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Urzeitlicher Gigant

Fossil eines Riesen-Gliederfüßers

So könnte der möglicherweise größte Gliederfüßer aller Zeiten einmal ausgesehen haben. (Bild: Neil Davies)

Er war etwa 2,60 Meter lang, 50 Kilogramm schwer und krabbelte vor etwa 326 Millionen Jahren durchs heutige England: Paläontologen haben Fossilien des bisher größten bekannten Exemplars eines Arthropleura-Gliederfüßers entdeckt. Der Fund legt nahe, dass sie sogar größer wurden als die größten urzeitlichen Seeskorpione und Trilobiten. Die Arthropleura waren demnach möglicherweise die größten Gliederfüßer aller Zeiten. Nach wie vor geben die skurrilen Riesen-Krabbler den Paläontologen allerdings Rätsel auf.

Häufig stehen die Wirbeltiere im Fokus unserer Aufmerksamkeit – doch quantitativ betrachtet ist ein anderer Tierstamm auf der Welt deutlich bedeutender: Etwa 80 Prozent aller heutigen Tierarten sind Gliederfüßer (Arthropoda). Zu ihnen gehören die Insekten, Krebstiere, Tausendfüßer und Spinnentiere. Die Entwicklungsgeschichte dieser Wesen reicht weit zurück und umfasste dabei auch heute ausgestorbene Gruppen wie die Trilobiten und Seeskorpione. Was alle Gliederfüßer auszeichnet, ist ein Außenskelett sowie ein Körperbau, der durch Segmente geprägt ist.

Dieses Konzept ist eher für kleinere Körper vorteilhaft, deshalb sind und waren die meisten Vertreter der Gliederfüßer vergleichsweise klein. Als fossile Extrembeispiele für die obere Grenze bei den marinen Gliedertieren gelten dabei die Seeskorpione und bei den landlebenden Arthropoden standen bereits die Arthropleura an der Spitze: Diese Tausendfüßer-artigen Wesen lebten im Karbonzeitalter und starben dann wohl im Verlauf des Perms aus. Funde von Teilen dieser Lebewesen sowie ihnen zugeordnete Spuren legten bereits nahe, dass sie Längen über zwei Meter erreicht haben könnten. Die nun neuentdeckten Überreste eines Arthropleura aus der Zeit vor rund 326 Millionen Jahren sind allerdings deutlich größer als die bisher bekannten und erweitern damit die Skala erneut.

Ein Rekord-Exemplar zeichnet sich ab

Das Fossil wurde in einem großen Sandsteinblock entdeckt, der von einer Klippe auf den Strand von Howick Bay in Northumberland gefallen ist. „Es war ein absoluter Zufallsfund“, sagt Erstautor Neil Davies von der University of Cambridge. „Durch den Sturz war der Brocken aufgebrochen, wobei das Fossil perfekt freigelegt wurde, sodass es per Zufall im Vorbeigehen entdeckt werden konnte“. Dabei zeichnete sich bereits ab, dass es sich um einen buchstäblich großen Fund handelt. Deshalb wurde das Fossil zur genaueren Untersuchung nach Cambridge gebracht.

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Dort ergaben die Analysen der Paläontologen, dass es sich um ein etwa 75 Zentimeter langes Stück des Außenskeletts eines Arthropleura handelt. Bisher sind zwei vergleichbare Funde bekannt, sagen die Wissenschaftler. Doch die Überreste aus der Howick Bay stammen von einem deutlich größeren Exemplar. Durch Schätzungen anhand der Proportionen der gefundenen Segmente kamen die Forscher auf eine Breite von über einem halben Meter. Davon leiten sie wiederum eine Gesamtlänge des Tieres von bis zu etwa 2,60 Metern ab. Was das Gewicht betrifft, ergaben Hochrechnungen auf der Basis der Merkmale von heutigen großen Tausendfüßer-Arten eine Masse von etwa 50 Kilogramm. Vergleiche mit Einschätzungen von Maximalgrößen und -gewichten von anderen riesenhaften Gliederfüßern legen damit nahe, dass Arthropleura möglicherweise nicht nur der größte Land-Arthropode aller Zeiten war, sondern der größte Vertreter dieser Tiergruppe insgesamt.

Wie lebte der Urzeit-Riese?

Wie die Forscher weiter berichten, beleuchtet das neue Fossil außerdem weitere Aspekte des geheimnisvollen Urzeitriesen. Es gibt Hinweise darauf, dass das Tier vor rund 326 Millionen Jahren am Ufer eines Flusses lebte. Im Gegensatz zu dem kühlen und feuchten Wetter, das man heute mit der Region verbindet, herrschte in Northumberland in der Karbonzeit ein tropisches Klima, da die Region damals in der Nähe des Äquators lag.

Den Wissenschaftlern zufolge ist der neue Fund damit auch der älteste Nachweis eines Arthropleura, was mit einem interessanten Hinweis verbunden ist: Die enorme Größe dieser Wesen wurde bisher auf einen Höhepunkt der Sauerstoffkonzentration in der Atmosphäre während des späten Karbon und des Perm zurückgeführt. Aber da das neue Fossil aus Gestein stammt, das vor diesem Höhepunkt abgelagert wurde, liegt nun nahe, dass die Sauerstoffversorgung möglicherweise doch nicht ausschlaggebend für das Wachstum war.

Den Forschern zufolge ist zumindest davon auszugehen, dass Arthropleura eine sehr nährstoffreiche Ernährung gehabt haben muss, um eine solche Größe zu erreichen. „Wir wissen zwar nicht genau, was sie gefressen haben, aber es gab damals wohl nahrhafte Samen und vielleicht ernährten sie sich auch von anderen wirbellosen Tieren oder Amphibien“, so Davies. Hinweise könnte ein Körperteil liefern, das bisher allerdings fehlt: „Es wurde noch kein versteinerter Kopf gefunden. Fossilien von Riesen-Gliederfüßern sind generell selten, da sich ihre Körper nach dem Tod wohl recht schnell aufgelöst haben“, sagt Davies. Es ist ihm zufolge auch wahrscheinlich, dass es sich bei dem Fossil um eine Exuvie handelt – eine Häutungs-Hülle, die das Tier im Laufe seines Wachstums abgeworfen hat. Es bleibt somit zu hoffen, dass Paläontologen eines Tages auf weitere fossile Überreste stoßen werden, die mehr Licht auf das Leben dieser spektakulären Wesen der Urzeit werfen.

Quelle: University of Cambridge, Fachartikel: Journal of the Geological Society, doi: 10.1144/jgs2021-115

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