konstatiert, dass heftige Niederschläge in vielen Regionen der Erde häufiger geworden sind. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist ein Trend hin zu mehr Starkniederschlägen erkennbar. Die Winterhochwässer im Dezember 1993 und Januar 1995 am Rhein, die Häufung von sommerlichen Überschwemmungen 1997 an der Oder und an der Elbe 2002 sowie die Rekordniederschläge 2005 im Alpenraum bestätigen das. Analysen des Deutschen Wetterdienstes belegen den Trend mit Zahlen: Demnach haben die winterlichen Niederschläge in Deutschland zwischen 1971 und 2000 nicht nur in der Summe um durchschnittlich 34 Prozent zugenommen – sie fielen in den letzten Jahrzehnten auch immer häufiger in Form von Sturzregen. Das Gleiche gilt für die Alpen: Dort treten intensive Niederschläge inzwischen um 20 bis 80 Prozent häufiger auf als zu Beginn des 20. Jahrhunderts, fanden Klimaforscher der ETH Zürich heraus.

„Da wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, die dann beim Abregnen auch wieder mehr Wasser abgibt, ist damit zu rechnen, dass sich der Trend zu Starkniederschlägen bei einer fortschreitenden Erderwärmung weiter verstärken wird“, folgert Christian Schönwiese.

Den bisherigen Spitzenwert an Starkniederschlag registrierten die Meteorologen im Sommer 2002: Am 12. August fielen in Zinnwald-Georgenfeld im Erzgebirge innerhalb von 24 Stunden 312 Millimeter Regen. Die Folge war in den Tagen danach die verheerende Flut an der Elbe und ihren Nebenflüssen. Analysen über längere Zeit bestätigen, dass sich in den Sommermonaten die Regenwahrscheinlichkeit stark verändert: Im Allgemeinen nehmen die Regenmengen zwar ab, aber für den Monat August errechnete Schönwiese einen markanten Anstieg von Starkniederschlägen. Besonders betroffen sind Bayern, das Rhein-Main-Gebiet und Schleswig-Holstein.

Hurrikane legen einen Zahn zu

Während sich bei Temperatur- und Niederschlagswerten bereits klare Indizien für den Klimawandel zeigen, sind bei den Stürmen bislang keine eindeutigen Anzeichen zu erkennen. „Von 1960 bis 1990 gab es einen Anstieg der Sturmaktivität, jetzt haben wir wieder eine Zeit schwächerer Stürme“, sagt Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung des GKSS Forschungszentrums in Geesthacht. Erst zum Ende des Jahrhunderts rechnen die Forscher mit einer Zunahme der mittleren Stärke von Winterstürmen über Mittel- und Nordeuropa um etwa zehn Prozent als Folge des Klimawandels. Im Mittelmeerraum werden Stürme dagegen künftig wohl eher schwächer ausfallen. Ihre Zahl wird sich vermutlich in ganz Europa nicht verändern.

Auch großräumige Stürme im Nordatlantik, die ab einer Windgeschwindigkeit von 118 Kilometer pro Stunde (Windstärke 12) Hurrikane genannt werden, sind bisher nicht häufiger geworden. Ein Extremjahr gab es jedoch: 2005. Insgesamt 27 Wirbelstürme, von denen sich 15 zu Hurrikanen entwickelten – mehr als je zuvor – suchten die Karibik und die angrenzenden Küstengebiete heim. Was sich geändert hat, ist die Intensität der Wirbelstürme: Die Zahl besonders starker tropischer Wirbelstürme hat sich zwischen 1970 und 2004 von etwa 9 auf 15 deutlich erhöht, während die Zahl der schwächeren zurückging. Ob daran der Treibhauseffekt schuld ist, können die Forscher bisher nicht sagen.

Da Hurrikane erst ab einer Oberflächentemperatur von 27 Grad Celsius entstehen können, wird der Anstieg der Temperatur vermutlich dazu führen, dass sie künftig häufiger in Regionen wüten werden, die früher verschont blieben. Einen Vorgeschmack darauf gab der Hurrikan „Delta“, der 2005 die Kanarischen Inseln streifte und große Schäden anrichtete. Auch über dem Mittelmeer tauchten in den letzten Jahren gelegentlich hurrikanartige Sturmgebilde auf.

Bei kleinräumigen Wirbelwinden wie Tornados scheint der Klimawandel dagegen bislang keine Rolle zu spielen. Zwar nimmt seit einigen Jahren in Deutschland und anderen Gebieten Europas die Zahl der Tornadomeldungen deutlich zu. Doch dabei handelt es sich meist um relativ schwache Wirbel, wie Nikolai Dotzek, Tornado-Experte vom Institut für Physik der Atmosphäre am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen, herausgefunden hat. Die Zahl der heftigeren Wirbelstürme ist annähernd gleich geblieben.

Rotwein statt Schnee

Durch den fortschreitenden Klimawandel ist auf jeden Fall mit Veränderungen zu rechnen, die sich auf viele Lebensbereiche auswirken. „Infolge der Erderwärmung werden sich die Passatwindzonen näher zu den Polen verlagern“, sagt Klimaforscher Schönwiese voraus. „Dadurch verschieben sich auch die übrigen Klimazonen auf der Nordhalbkugel weiter nach Norden.“ Für das Mittelmeergebiet würde das künftig noch häufigere und länger andauernde Hitzewellen und Dürreperioden als heute bedeuten. Zeiten mit großer Hitze und die daraus resultierende Wasserknappheit, die schon in den letzten Jahren Spanien, Portugal und Italien zu schaffen machte, werden zunehmen. „Die Zahl der Tage über 40 Grad Celsius wird sich in Südeuropa etwa verdoppeln“, resümiert der Wetterexperte Frank Böttcher vom Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation und Veranstalter des ExtremWetterKongresses am 22. und 23. März an der Universität Hamburg. „Viele Urlaubsregionen rund um das Mittelmeer werden vor dem Klima kapitulieren.“

Auch in Mitteleuropa werden die Sommer deutlich heißer. Eine Analyse der Folgen des Hitzesommers 2003 durch die Umweltschutzorganisation WWF und das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) warnt, dass ohne Anpassung an die erwartete Zunahme von Hitzetagen – wenn zum Beispiel nicht mehr Klimaanlagen in Altenheimen und Krankenhäusern eingerichtet werden – die Zahl der Hitzetoten steigen könnte: in Deutschland bis 2100 um 5000 bis 15 000 pro Jahr. Außerdem werde die Produktivität der Wirtschaft wegen der geringeren Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer an extremen Hitzetagen um bis zu 12 Prozent sinken – was einen volkswirtschaftlichen Verlust von jährlich bis zu 10 Milliarden Euro bedeuten würde.

Doch manche Menschen könnten auch vom Klimawandel profitieren. Wenn es im Winter nicht mehr so kalt ist, hält man sich mehr an der frischen Luft auf – und das schützt vor Winterdepression. Viele Ärzte warnen jedoch davor, dass sich beim Ausbleiben von Frost wärmeliebende Krankheitsüberträger wie Zecken und Stechmücken stark vermehren und weiter ausbreiten könnten als bisher.

Vorteile von einem wärmeren Klima hätte auch die Landwirtschaft, denn für frostempfindliche Nutzpflanzen erschließen sich neue Anbaugebiete. Die europäischen Weinbaugebiete verschieben sich bereits nach Norden. Sogar auf der schwedischen Insel Gotland können Winzer inzwischen Weintrauben ernten. Und wo man früher nur Weißwein anbauen konnte, gedeiht heute auch der kälteempfindlichere Rotwein.

Auch die Baubranche könnte sich über mildere Winter freuen. Wo zwischen November und Dezember bisher die Betonmischmaschinen und Bagger kalt gestellt werden, könnte dann weiter gearbeitet werden. Ökonomen vermuten, dass der Bauboom des vergangenen warmen Winters Deutschland ein Wirtschaftswachstum von rund 0,3 Prozent bescherte.

Für Skifahrer dürfte der Nicht-Winter 2006/2007 dagegen ein Warnschuss gewesen sein, sich eine andere Sportart zu suchen. Nach Prognosen des aktuellen IPCC-Berichts wird die winterliche Schneemenge in Europa in den nächsten 100 Jahren um 80 bis 90 Prozent abnehmen. Schneesicherheit wird es laut einer Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bald nur noch in Lagen über 1500 Meter Höhe geben. Fast alle Skigebiete in Deutschland und rund 70 Prozent der Skiregionen in Österreich müssen demnach um ausreichend Schnee für Wintersportler bangen. ■

Helmut Broeg ist Biologe und lebt als freier Journalist in Hamburg. Seine Schwerpunkte sind Technik, Meeresforschung und Klimawandel.

Helmut Broeg

„Klimakatastrophe –eine deutsche Spezialität“

bild der wissenschaft: Seit die Diskussion über den Klimawandel in Deutschland öffentliche Wellen schlägt, gibt es zwei Pole: Auf der einen Seite Forscher, die vor einer Katastrophe warnen, auf der anderen Seite Wissenschaftler wie Sie, Herr Professor von Storch, als eher milde Stimmen. Wo liegen die Gründe für diesen Unterschied?

von STORCH: Forscher wie Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel sowie Hans Joachim Schellnhuber und Stefan Rahmstorf vom Postdam-Institut für Klimafolgenforschung scheinen der Logik zu folgen: Wir müssen die Leute wachrütteln, damit der Klimawandel vermieden werden kann. Wir können die Wirtschaft umstellen und die CO2-Emissionen um 70 Prozent senken, ohne dass die Wirtschaft Schaden nimmt. Man spricht auch deshalb von einer Klimakatastrophe, weil Politiker für eine Katastrophe eher eine Vermeidungsstrategie entwerfen als für einen Klimawandel. Klar ist für mich auch: Wenn wir so weitermachen wie bisher, besteht die Gefahr, dass wir bis zum Ende des Jahrhunderts eine vierfache Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre haben. Das würde mit bedeutenden Klimaänderungen einhergehen. Selbst wenn wir die Emission von Treibhausgasen nur verdoppeln, hätte das immer noch merkliche Klimaänderungen zur Folge. Das heißt: Außer nach der Verminderung müssen wir auch danach fragen, wie wir uns an die Veränderungen anpassen können.

bdw: Anpassung an den Wandel spielt in der öffentlichen Diskussion bisher kaum eine Rolle.

von STORCH: In der Tat war diese Frage bis vor Kurzem fast tabu. Denn sie gehört zum Management des Bösen. Es würde ja die Hinnahme des Nichthinnehmbaren bedeuten. Das wäre ein Schaden für die Front der Warner – ein Dolchstoß. Wie Mojib Latif komme ich aus dem Max-Planck-Institut für Meteorologie. Wir waren Zimmernachbarn. Anfang der Neunzigerjahre begann man dort über den Klimawandel zu reden, und ich fragte mich und andere, was dieser Wandel bedeuten könnte. Dabei wurde immer auf das Problem von Bangladesh verwiesen, das vom steigenden Meeresspiegel besonders bedroht ist. Später habe ich mit Leuten aus Bangladesh gesprochen und erfahren, dass sich dort kaum jemand für den Klimawandel interessiert. Die dortige Bevölkerung hat gegenwärtig andere große Probleme. Das, was in 50 Jahren sein könnte, liegt den Menschen fern. Wir geben Geld dafür aus, dass weniger CO2 emittiert wird. Wir investieren aber kaum in einen sinnvollen Schutz vor akutem Hochwasser. Es ist absurd: Wir sorgen uns um Menschen, die in 50 Jahren ertrinken könnten, nicht aber um die, die heute in den Fluten umkommen.

bdw: Sie stellen dem Protokoll von Kyoto kein gutes Zeugnis aus?

von STORCH: Der Öffentlichkeit wird ständig erzählt, Kyoto würde die Welt retten. Aber das Protokoll ändert nichts an dem Problem. Den Klimawandel kann auch die Einhaltung des Kyoto-Protokolls nicht stoppen. Doch es kann dabei helfen, die Einsicht in das Klimaproblem zu vertiefen. Dass die katastrophistische Linie der totalen Vermeidung des Klimawandels nicht zu halten ist, dass es auch um Anpassung geht, beginnt man nun auch in der Wissenschaft zu sehen. Das Katastrophengerede hat allerdings Vorteile: Ob es nun Kälte- oder Hitzewellen sind, Regengüsse oder Schneemassen – alles stützt die Hypothese vom Klima der Extreme. Eine Theorie, die nicht falsifiziert werden kann, ist für einen Wissenschaftler zwar sterbenslangweilig. Aber für die Überzeugungsarbeit ist sie grandios.

bdw: Nutzt sich das nicht ab?

von STORCH: Doch. Man muss deshalb immer neue Katastrophen finden und das Bedrohungspotenzial ständig erhöhen. Diese Art, über den Klimawandel zu reden, ist nicht nachhaltig. Denn wir verbrauchen die Ressource Aufmerksamkeit und stumpfen die Öffentlichkeit ab.

bdw: Da haben wir in Deutschland das Beispiel Waldsterben vor Augen.

von STORCH: Die Beschwörung des Waldsterbens war für die Reputation der Wissenschaft eine Katastrophe. Auch Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Forscher sind eben doch nicht so objektiv, wie viele von uns behaupten. Zweifellos messen wir die Geschwindigkeit richtig, mit der ein Apfel vom Baum fällt. Aber die Auswahl der Themen, die Art der Fragen, die wir stellen – das wird sozial mitbestimmt. In der meteorologischen Forschung geht es heute fast nur noch um Klimawandel. Für andere atmosphärische und ozeanographische Fragen erhält man kaum noch Forschungsmittel. Modewellen dominieren die Forschung mehr denn je, und damit beschädigen wir die gesellschaftliche Institution Wissenschaft.

bdw: Ist Panikmache typisch für Deutschland?

von STORCH: Die „Klimakatastrophe“ ist eine deutsche Spezialität. In den USA heißt es „global warming“. Extreme Kälteperioden oder Hitzewellen werden dort nicht automatisch mit der globalen Erwärmung in Verbindung gebracht. In den USA widerspricht eine Kältewelle dem Konzept der globalen Erwärmung. In Deutschland stützt sie das Konzept der Klimakatastrophe.

bdw: Der auf uns zukommende Klimawandel gilt als schlimm. Hat diese Entwicklung auch eine Kehrseite?

von STORCH: Unsere Systeme befinden sich in einem gewissen Gleichgewicht mit den klimatischen Bedingungen. Ein Beispiel dafür sind Bauvorschriften – etwa, dass man in hochwassergefährdeten Gebieten nicht bauen sollte. Ändert sich das Klima langsam, erfolgt auch die Anpassung an die geänderten Bedingungen langsam und letztlich unmerklich. Der gegenwärtige Klimawandel verläuft allerdings deutlich rascher als früher. Dennoch dürfte er der menschlichen Gesellschaft keine allzu großen Probleme bereiten. Wenn Sie daran denken, dass heute in Rom nicht mehr Menschen bei Hitzewellen umkommen als in Hamburg, dürften wir auch das Problem vieler Hitzetage hintereinander in den Griff bekommen. Ein anderes strapaziertes Beispiel ist die Malaria. Noch vor 200 Jahren war sie in Europa weit verbreitet. Dass es sie heute hier nicht mehr gibt, hat keine klimatischen Ursachen, sondern hygienische. Deshalb wird sie auch nicht wiederkommen, wenn es wärmer wird. Bestimmte Ökosysteme mögen stärker betroffen sein. Sie passen sich an. Nur sind sie dann nicht mehr dieselben wie vorher. Doch wir wollen die bisherigen behalten.

bdw: Viele wollen die Natur eben so erhalten, wie sie sie kennen.

von STORCH: Das vorhandene System ist immer das gute. Schlechte Systeme sind die, die nicht im Gleichgewicht sind. Im Gleichgewicht sind Dinge, an die man sich gewöhnt hat. Die Lüneburger Heide zum Beispiel: Obwohl sie der Mensch geschaffen hat, gilt sie als schöne Natur. Auch Nordseeküste und Wattenmeer betrachtet man wohlgefällig. Doch auch sie sind Kulturlandschaften, an die sich Ökosysteme angepasst haben. Ein deutscher Romantiker bewertet dagegen die Küste als einen Ort, der vom Menschen bedroht ist. Für ihn ist Küste ungestörte Natur, Ort der Reinheit, ein Ökosystem, das der Mensch durcheinander bringt. In Holland gibt es eine ganz andere Sicht. Dort ist die Küste ein gemanagter Ort, der gefährlich ist und auf den man aufpassen muss.

bdw: Klimaszenarien reichen bis zu 100 Jahre weit. Wie verlässlich sind sie über einen solchen Zeitraum?

von STORCH: Szenarien sind „bedingte“ Prognosen. Mit unseren Klimamodellen können wir keine Prognosen im klassischen Sinne erstellen. Unsere Szenarien beschreiben die Folgen von angenommenen zukünftigen Emissionen. Diese Emissionen nehmen selbst die Form von Szenarien an, also alternative, mögliche, in sich konsistente und plausible Zukünfte. Sie sind keine Vorhersagen. Wenn die Anfangsannahme über die Emissionen stimmt, dann stimmt auch die daraus abgeleitete Klimaänderung, glaube ich. Am Anfang steht also die Frage, wie sich die Emissionen entwickeln. Um darauf zu antworten, muss man die Entwicklung von Technologie und Bevölkerung vorhersagen und in Maßen auch die Entwicklung von Wahrnehmung und Politik. Nun gibt es Leute, die meinen, solche Szenarien entwerfen zu können. Wir Klimaforscher übernehmen diese als Black Box, die wir nicht hinterfragen. Wir verarbeiten diese Szenarien zunächst einmal nur. Wenn die verschiedenen Szenarien alle in die gleiche Richtung weisen, dann haben wir es tatsächlich mit einer Vorhersage zu tun – in diesem Fall: Es wird wärmer, der Wasserstand wird steigen. Um wie viel, das hängt von den Emissionen ab, aber die Tatsache von Erwärmung und Wasserstandsanstieg ist dann „gekauft“.

bdw: Was bedeutet dies für die doch sehr unterschiedlichen Angaben von Forschern über eine künftige Erhöhung des Meeresspiegels?

von STORCH: Dahinter stehen häufig verschiedene Zeithorizonte, die gerne verschwiegen werden. Sieben Meter – wie es jüngst in einer englischen Untersuchung hieß – könnte vielleicht im Jahr 2800 der Fall sein. Darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. Solche Äußerungen sind meiner Meinung nach eine bewusste Irreführung. Die Schätzungen des 3. Sachstandsberichts des IPCC für 2100 lagen zwischen 10 und 88 Zentimetern. Inzwischen hat der 4. Sachstandsbericht diese Zahl nach unten verändert. In der Vergangenheit war es aber so, dass man meist von den oberen 88 Zentimetern, aber nie von den unteren 10 Zentimetern redete. Doch wir sind sicher, dass der Wasserstand steigt; ebenso stehen mit sehr großer Sicherheit hinter der Erwärmung anthropogene Faktoren. Es ist definitiv wärmer, und der Meeresspiegelanstieg ist größer, als aufgrund natürlicher Faktoren zu erwarten wäre.

bdw: Wie groß schätzt man den menschlichen Anteil?

von STORCH: Zwei Drittel Mensch, ein Drittel Sonne, so schätzt der letzte Sachstandsbericht des IPCC. Es gibt Kollegen, die damit nicht übereinstimmen, und natürlich hat diese Schätzung Schwachpunkte. Man muss zum Beispiel wissen: Wie groß ist die natürliche Schwankungsbreite? Wir können uns nur auf instrumentelle Beobachtungen der letzten 150 Jahre stützen. Vieles spricht dafür, dass die Temperatur schneller steigt, als unter normalen Bedingungen zu erwarten wäre. Da können wir sicher sein – aber nur da. Der recht bemerkenswerte Trend, den wir in letzter Zeit sehen, muss nicht notwendigerweise vom Menschen verursacht sein. Dass die Sturmtätigkeit von den Siebzigern in die Neunzigerjahre zugenommen hat, ist ein solcher Trend. Aber anthropogen ist er nicht. Im Vergleich zu den Schwankungen in den letzten 100 bis 200 Jahren ist dieser Trend nicht auffällig. Seit Napoleons Zeit ist die Sturmtätigkeit in Nordeuropa wenig verändert, obwohl die Temperatur deutlich gestiegen ist.

bdw: Brauchen wir eine andere öffentliche Diskussion?

von STORCH: Wir müssen weg von der ausschließlichen Konzentration auf eine Verminderungsstrategie. Verantwortliche in Politik und Gesellschaft schieben heute gefährliche Klimaereignisse sehr schnell auf den anthropogenen Klimawandel – nach dem Motto: Hätten wir Menschen das Klima nicht verändert, dann wäre die Elbeflut nicht aufgetreten. Das ist eine dumme Aussage. Denn das hieße: Man muss nur den Kohlendioxidausstoß vermindern – und schon kann man weiter in Überflutungsgebieten bauen.

bdw: Effizientere Kohlekraftwerke würden CO2 vermeiden. Dennoch ist ihr Bau umstritten.

von STORCH: Diese Erfahrung machte die RWE, die bei Köln ein neues, sehr effizientes Kohlekraftwerk baut und den Protest von Greenpeace auf sich zog. Ich habe den Eindruck, dass bestimmte Kreise nur den Minderverbrauch beim Konsumenten anerkennen. Deren Ziel ist: Wir müssen uns alle ändern und bessere Menschen werden. Doch selbst wenn wir uns hier so vorbildlich verhielten: Wissen wir, ob der Rest des Planeten mitzieht?

bdw: Was schlagen Sie als Anpassungsstrategie vor?

von STORCH: Wir sollten zunächst aufarbeiten, wo die Verletzlichkeiten liegen, und zwar die jetzigen. Anschließend müsste man daran gehen, diese Verletzlichkeiten weltweit zu verringern. Im Fall von New Orleans hätte das bedeutet, den Damm am Lake Pontchartrain zu verstärken. Auf solche Verbesserungen sollten wir ein starkes Gewicht legen. Natürlich müssen wir gleichzeitig die Emissionen in dem Maße verringern, wie wir es uns unter Beachtung sozialer Nebenbedingungen leisten können. Wir sollten aber unser Kapital und unsere gesamte Aufmerksamkeit nicht nur dieser Frage widmen. Es gibt andere Probleme auf der Welt – etwa, dass täglich immer noch etliche Tausend Menschen verhungern oder dass Millionen von Menschen Opfer von HIV sind.

Das Gespräch führte Heinz Horeis ■

Ohne Titel

„Fatalismus wäre die falsche Reaktion“

bild der wissenschaft: Wie bewerten Sie den Medienhype, der durch den UN-Klimabericht Anfang Februar ausgelöst wurde, Herr Dr. Edenhofer? Danach erwärmt sich die Erde bis Ende des 21. Jahrhunderts im Bereich von 1,8 bis 4,0 Grad Celsius, und der Meeresspiegel steigt um 18 bis 59 Zentimeter.

Edenhofer: In der Öffentlichkeit gibt es eine bemerkenswerte Entwicklung von Verleugnung über Apokalypse bis hin zu Fatalismus. Die Medien stürzen sich auf die Apokalypse. Das war auch so, als im Oktober vergangenen Jah-res der Stern-Report – benannt nach Nicholas Stern, dem früheren Chefökonomen der Weltbank – veröffentlicht wurde. Danach liegen die ökonomischen Schäden eines gefährlichen Klimawandels in einer ähnlichen Höhe wie die Kosten der Rezession in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Medien haben sich hauptsächlich auf den apokalyptischen Teil des Berichts gestützt. Dabei bestand dieser Report zu fünf Sechsteln aus der Diskussion von Lösungsvorschlägen. Meine Befürchtung ist, dass das Ganze in Fatalismus endet, weil man glaubt, das Problem sei so groß, dass man ihm überhaupt nicht mehr beikommen kann.

bdw: Die mediale Aufregung ist um so erstaunlicher, als sich die jetzt bekannt gemachten Entwicklungen kaum von dem unterscheiden, was 2001 oder sogar schon zu Beginn der Neunzigerjahre offenkundig wurde.

Edenhofer: Das grundlegende Bild hat sich nicht verändert. Doch mit dem UN-Report wurde eindrucksvoll untermauert, dass der Mensch Verursacher des Klimawandels ist. Durch die jüngsten Extremwetter-Ereignisse schenkt die Öffentlichkeit dem Klimawandel mehr Aufmerksamkeit. Der Hurrikan Katrina, die dahinschmelzenden Gletscher, das Abbröckeln der Eiger-Nordwand und der verheerende Tsunami am zweiten Weihnachtstag 2004 – alle diese Ereignisse führen den Menschen ihre Abhängigkeit von der Natur vor Augen.

bdw: Wie reagieren Sie auf den Begriff „Klimakatastrophe“ ?

Edenhofer: Der Hurrikan Katrina war zweifellos eine Katastrophe, die wahrscheinlich etwas mit dem Klimawandel zu tun hat. Dennoch: Der Begriff Klimakatastrophe gefällt mir nicht, weil dadurch ein falsches Bild vermittelt wird, nämlich: dass es einen Punkt gibt, ab dem die totale Katastrophe über uns hereinbricht. Wir sind ja schon mitten im Klimawandel: Die Gletscher verschwinden, die Korallenriffe sterben ab, nach und nach versauern die Ozeane. Aber wir sollten darüber reden, wie wir einen gefährlichen Klimawandel vermeiden können. Statt immer wieder die Katastrophe zu bemühen, wäre es besser, man würde die Chancen aufzeigen, wie man einen gefährlichen Klimawandel vermeiden kann.

bdw: Zwischen Betroffenheit und Handeln klafft eine Lücke. Obwohl das Kohlendioxidproblem klar ist, wollen viele ein Auto mit mehr PS, vielleicht einen spritfressenden Geländewagen, den bei uns kaum jemand braucht.

Edenhofer: Aufklärung, Bewusstseinsbildung – das ist das Eine. Aber man muss den Leuten auch zielführende Wege zeigen. Viele meinen ja, es nützt nichts, im Kleinen etwas zu verändern. Unter den jetzigen Gegebenheiten ist das auch der Fall. Seit drei Jahrzehnten verbessern wir unsere Energieeffizienz. Tatsächlich sinkt die Kohlenstoffintensität des Energieverbrauchs kontinuierlich. Dennoch nahm die globale Kohlendioxid-Produktion von 1990 bis 2005 von 25 auf 29 Milliarden Tonnen zu. Warum? Weil das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum die Effizienzgewinne überkompensieren: Zwar verbrauchen Autos heute weniger Kraftstoff als früher, dafür haben viele Haushalte zwei, drei oder vier Autos.

bdw: Was ist zu tun?

Edenhofer: Jeder kann heute die Atmosphäre für den Kohlendioxid-Abfall kostenlos nutzen. Kein Wunder, dass wir sie übernutzen. Mit CO2 braucht kein Mensch haushälterisch umzugehen. Solange es für Kohlendioxid keinen Preis gibt, darf niemand erwarten, dass es zu großen Verhaltensänderungen kommt.

bdw: Angeschoben durch das Kyoto-Protokoll haben wir in der EU den Zertifikate-Handel von CO2-Emissionsrechten. Damit gibt es ja einen Preis für CO2.

Edenhofer: Das ist ein Startpunkt, wenn auch ein unvollkommener. Die zwei Fehler des europäischen Emissionshandels sind: Die bisherigen Minderungsziele sind zu lax. Gravierender aber ist der zweite Fehler: Man hat die Emissions-Zertifikate verschenkt. Das führt dazu, dass sich CO2-arme fossile Kraftwerke oder auch regenerative Energien gegenüber konventionellen CO2-produzierenden Kraftwerken nicht behaupten können. Hätte man dagegen die Zertifikate versteigert, müsste sich heute schon jeder Investor überlegen, ob er mit den alten Kohlekraftwerken aus dem Markt ausscheidet und ob er in die Kohlenstoffabscheidung investiert.

bdw: Was zahlt man denn für ein Zertifikat einer Tonne CO2 derzeit?

Edenhofer: Zwei Euro auf dem Spotmarkt und 15 Euro auf dem Zukunftsmarkt. CO2-freie Kraftweke werden sich dann rechnen, wenn der Preis auf 30 Euro steigt.

bdw: 40 Prozent der menschgemachten CO2-Emissionen produzieren die USA und China – beides Länder, die das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet haben. Was nützen Anstrengungen in Europa, wenn diese beiden Giganten nicht am selben Strang ziehen?

Edenhofer: In den USA bröckelt die Front der Ablehnung. Die Neuengland-Staaten sowie Kalifornien überlegen, ob sie am europäischen Emissionshandel teilnehmen. China und Indien haben ein großes Wachstumspotenzial. Doch wir müssen zugeben, dass wir Europäer die Atmosphäre schon seit der Industrialisierung nutzen – wir haben inzwischen eine beträchtliche Kohlenstoffschuld aufgebaut. China und Indien wollen sich wirtschaftlich entwickeln – ihre Kohlenstoffschuld ist noch relativ gering. Beide Länder besitzen große Kohlevorkommen, die sie auch nutzen werden. Dennoch werden beide Länder vom Klimawandel betroffen sein. Dieses Bewusstsein wächst, und daher werden beide Länder zur Verminderung der Emissionen ihren Beitrag leisten. Dennoch: Beide Länder betrachten das Kyoto-Protokoll als imperiale Zumutung des reichen Nordens. Europa muss deshalb zeigen, dass wirtschaftliches Wachstum auch dann möglich ist, wenn man die Emissionen senkt.

bdw: Europa hat es also in der Hand, weltweit den Energieverbrauch zu senken?

Edenhofer: Das ist ein großes Missverständnis. Im 21. Jahrhundert wird es nicht gelingen, das Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch zu entkoppeln. In unserem Jahrhundert wird sich der globale Primär-Energieverbrauch gegenüber dem heutigen vervier- oder sogar verfünffachen. Was wir allerdings schaffen können, ist, trotz steigenden Energieverbrauchs die Emissionen zu reduzieren.

bdw: Ihr Ansatz zielt darauf hin, die globale Erwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken. Wieso gerade 2 Grad?

EdenhofeR: Eine solche Beschränkung würde bedeuteten, dass wir einen gefährlichen Klimawandel vermeiden können. Wir könnten dann verhindern, dass der Regenwald austrocknet oder sich der Monsun verändert. Auch die Zunahme von Dürren und Überschwemmungen könnte einigermaßen in den bisherigen Proportionen gehalten werden. Die Störung der biologischen Pumpe des Ozeans könnte ebenfalls verhindert werden. Der Ozean bindet ja immerhin ein Drittel der von Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen.

bdw: Steigender Energiebedarf bei abnehmender CO2-Produktion kann durch vier Pfade erreicht werden: Zunehmende Ressourcenproduktivität, erneuerbare Energiequellen, Kernenergie und kohlendioxidarme oder -freie fossilbefeuerte Kraftwerke.

Edenhofer: Für jede Klimapolitik unverzichtbar ist die Effizienzsteigerung. Kurzfristig ist das der wichtigste Beitrag. Allerdings wird man das 2-Grad-Ziel oder die Begrenzung des Kohlendioxid-Anteils von 0,045 Prozent an der Luft nicht erreichen – derzeit sind es 0,038 Prozent.

bdw: Damit widersprechen Sie anderen Wissenschaftlern – etwa Forschern am Wuppertal Institut.

EdenhofeR: Ihnen widerspreche ich in der Tat. Der Energieverbrauch in Europa kann sicher stabilisiert werden, aber der Energieverbrauch vor allem in China und Indien wird erheblich zunehmen. Dem muss jede Klimapolitik Rechnung tragen.

bdw: Der zweite Block sind die erneuerbaren Energieträger.

Edenhofer: Da herrscht gar kein Streit. In allen großen Studien, die ich verglichen oder selbst gemacht habe, besteht ein Konsens, dass nach 2030 die Erneuerbaren ihr Nischendasein verlassen haben. Wind, Biomasse, Geothermie und Solar werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Selbst Nuklearenergie freundliche Szenarien geben den erneuerbaren Energien dann einen hohen Anteil. 2050 rechne ich mit 30 Prozent Anteil an der globalen Stromversorgung.

bdw: Und wie sehen Sie die CO2-Entfernung bei Kohle-, Gas- und Öl-Kraftwerken?

Edenhofer: Das größte Problem ist, ob die Einlagerung im Untergrund funktioniert. Unklar ist auch, zu welchen Kosten die Abscheidung von CO2 und der Transport möglich ist. Deshalb brauchen wir europaweit mindestens zwölf Pilotprojekte, die das mit ganz verschiedenen Verfahren untersuchen. Für die Einlagerung von CO2 lautet mein Vorschlag: Wer CO2 einlagert, muss Geld hinterlegen. Wenn das CO2 auch nach längerer Zeit in der Kaverne bleibt, wird die Summe ausbezahlt. Wenn aber ein Leck auftritt, wird der hinterlegte Betrag abgewertet. Die Firmen hätten also einen hohen Anreiz, nur sichere Lagerstätten auszuwählen.

bdw: Damit wären wir bei der Endlagerung. Just daran scheitert die Kernenergie weltweit.

Edenhofer: Darum kann man der Industrie nur raten, für das Einlagern von CO2 glaubwürdige Vorschläge zu unterbreiten. Auch die Kohlenstoff-Deponierung ist keine risikolose Option. Wir sollten alles daran setzen, um das Risiko in einem vernünftigen Rahmen zu halten. Das wird auch nötig sein, wenn wir bis zum Ende des Jahrhunderts eine bis zwei Billionen Tonnen Kohlendioxid unter Tage ablagern sollen, um den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf 2 Grad Celsius zu begrenzen.

bdw: Kernenergie erwähnen Sie nicht?

Edenhofer: Gegenwärtig stellt die Kernenergie mit ihren 435 Kraftwerken 17 Prozent des Stroms bereit, der weltweit gebraucht wird. Bis 2030 wird sich der globale Stromverbrauch mindestens verdoppeln. Wenn der Anteil der Kernenergie konstant gehalten werden soll, brauchen wir also mehr als 400 neue Kernkraftwerke. Ernsthaft geplant sind derzeit weltweit 28!

bdw: Was kostet uns die Emissionsvermeidung?

Edenhofer: Unser Team hat 2006 eine große Studie zu den Kosten der Emissionsvermeidung abgeschlossen. Dabei kamen wir zum Ergebnis, dass wir jährlich ein Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes aufbringen müssten, um die berühmten 2 Grad nicht zu überschreiten. Voraussetzung ist dabei, dass alle Staaten mitmachen, die in nennenswerten Mengen CO2 emittieren – also auch die USA, China, Indien, Australien.

bdw: Hans von Storch geht davon aus, dass es mehr Sinn hätte, sich an den Klimawandel anzupassen.

Edenhofer: Natürlich werden wir uns an den unvermeidbaren Restklimawandel anpassen müssen, den es auch bei 2 Grad geben wird. Aber die Entwicklungsländer werden sich bei 5 Grad zu moralisch und ökonomisch akzeptablen Kosten kaum noch anpassen können, weil das die Märkte überfordert. Man denke nur an große Migrationsströme, die die Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften schnell überstrapazieren. Das Problem zeigt sich auch am Versagen der Versicherungsmärkte, mit Extremereignissen fertig zu werden. Wir können belegen, dass die Emissionsvermeidung zu handhabbaren Kosten möglich ist. Wir müssen nicht zwischen Skylla und Charybdis wählen – Gott sein Dank.

bdw: Haben Sie als Ökonom die Hoffnung, in der Politik mehr Gehör zu finden als Naturwissenschaftler?

Edenhofer: Ich habe den Eindruck, Gehör zu finden. Natürlich ist es eine enorme Herausforderung, einen globalen Emissionshandel zu installieren. Und natürlich gibt es Menschen, die lächeln, wenn ich fordere, dass ein solcher in den nächsten 20 Jahren entstehen muss. Doch auch wer vor 20 Jahren gesagt hätte, dass eine gemeinsame europäische Währung kommt, die dem Dollar als Weltwährung Paroli bietet, wäre ausgelacht worden. Die globalen Kohlenstoffmärkte haben das Potenzial, eine dritte industrielle Revolution auszulösen. Wir haben gelernt, mit den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital sparsam umzugehen. Jetzt müssen wir eben auch lernen, mit den Produktionsfaktoren Energie und Atmosphäre hauszuhalten. Manager möge es nie, wenn sie etwas bezahlen müssen. Aber die Marktwirtschaft funktioniert nur dann, wenn die Preise die Wahrheit sagen. Dabei geht es um die ökonomische, die soziale und die ökologische Wahrheit.

Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■

Ohne Titel

Ohne Titel

· Weltweit wurde es in den letzten 100 Jahren im Schnitt um knapp ein Grad Celsius wärmer.

· Es gibt immer mehr Hitzetage – eine Gefahr für Gesundheit und Wirtschaft.

· Niederschläge fallen immer häufiger in Form von Starkregen.

· Gewinner des Klimawandels sind die Baubranche und die Landwirtschaft.

COMMUNITY Internet

bild der wissenschaft präsentiert am 22. und 23. März den ExtremWetterKongress an der Uni Hamburg. bdw-Abonnenten zahlen den halben Eintrittspreis: € 80,–. Anmeldung für Kurzentschlossene: www.extremwetterkongress.de

Deutsches Klimarechenzentrum:

www.dkrz.de

Max-Planck-Institut für Meteorologie:

www.mpimet.mpg.de

Institut für Atmosphäre und Klimawissenschaft der ETH Zürich:

www.iac.ethz.ch

Klimastatusberichte des DWD:

www.dwd.de/de/FundE/Klima/KLIS/prod/KSB/index.html

Intergovernmental Panel on Climate Change:

www.ipcc.ch

Infos zu regionalen Klimaänderungen:

www.umweltbundesamt.de/ uba-info-presse/hintergrund/ Regionale-Klimaaenderungen.pdf

Studie zu den Kosten des Klimawandels:

www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf_neu/Kosten_des_Klimawandels _Gesundheitsstudie.pdf

Klimawandel und Skitourismus:

www.paris-oecd.diplo.de/Vertretung/ parisoecd/de/seite__klimawandel.html

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Ba|la|lai|ka  〈f. 10; Pl. a.: –ken; Mus.〉 russ. Zupfinstrument mit drei Saiten, dreieckigem Klangkörper u. langem Hals [russ., tatar. Ursprungs]

Ge|sund|heits|leh|re  〈f. 19; unz.〉 = Hygiene (1)

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