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Tierische Kommunikation

Flusspferde grunzen mit Bedeutung

Flusspferde machen sich lautstark bemerkbar. (Bild: Nicolas Mathevon)

Gemütlich dümpeln sie im Wasser und geben dabei gelegentlich ein „Keuch-grunz-grunz-grunz…“ von sich: Was es mit diesem charakteristischen Laut der Flusspferde auf sich hat, haben nun Biologen ausgelotet. Aus ihren Experimenten und Verhaltensbeobachtungen geht hervor, dass die weithin hörbaren Rufe eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der sozialen Gruppen spielen. Flusspferde können demnach anhand der individuellen Merkmale des Grunzens erkennen, ob es sich um ein Mitglied der eigenen Gruppe, einer Nachbarherde oder um ein ganz fremdes Tier handelt. Die Studienergebnisse könnten sich auch bei Umsiedlungsmaßnahmen zum Schutz der Dickhäuter nutzen lassen, sagen die Forscher.

Sie sind Top-Promis der afrikanischen Tierwelt – mit gewichtigem Grund: Mit einem Körpergewicht von teilweise über zwei Tonnen gehören die Flusspferde (Hippopotamus amphibius) zu den schwersten Landsäugetieren der Erde. Einen Großteil ihres Lebens verbringen sie allerdings im Wasser – nur nachts sind sie zum Grasen an Land unterwegs. Die Dickhäuter leben in der Regel in Gruppen aus typischerweise rund einem Dutzend erwachsener Tiere. Doch im Gegensatz zu den Elefanten ist erstaunlich wenig über das Sozialverhalten der Flusspferde und die Bedeutung der Gruppe bekannt. Die Wissenslücke umfasst dabei auch die Rolle der Rufe dieser bekanntermaßen lautstarken Tiere.

Wer Flusspferde schon einmal im Fernsehen oder in natura gesehen hat, kennt vermutlich auch das charakteristischste Element ihres Laut-Repertoires: Während sie im Wasser liegen, geben sie häufig ein Geräusch von sich, das im Englischen als “Wheeze Honk” bezeichnet wird. Dabei machen die Tiere einen keuchend wirkenden Anfangston, auf den mehrere Grunzlaute folgen. Dass diese „Äußerungen“ zumindest eine grundlegende kommunikative Bedeutung besitzen, liegt nahe. Doch es könnte sein, dass die Botschaft eher simpel ist – möglicherweise vermitteln die Tiere nur: „Hallo, hier bin ich!“. Im Rahmen ihrer Studie sind die Forscher um Nicolas Mathevon von der Universität Saint-Etienne in Frankreich nun der Frage nachgegangen, inwieweit der Wheeze Honk eine komplexere Bedeutung für die Tiere besitzen könnte.

Lautkommunikation auf der Spur

Das Team führte seine Experimente und Verhaltensbeobachtungen dabei im Maputo Special Reserve in Mosambik durch – in einem Schutzgebiet, das mehrere Seen umfasst, in denen viele Flusspferdgruppen leben. Zunächst konnten die Forscher im Rahmen der Studie bestätigen, dass die Wheeze-Honk-Rufe ausgesprochen tragend sind: Bis zu einem Kilometer weit sind sie hörbar. Anschließend nahmen Mathevon und seine Kollegen Rufe von Tieren auf, die repräsentativ für jede Herde waren. Diese Aufnahmen spielten sie dann den jeweils anderen Flusspferdgruppen über Lautsprecher vom Ufer aus vor. Dabei erfassten sie durch Auswertungen von Videoaufnahmen, wie die Tiere auf die unterschiedlichen Reize reagierten.

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Grundsätzlich zeigte sich, dass die Beschallungen bei allen Gruppen deutliche Reaktionen hervorriefen: Die Tiere antworteten ihrerseits mit Wheeze-Honk-Rufen, näherten sich den Tonquellen und zeigten auch ein Verhalten, das ebenfalls als typisch für die Dickhäuter gilt: Sie ließen ihr kurzes Schwänzchen wirbeln, um Kot im hohen Bogen zu verteilen. Dabei handelt es sich um ein Verhalten, das der Markierung des Reviers dient. Die detaillierten Auswertungen zeigten allerdings deutliche Unterschiede bei der Reaktionsstärke. Dabei galt: Je weniger vertraut der Ruf war, desto intensiveres Verhalten zeigten die Flusspferde. Auf den Wheeze-Honk-Ruf eines Tiers aus einer benachbarten Herde reagierten sie noch vergleichsweise gelassen. Wenn sie ein ganz fremdes Individuum hörten, regten sie sich hingegen regelrecht auf: Vor allem das starke Markierungsverhalten interpretieren die Wissenschaftler als aggressiv.

Mehr als ein „Hallo“

„Die Reaktionen auf die von uns ausgestrahlten Tonsignale waren sehr deutlich – das hatten wir so gar nicht erwartet“, sagt Mathevon. „Aus unseren Ergebnissen geht hervor, dass Flusspferde in der Lage sind, Gruppenzugehörigkeiten von Artgenossen anhand der Stimme zu erkennen. Darüber hinaus zeigt sich, dass Flusspferdgruppen territoriale Einheiten sind, die sich gegenüber ihren Nachbarn weniger aggressiv verhalten als gegenüber völlig Fremden“, resümiert der Wissenschaftler die Ergebnisse.

Wie die Forscher hervorheben, könnten die Einblicke in die Kommunikation und das Gruppen-System von Flusspferden neben der biologischen auch eine praktische Bedeutung besitzen – und zwar für den Schutz der Tiere. Denn in einigen Regionen schwinden die Bestände alarmierend – in anderen gelten sie hingegen als problematisch groß. Durch Umsiedlungsaktionen versuchen Tierschützer deshalb für einen Ausgleich zu sorgen. Die Studienergebnisse könnten nun möglicherweise dabei helfen, dass diese Projekte zu mehr Erfolg führen, sagen die Forscher: „Bevor man Flusspferde an einen neuen Ort umgesiedelt, könnte man ihre Stimmen den ansässigen Tieren über Lautsprecher vermitteln, damit sie sich an sie gewöhnen und ihre Aggression allmählich abnimmt“, meint Mathevon.

In künftigen Studien plant das Forscherteam nun, die Bedeutung der Lautkommunikation bei den tierischen Promis weiter ausloten. So wollen sie etwa genauer untersuchen, welche Klangmerkmale bei der Erkennung von bekannten Artgenossen eine Rolle spielen. Außerdem werden sie der Frage nachgehen, ob die Stimmen auch bestimmte Eigenschaften der Individuen vermitteln. Denn vielleicht verkünden die Tiere mit ihren Wheeze-Honk-Rufen auch Größe, Geschlecht oder Alter.

Quelle: Cell Press, Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2021.12.017

Sounddatei: Beispiel für einen Wheeze Honk-Ruf eines Flusspferds. (Credit: Nicolas Mathevon)

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