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Erde|Umwelt Gesundheit|Medizin

Grüne Gentechnik: Im Dschungel der Vorurteile

Auch wenn es in Deutschland manchmal nur mit Polizeischutz geht – die Gentechnik ist auf dem Acker angekommen.

Global gesehen ist der Siegeszug der genetisch veränderten Ackerpflanzen nicht mehr aufzuhalten. Landwirte in den Industrieländern haben sie ebenso schätzen gelernt wie viele Bauern der Dritten Welt. In Europa bleiben sie dennoch Konfliktstoff. Es ist Zeit für eine kritische Zwischenbilanz, die zumindest zwei Überraschungen parat hält: Die meisten Sicherheitsbefürchtungen gegenüber den „genmanipulierten“ Pflanzen haben sich nicht bestätigt. Und: Gentechnik trägt mitunter gar zum Umweltschutz bei.

1: Wie verbreitet sind genveränderte Ackerpflanzen?

Es werden ständig mehr: Auf 102 Millionen Hektar, knapp acht Prozent der etwa 1,3 Milliarden Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche weltweit, standen 2006 gentechnisch veränderte Nutzpflanzen. Ein Zuwachs von 13 Prozent gegenüber 2005, Tendenz weiter steigend – so bilanziert es der jüngste Statusbericht zu „ Genpflanzen“, der vom International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications (ISAA) jährlich aufgelegt wird. 10,3 Millionen Bauern in 22 Ländern weltweit bauten solche Pflanzen 2006 an. Der Löwenanteil davon entfällt auf die USA, es folgen Argentinien, Brasilien, Kanada, Indien und China.

„Niemals zuvor hat sich eine neue Technologie so rasch in der Landwirtschaft durchgesetzt, seitdem der Mensch Ackerbau betreibt“ , schwärmt der Genetiker und Biotech-Pionier Luther Val Giddings, der bis Ende 2005 Vizepräsident des Branchenverbands Biotechnology Industry Organization (BIO) in Washington, D.C. war.

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Eine weitere Zahl nennen die Befürworter besonders gern: Grüne Gentechnik ist keine Domäne der reichen Staaten. Mehr als 90 Prozent der Landwirte, die auf gentechnisch veränderte Pflanzen setzen, sind Kleinbauern in Entwicklungsländern.

Bei näherem Hinsehen engt sich das Feld allerdings ein. Fuß gefasst hat die Grüne Gentechnik vorrangig bei Soja, Mais, Baumwolle und Raps. Und dabei dreht sich fast alles um zwei Konzepte.

· Herbizidresistenz: Nutzpflanzen, die gegen Unkrautvernichtungsmittel immun sind, machen 68 Prozent der Gentechnik-Pflanzen weltweit aus. Es handelt sich um Soja, Mais, Raps und Baumwolle.

· Insektenresistenz: Pflanzen, die ihr Insektengift selbst produzieren, wuchsen 2006 auf 19 Prozent der mit genveränderten Nutzpflanzen bebauten Fläche, insbesondere Baumwolle und Mais.

Der Rest entfällt überwiegend auf Pflanzen, die beide Gene kombinieren.

Japan ist dabei außen vor, und die EU spielt noch keine große Rolle. Der Widerstand der Verbraucher hat den breiten Einsatz der neuen Pflanzen hier bislang verhindert. Doch auch in Europa weisen die Zeiger jetzt aufwärts. Nach Spanien, Portugal, Frankreich und Tschechien gesellte sich 2006 Deutschland zu die Anbauländern für neue Mais-Sorten, die eine Resistenz gegen Schädlinge eingebaut haben (siehe Kasten rechts „Stopp für Monsantos Mais“).

Das Prädikat „gentechnikfrei“ auf Lebensmittel aufzudrucken, wird immer schwieriger. In EU-Richtlinien ist pragmatisch festgelegt, dass Lebensmittel so lange keine Kennzeichnung brauchen, wie maximal 0,9 Prozent ihres Inhalts aus gentechnisch veränderten Organismen besteht und die Kontamination unbeabsichtigt ist. Doch wo der Anbau wächst, wachsen auch die Verunreinigungen.

Gut zehn Jahre weltweiter Anbau zeigen aber auch: Schäden für den Verbraucher waren in der Praxis bislang nicht festzustellen. Obendrein sind Gentechnik und Umweltschutz nicht zwangsläufig „ natürliche“ Feinde. Grüne Gentechnik ist nicht die Ursache für die anfälligen Monokulturen oder den Konzentrationsprozess im Agrobusiness. Und: Grüne Gentechnik beeinträchtigt die Umwelt auf jeden Fall nicht so stark wie die konventionelle Landwirtschaft mit ihrem massivem Einsatz von Pestiziden.

Bernhard Epping

Ohne Titel

Vor Schädlingen sicher ist die gentechnisch veränderte Maissorte Mon 810, die ein Gen des Bakteriums „Bacillus thuringiensis“ (Bt) trägt. Sie wird vor allem als Futtermittel verwendet. In Deutschland wird sie seit dem letzten Jahr kommerziell angebaut.

Doch Ende April 2007 hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) dem Agro-Biotech-Unternehmen Monsanto den Verkauf von Saatgut der Sorte Mon 810 vorerst untersagt. Monsanto muss einen sogenannten Monitoring-Plan vorlegen. Das heißt, der Konzern muss während des Anbaus Untersuchungen durchführen, unter anderem über den Verbleib des Bt-Giftes in der Umwelt und dessen Auswirkungen auf Nichtziel-Organismen. Erst wenn das BVL den Überwachungsplan akzeptiert hat, darf Monsanto wieder genverändertes Saatgut verkaufen. Dieselbe Einschränkung gilt für die Bt-Maissorten, die andere Firmen in Lizenz auf Monsantos Patent produzieren.

Das Bundesamt begründete das Verbot mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Verschiedene Institute hätten festgestellt, dass der gentechnisch veränderte Mais umweltschädlicher ist als bislang angenommen. So wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass das Bt-Gift nicht nur den Maiszünsler tötet, sondern auch die nützlichen Trauermückenlarven schädigt, die im Boden Pflanzenreste zersetzen.

Die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert das Verbot des Saatgutverkaufs als nicht ausreichend. Sie fordert die sofortige Vernichtung aller bereits auf den Äckern stehenden Gen-Maispflanzen und eine Entschädigung für die Bauern.

Per EU-Gesetz ist der Anbau von Mon-810-Mais erlaubt, nationale Einschränkungen sind jedoch möglich. So gibt es in Österreich, Ungarn und Griechenland spezielle Auflagen. zur

Ohne Titel

2: Wie haben sich Insektenresistenz-Gene bewährt?

„Bt-Mais ist unsere schärfste Waffe gegen den Schädling“, sagt Gustav-Adolf Langenbruch, Experte für den Maiszünsler (Ostrinia nubilalis) an der Biologischen Bundesanstalt in Darmstadt. Der Maiszünsler, ein unscheinbarer Schmetterling, ist weltweit ein Problem im Maisanbau. Auch hierzulande befällt er mehr als ein Fünftel der insgesamt 1,7 Hektar umfassenden Maisäcker.

Schon seit 1964 sind verschiedene Stämme des Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) als Spritzmittel gegen Insekten im Einsatz – bei Mückenplagen am Oberrhein ebenso wie gegen den Kartoffelkäfer. Seit 1976 sind Bt-Präparate auch gegen den Zünsler zugelassen. Die bakteriellen Abwehrstoffe gelten als umweltfreundlich, weil sie nur bestimmte Insektengruppen bekämpfen. Außerdem sind sie ungefährlich für den Menschen und andere Säugetiere.

Die Idee, Pflanzen gleich selbst diese Toxine produzieren zu lassen, ist so einleuchtend, dass sie schon zu Beginn der kommerziellen Nutzung der Grünen Gentechnik umgesetzt wurde: Seit 1996 wachsen in den USA Bt-Baumwollpflanzen, denen bald der erste Bt-Mais folgte.

Bt ist eine Erfolgsstory der Grünen Gentechnik: 57 Prozent der Baumwolle in den USA, 65 Prozent von der in China und 42 Prozent von der in Indien sind heute Bt-Pflanzen. Das Saatgut dieser Pflanzen ist teurer als das herkömmlicher Sorten, und die Erträge sind nicht grundsätzlich höher, doch werden die Mehrausgaben durch Einsparungen bei Spritzmitteln in der Regel mehr als kompensiert. In Arizona, so zeigen Studien, sprühen Farmer auf Bt-Baumwollplantagen im Schnitt nur halb so viele Insektizide, in China sind Reduktionen von bis zu 80 Prozent dokumentiert.

Deshalb haben Bt-Pflanzen in Entwicklungsländern die Zahl der Vergiftungen bei Bauern verringert. „Sie sind eine Soforthilfe dort, wo sonst Kleinbauern mit der Spritze auf dem Rücken hochgiftige Mittel verteilen, die in Industrieländern längst verboten sind“, sagt Matin Qaim, Agrarökonom an der Universität Hohenheim.

Hierzulande bauten Landwirte erstmals 2006 regulär Bt-Pflanzen an: Fünf Bt-Maissorten standen als Futtermais auf 950 Hektar, für 2007 sind 2700 Hektar gemeldet. Die ursprüngliche Sorte Mon 810 stammt vom US-Konzern Monsanto (siehe Kasten oben „Stopp für Monsantos Mais“). Angebaut werden aber auch Sorten, die von anderen Firmen mittels Lizenz auf Monsantos Patent kreiert wurden. Die Pflanzen sind giftig für den Maiszünsler. „Ihr Einsatz kann im Rahmen eines Gesamtkonzepts sinnvoll sein“, urteilt Langenbruch.

Gegen den Schädling helfen aber auch andere Maßnahmen: Pflügen nach der Ernte, ein geschickter Fruchtwechsel oder, wenngleich teurer, die biologische Bekämpfung mit Schlupfwespen. „Bt-Mais“, so Langenbruch, „sollten wir vor allem nutzen, um den Vormarsch des Zünslers zu stoppen, dessen Befallsgebiete sich immer weiter ausdehnen.“ Dem Experten schwebt eine Art Sperrriegel aus Bt-Pflanzen um bislang befallsfreie große Gebiete vor, etwa im Münsterland und in Niedersachsen.

Das Bt-Konzept hat Grenzen: Bt-Kartoffeln beispielsweise nahm Monsanto schon 2001 wieder vom US-Markt – unter anderem, da neue Insektizide es ermöglichen, nicht nur den Kartoffelkäfer zu bekämpfen, sondern auch Läuse, die gegen Bt-Toxine prinzipiell unempfindlich sind. Auch gegenüber Wanzen versagt das Bt-Gen: In China gab es 2005 deshalb mancherorts massive Probleme auf Baumwollfeldern.

Der eigentliche Clou am Bt-Konzept ist, dass es bis heute gehalten hat. Unter Laborbedingungen entwickeln nämlich weit über ein Dutzend Schädlinge, darunter auch der Maiszünsler, rasch Resistenzen gegen Bt-Toxine. Doch Befürchtungen, binnen Kurzem würde der großflächige Anbau der Bt-Pflanzen zu massiven Resistenzproblemen führen, Bt sogar wirkungslos machen, haben sich bislang nicht bewahrheitet. Langenbruch: „Das hat uns alle positiv überrascht.“

Ein Grund: Selten zuvor ist ein neues Wirkprinzip in der Landwirtschaft mit so vielen Auflagen eingeführt worden, um seine Nachhaltigkeit zu sichern. Das sogenannte Resistenzmanagement von Bt-Pflanzen fußt auf zwei Säulen:

· Hochdosis: Wenn schon Toxine in der Pflanze gebildet werden, muss ihre Dosis so hoch sein, dass Schädlinge, die davon fressen, sofort getötet werden – mithin keine Chance mehr haben, mögliche Resistenzgene an Nachkommen weiterzureichen.

· Refugien: In den USA fordert die Umweltbehörde EPA beim Anbau von Bt-Pflanzen je nach Größe der Plantagen und dem Einsatz von Insektiziden, dass bis zu 50 Prozent der Flächen mit konventionellen Pflanzen bestockt werden. Hierzulande müssen Landwirte, die Bt-Mais auf mehr als fünf Hektar Fläche anbauen, 20 Prozent der Fläche mit konventionellem Saatgut bestocken. Das Kalkül dahinter: Auf diesen Refugien gedeihen genügend Tiere, die gegen Bt empfindlich sind und die sich auch mit jenen paaren, die womöglich auf Bt-Feldern in der Nachbarschaft Resistenzen gegen die Toxine zeigen. Bei den Nachkommen werden die Gene für just diese Resistenzen wieder so weit ausgedünnt, dass sie empfindlich bleiben.

Geholfen haben allerdings nicht nur die Auflagen – zumal sich nach einer Umfrage in den USA jeder fünfte Farmer nicht daran hält und sie in China gar nicht erst zum Zug kamen. Auch Glück war dabei. Bislang sind Resistenz-Gene gegen Bt oft „rezessiv“, wie die Genetiker sagen: Sie setzen sich nur durch, wenn sie im Erbgut der Tiere in zwei oder mehr Kopien vorkommen. Schon gar nicht ist der bisherige Erfolg eine Garantie für die Zukunft. „Es kann schnell vorbei sein mit Bt-Pflanzen“, ist Langenbruch überzeugt. Doch falls sich resistente Schädlinge entwickeln, gibt es Nachschub in der Forschungs-Pipeline. Denn längst nicht alle Toxine von Bacillus thuringiensis werden bislang genutzt. Und die Entschlüsselung der Genome von immer mehr Bakterien spült Daten über ungenutzte Insektentoxine in die Computer. Langenbruch: „Es wird möglich sein, Resistenzen mit anderen Toxinen zu brechen – auch wenn die Sache dann komplizierter wird.“

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3: Schaden herbizidresistente pflanzen der umwelt?

Herbizidresistenz und Umweltschutz – das ist eigentlich ein Paradoxon. Denn das Prinzip besteht nicht darin, Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide) überflüssig zu machen. Die Pflanzengifte sollen vielmehr effektiv sein, weil sie den Nutzpflanzen nicht schaden und darum in der für die Unkräuter tödlichen Dosierung eingesetzt werden können.

An die 90 Prozent aller gentechnisch veränderten Pflanzen weltweit tragen Monsanto-Technologie. Der Name des Konzerns aus St. Louis, USA, ist nahezu ein Synonym für Grüne Gentechnik. Unter dem Namen RoundupReady offeriert er weltweit transgene Sojabohnen, Mais und Baumwollpflanzen, die den Wirkstoff Glyphosat (Markenname Roundup) bei Nutzpflanzen quasi ins Leere laufen lassen. 90 Prozent aller Sojabohnen in den USA und Kanada sowie 98 Prozent in Argentinien waren 2006 solche herbizidtoleranten Pflanzen.

BayerCropScience ist unter dem Markennamen LibertyLink mit Pflanzen am Markt, die gegen das Breitbandherbizid Glufosinat resistent sind. In Kanada und den USA dominiert der Leverkusener Konzern damit die Herbizidtoleranz bei Raps. In Deutschland ist bislang keine herbizidresistente Pflanze zugelassen.

Doch wie sieht die Umweltbilanz im Detail aus? Paradox oder nicht: Die genveränderten Agrarpflanzen haben den Einsatz von Herbiziden tatsächlich um bis zu 40 Prozent sinken lassen. „Der Landwirt spart damit eine von bislang mindestens zwei Spritzungen“ , erklärt Bernward Märländer, Direktor des Instituts für Zuckerrübenforschung an der Universität Göttingen. Bei konventionellen Pflanzen kann er nämlich Totalherbizide nur einsetzen, solange sein Saatgut noch im Boden ist – andernfalls würde er ihm gleich mit den Garaus machen. Ist es gekeimt, muss er auf andere Herbizide zurückgreifen. Bei den herbizidresistenten Pflanzen kann er mit dem ersten Spritztermin warten, bis das Saatgut längst gekeimt ist.

Vor allem in den großflächigen Monokulturen in Nord- und Südamerika scheint Herbizidresistenz manchen Farmer obendrein bewogen zu haben, ein wenig mehr Wildwuchs zu erlauben. „ No-Tillage“ oder „Konservierende Bodenbearbeitung“ nennt sich die neue Wirtschaftsweise: Dabei verzichten Landwirte auf den Pflug, und lassen Stängel sowie Pflanzenreste nach der Ernte auf dem Acker zurück. Die schützende Deckschicht verringert Erosion, hilft, mehr organische Substanz im Boden zu binden und ist ein Gewinn für Tier- und Pflanzenarten.

Der Haken: Landwirte müssen mit mehr Unkraut und mit einer größeren Pilzbelastung der Früchte rechnen. Einige Umfragen aus den USA deuten an, dass die Farmer eher auf konservierende Bodenbearbeitung umschwenken, wenn sie herbizidresistente Pflanzen anbauen. „Das System bietet die Sicherheit, notfalls Unkraut immer noch effizient bekämpfen zu können“, meint Märländer. Für Europa ist es dennoch keine Patentlösung. Denn bei regelmäßiger Fruchtfolge, die hierzulande üblicher ist als in Amerika, stößt Herbizidtoleranz rasch an eine Grenze: Wenn zum Beispiel glyphosatresistente Rapspflanzen als Reste der Vorfrucht im Folgejahr dort auskeimen, wo turnusmäßig etwas anderes angebaut wird, dann ist ihre Bekämpfung nur mit anderen Herbiziden möglich.

Schon zeigen sich auf manchen Farmen in den USA auch Unkräuter mit Resistenzen gegen Glyphosat – etwa das Kanadische Berufkraut (Conyza canadensis). Monsanto entwickelt daher Nutzpflanzen, die gegen ein zweites Herbizid, Dicamba, resistent sind.

Gerade ihre Effizienz bei der Bekämpfung von Unkraut verhagelte der Herbizidresistenz bei Feldtests mehrfach eine andere Ökobilanz: Die Biodiversität auf dem Acker nimmt drastisch ab. Nach einer Studie im Auftrag der britischen Regierung verringern sich, verglichen mit konventionellem Anbau, in Feldern mit herbizidtolerantem Raps Zahl und Artenreichtum von Unkräutern und Insekten um mindestens 30 Prozent.

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4: Was hat der Verbraucher von genveränderten Lebensmitteln?

Bei Lebensmitteln hat Grüne Gentechnik bislang kaum zu Innovationen geführt. Die angeblich besonders schmackhafte FlavrSavr-Tomate von Calgene ist längst wieder verschwunden, ebenso wie ein aromatisches Tomatenmark der Firma Zeneca, das es Anfang der Neunzigerjahre kurze Zeit in Großbritannien zu kaufen gab. Einer der Gründe für die Ebbe in der Ladentheke ist die Resistenz des Verbrauchers gegen „Genfood“.

Möglicherweise steht König Kunde sich damit selbst im Weg: So erhöhen manche Pilzgifte, die in Spuren in Lebensmitteln zu finden sind, das langfristige Krebsrisiko. Dabei sind längst die Grundlagen für neue Getreidesorten geschaffen, die eine höhere Widerstandskraft gegen Pilzbefall haben. Doch 2004 erklärte die Firma Syngenta, man werde einen pilzresistenten gentechnisch veränderten Weizen nur dann vermarkten, wenn die Verbraucherakzeptanz wachse. Monsanto stoppte fast zeitgleich einen herbizidresistenten Weizen. „Brot und Getreide, das sehen die Verbraucher besonders emotional, da will keine Firma ran“, weiß Karl-Heinz Kogel, der an der Universität Gießen die biologische Sicherheit pilzresistenter Gerste erforscht.

Hinzu kommt ein weiteres Argument: Gentechnik ist oft gar nicht nötig. Wenn bei Nutzpflanzen andere Inhaltsstoffe erwünscht sind, lässt sich dies oft am besten durch klassische Züchtung erreichen. Die agiert allerdings zunehmend im Verbund mit molekulargenetischen Methoden: „Smart Breeding“ (Schlaue Züchtung) nennt sich das Konzept.

Für viele andere potenzielle Anwendungen der Gentechnik fehlt in den Industriestaaten schlicht der Markt. Denn wer sich hier ausgewogen ernährt, braucht keinen Weizen mit mehr Eiweiß und keine Sojabohnen mit Fischölen. Die Debatte um einen Zusatznutzen für den Verbraucher kreist daher oft um die Versorgung der Dritten Welt.

Ein gutes Beispiel ist der „Golden Rice“. An die 200 Kinder in Entwicklungsländern leiden weltweit an einem gefährlichen Mangel an Vitamin A, das der Körper aus der Vorstufe Beta-Karotin herstellen kann. Ein Team um Ingo Potrykus von der ETH Zürich und Peter Beyer, Universität Freiburg, setzt seit Langem auf Reissorten, die mit Beta-Karotin angereichert werden sollen, das der Reis von Natur aus nicht enthält. 2005 kreierten Forscher des Unternehmens Syngenta tatsächlich einen Reis, der eine praxistaugliche Menge an Beta-Karotinen bildet.

Ein Einwand bleibt: Kuriert wird hier lediglich das Symptom, nicht die Ursache – Armut. Der Bedarf an Beta-Karotin ließe sich nämlich durch viele andere Lebensmittel decken: durch Möhren, Broccoli, Spinat, Orangen – Gemüse und Früchte, die für viele Menschen in der Dritten Welt oft schlicht unerschwinglich sind.

Noch ist der Hunger nicht besiegt, und wenn Pflanzenzüchtung in den nächsten Jahrzehnten etwas liefern muss, dann sind es vor allem Ertragssteigerungen. Die Welternährungs-Organisation FAO geht davon aus, dass in 25 Jahren an die 8 Milliarden Menschen ernährt werden müssen. Dafür fordert sie die doppelte Produktion auf der kaum mehr erweiterbaren Anbaufläche. Gentechnik soll helfen, das hochgesteckte Ziel auch unter widrigen Bedingungen zu erreichen.

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5: Bestehen Risiken für Die Gesundheit?

Keine Toten und keine neuen Allergien: „Es ist nirgends ein Fall dokumentiert, wo Verbraucher durch die Grüne Gentechnik einen Nachteil gehabt hätten“, formuliert Hans-Jörg Buhk, Leiter der Abteilung Gentechnik beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Von daher habe sich das mehrstufige Kontroll- und Zulassungssystem in den Industrieländern bewährt.

Doch die Kontrollen sind nicht perfekt, und die Behörden werden regelmäßig ausgetrickst. So flog beispielsweise Ende 2000 in den USA ein nicht zugelassener Bt-Mais von Aventis auf, Anfang 2005 ein Bt-Mais von Syngenta. Im Juli 2006 musste BayerCropScience das US-Landwirtschaftsministerium informieren, dass LL-Reis 601 von Freilandversuchen aus unbekannten Gründen in die Produktion gelangt war – Reis, der sich wenig später auch in der EU in Lebensmitteln fand.

Illusion ist auch die Vorstellung geblieben, gentechnische Veränderungen ließen sich auf Dauer auf einige Standorte oder Sorten begrenzen. Wind und Wetter verbreiten Pollen und Früchte unaufhaltsam: In Kanada stießen Tester bereits auf Raps-Pflanzen, die gleich zwei Herbizid-Resistenzen aufweisen. Sie müssen durch wilde Kreuzung entstanden sein, denn kein Hersteller produziert sie so. Ähnliches passierte bei Versuchen mit herbizidresistenten Zuckerrüben in Italien.

Aus Vorsicht forderte die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit schon 1997, in Organismen wenigstens nur die neuen Gensequenzen einzubringen, die wirklich nötig sind. Das gilt auch für die heftig umstrittenen Antibiotika-Resistenzen. Rund die Hälfte der kommerziell angebauten Gentechnik-Pflanzen trägt zusätzlich Gene, die Resistenzen gegen bestimmte Antibiotika vermitteln. Die Resistenzen dienen lediglich als Marker, um bei der Entwicklung neuer Pflanzen im Labor frühzeitig jene Zellen zu identifizieren, in die gewünschte Gene erfolgreich eingeschleust wurden.

Die Risiken durch diese Resistenz- Gene auf dem Acker gelten als gering. Sie sorgen aber seit Beginn der Grünen Gentechnik für Zündstoff in Risikodebatten und für Kosten in der Sicherheitsforschung. „Antibiotika-Resistenzen in gentechnisch veränderten Pflanzensorten sind nicht mehr vermittelbar“, meint Jochen Kumlehn vom Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung, (IPK) in Gatersleben – zumal zahlreiche Alternativen zur Verfügung stehen.

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6: Kommt bald massenhaft transgener Reis aus China?

Seit Jahren warten Befürworter wie Gegner der Grünen Gentechnik gebannt darauf, ob China gentechnisch veränderten Reis freigibt. Es wäre die erste gentechnisch veränderte Hauptnahrungspflanze, die in Asien zugelassen würde.

Seit 2004 liegen Anträge für vier gentechnisch veränderte Reissorten auf Eis. Ende 2006 vertagte das zuständige Nationale Komitee für die Biologische Sicherheit von gentechnisch veränderten Organismen (BC) erneut eine Entscheidung. „Eine komplizierte Angelegenheit“, weicht selbst Jikun Huang, Direktor des Instituts für Nationale Agrarpolitik (CCAP) der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Beijing, bei der Frage nach den Gründen aus. An Spekulationen herrscht kein Mangel: Ungeklärte Sicherheitsaspekte, Proteste chinesischer Konsumenten und die Furcht vor negativen Auswirkungen auf Reisexporte in die EU werden für das chinesische Zögern verantwortlich gemacht.

Vielleicht steht auch ein Zulassungsmoratorium zum Schutz für die eigene Forschung dahinter, denn zwischen 1999 und 2006 wurden überhaupt keine Neugenehmigungen für den kommerziellen Anbau von Gentechnikpflanzen in China erteilt.

Das Land, meinen Analysten, wolle erst die eigenen Forschungen so weit bringen, dass chinesische Produkte und nicht das Saatgut internationaler Konzerne den Markt besetzen.

Offiziell hat China heute ein pingelig geregeltes Genehmigungsverfahren für Gentechnik. In der Praxis aber greifen die Standards nicht. So steht Bt-Baumwolle in China auf 65 Prozent aller Baumwollplantagen. Offiziell teilen sich Monsanto und chinesische Firmen den Markt – doch bei Stichproben stammten 2004 höchstens fünf Prozent aller Bt-Pflanzen wirklich aus diesen beiden Quellen. Der Rest ist schlicht undefinierter Herkunft.

Und längst ist auch transgener Reis im Anbau. Bt63, eine der vier Reissorten, deren Zulassung das BC jetzt wieder vertagte, wird mancherorts auf chinesischen Märkten verkauft, wie Greenpeace dokumentiert hat. Kein Wunder also, dass ihn im Oktober 2006 hiesige Behörden in chinesischen Reisnudeln aufstöberten. Legal oder illegal – Gentechnik ist wirklich schon überall. ■

Wissenschaftsjournalist BERNHARD EPPING ist für umweltfreundliche Landwirtschaft, aber: „Glaubenskriege um Grüne Gentechnik helfen dabei nicht weiter.“

Ohne Titel

· Auf knapp acht Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche der Erde wachsen genveränderte Pflanzen.

· Schäden an Gesundheit und Umwelt wurden bisher nicht beobachtet.

· Europas Verbraucher mögen es dennoch lieber „gentechnikfrei“ .

COMMUNITY Internet:

Aktuelle Zahlen über den weltweiten Anbau von Genpflanzen hat der International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications (ISAA): www.isaaa.org

In Deutschland ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) für das Gentechnik- Monitoring zuständig: www.bvl.bund.de

Argumente der Gentechnik-Gegner sammelt der Informationsdienst Gentechnik:

www.keine-gentechnik.de

Deutsches Infoportal zur Gentechnik:

www.transgen.de

Unabhängiges US-Portal zur wissenschaftlichen Diskussion um Risiken und Vorzüge der Gentechnik: www.isb.vt.edu

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