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Invasive Regenwürmer

Fremde Nützlinge schaden Insekten

Regenwürmer sind nur dort nützlich, wo sich Ökosysteme an ihre Tätigkeit anpasst haben. © V. Gutekunst

Bei uns nützlich – woanders problematisch: Aus Europa eingeschleppte Regenwürmer verursachen in Nordamerika erstaunlich komplexe Schäden, berichten Forscher: Die Bodenbewohner beeinträchtigen dort die oberirdisch lebende Insektenfauna in Wäldern. Wo sich die wühlenden Invasoren etablieren, geht demnach die Biomasse und die Artenzahl der einheimischen Insekten stark zurück. Die Studie verdeutlicht damit, in welch vielschichtiger Weise fremde Arten Ökosysteme beeinträchtigen können, sagen die Wissenschaftler.

Eigentlich gilt er als ein Paradebeispiel eines Nützlings: Durch seine Wühltätigkeit lockert der Regenwurm den Untergrund auf und sorgt dafür, dass Biomasse wie Blätter in die Erde gezogen werden, um Nährstoffe freizusetzen. In Europa spielt er damit eine wichtige Rolle für den Stoffkreislauf und die Bodenfruchtbarkeit, denn die Ökosysteme haben sich seit langem an seine Tätigkeit angepasst. Doch in Nordamerika ist das nicht der Fall. Während der letzten Eiszeit verschwanden dort die Regenwürmer und als das Eis zurückging, eroberten sie sich dort das Land nicht wieder zurück wie in Europa. Dadurch haben sich Ökosysteme entwickelt, die an Böden ohne die kleinen Umweltingenieure angepasst sind. In diese halten nun allerdings doch Regenwürmer Einzug: Mehrere Arten wurden von europäischen Siedlern eingeschleppt und breiteten sich seitdem kontinuierlich aus.

Weitreichende Wirkung der wühlenden Invasoren

Aus früheren Untersuchungen ging bereits hervor, dass dies den angestammten Waldökosystemen Nordamerikas schadet, da sie nicht an die Tätigkeit der Würmer und ihre komplexen Wirkungen auf die Merkmale des Bodens angepasst sind. Dabei standen bisher allerdings vor allem die Pflanzen und Bodenlebewesen im Fokus. In ihrer aktuellen Studie sind die Forscher um Malte Jochum vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig nun der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Präsenz der europäischen Fremdlinge im Boden auch in der oberirdisch lebenden Insektenfauna widerspiegelt. Als Untersuchungsareal diente den Wissenschaftlern dabei ein Waldstück in Kanada, in dem es noch sowohl von Regenwürmern besiedelte als auch nicht betroffene Teile gibt. Dort fingen sie mittels Insektensaugern die oberirdischen Insekten ein und verglichen die Fänge aus den beiden Untersuchungsbereichen miteinander.

In ihren Auswertungen zeichnete sich ab: Die Häufigkeit, Biomasse und auch die Artenzahl auf den Flächen, die von Regenwürmern besiedelt waren, unterscheiden sich deutlich von solchen ohne Regenwürmer. Auf den am stärksten von den wühlenden Invasoren betroffenen Flächen lag die Zahl der Insektenindividuen im Vergleich zu den Kontrollen um 61 Prozent niedriger, ihre Biomasse um 27 Prozent und die Artenzahl um 18 Prozent. „Wir hatten erwartet, dass Regenwürmer auch Auswirkungen auf oberirdische Insekten haben würden“, sagt Jochum. „Ich war aber doch überrascht, wie stark diese Auswirkungen waren.“

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Komplexe Wechselwirkungen

Doch welcher Wurm-Effekt verursacht den Schaden? Genau können die Forscher dies bisher nicht sagen – möglicherweise spielen verschiedene Aspekte eine Rolle: „Möglich wäre, dass die Würmer oberirdisch lebenden Insekten, die auf das Zersetzen von totem Pflanzenmaterial spezialisiert sind, die Nahrung und ihren Lebensraum wegfressen“, sagt Jochum. Da viele Insekten Pflanzenfresser sind, ist auch zu vermuten, dass der beobachtete Rückgang auf eine Veränderung der Vegetation zurückzuführen ist, der wiederum mit den Bodenveränderungen zusammenhängt. Eine deutliche Veränderung der Pflanzen-Artenzahl oder -Deckung konnten die Wissenschaftler in dem aktuellen Untersuchungsgebiet nicht feststellen.

„Damit ist der Einfluss über die Pflanzen jedoch nicht ausgeschlossen“, sagt Jochum. Denn die Daten zur Artenzusammensetzung und zu weiteren Eigenschaften der Pflanzengemeinschaften müssen erst noch ausgewertet werden, betonen die Forscher. Eine Rolle könnte auch die Zunahme räuberischer Insektenarten und Spinnen spielen, die das Team in den von den Würmern besiedelten Bereichen festgestellt hat. Offenbar scheinen diese Tiere von den Veränderungen zu profitieren. Auch in diesem Fall bleibt der Hintergrund allerdings unklar.

Den Forschern zufolge zeigen die Ergebnisse aber in jedem Fall, dass Veränderungen von Artengemeinschaften wie etwa Insekten bisher noch wenig beachtete Ursachen haben können. „Als Erklärung für die globalen Veränderungen der Insektengemeinschaften werden bisher nur wenige Ursachen herangezogen, allen vorweg Lebensraumveränderungen über der Erde“, sagt Seniorautor Nico Eisenhauer von iDiv und der Universität Leipzig. „Die neuen Ergebnisse zeigen, dass Biodiversitätsverlust aber durchaus auch weitere, bisher kaum beachtete Ursachen haben kann, die bei entsprechenden Naturschutzmaßnahmen berücksichtigt werden sollten“, so der Wissenschaftler.

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, Fachartikel: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2021.0636

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