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Haarige Vetternwirtschaft

Wenn Affen mit Geld umgehen, sind sie genauso gierig und preisbewusst wie Homo sapiens – und ebenso unvernünftig.

Vor knapp 3000 Jahren kam der Mensch auf die Idee, seine Tauschgeschäfte mit Geld anzukurbeln. Mittlerweile strömen täglich unermessliche Summen durch den globalen Markt. Der Reiz des Mammons zieht selbst unsere nächsten tierischen Verwandten – die Affen – in den Bann.

Mit ihrer Leidenschaft, ein Sonderangebot zu ergattern, stehen die Kapuzineraffen im Labor des Wirtschaftswissenschaftlers Keith Chen und der Psychologin Laurie Santos an der amerikanischen Yale University deutschen Schnäppchenjägern in nichts nach. Die Forscher hatten den Tieren „Geldmünzen“ in Form großer Metalldichtungsringe gegeben und ihnen beigebracht, diese gegen Äpfel, Trauben, Gurkenstücke und Gelatinehäppchen einzutauschen.

Normalerweise sind Kapuzineraffen nicht in der Lage, durch Nachahmung zu lernen und ihresgleichen Problemlösungen abzuschauen. Für gewöhnlich weigern sie sich auch, Dinge, die in ihre Fänge geraten sind, wieder herauszurücken. Doch erstaunlicherweise dauerte es nur wenige Monate, bis bei den Laboraffen der Groschen fiel. Der Umgang mit Geld schien bei ihnen die Lust aufs Tauschen zu entfesseln. Dabei frönten sie nicht nur munter ihren Kaufgelüsten, sondern befolgten auch lehrbuchmäßig die Gesetze der Preistheorie. Als das Forscher-Duo zum Beispiel plötzlich die Preise für Gelatinehäppchen halbierte, nutzten die Primaten den Rabatt zum Großeinkauf.

Auch der Wert verschiedener Geldstücke geht Affen spielend in den Kopf. Die Verhaltensforscher Sarah Brosnan und Frans de Waal vom Primaten-Forschungszentrum der Emory University in Atlanta boten Kapuzineraffen unterschiedlich attraktive Gemüse-Snacks an. Die Tiere verstanden, dass jedes Geldstück – de facto unterschiedlich große Granitsteinchen – mehr oder weniger Kaufkraft besaß.

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Durch den Umgang mit dem abstrakten Zahlungsmittel entdecken manche Affen sogar die Tugend des Sparens. An sich haben unsere haarigen Vettern wenig Neigung, Naturalien zu horten. Cebusaffen in den Experimenten des amerikanischen Biologen Dominic D’Amato, die tagsüber hungerten, bekamen abends mehr Kekse serviert, als sie verdrücken konnten. Sie stopften so viele wie möglich in sich hinein. Was übrig blieb, wurde als Spielzeug verwendet und verschwendet. Dass ihnen die zerbröselten Reste am nächsten Tag fehlen würden, kapierten sie nicht.

Die Schimpansen jedoch, die von der Anthropologin Claudia Sousa an der Universität von Coimbra in Portugal Geldmünzen als Belohnung für geschicktes Hebeldrücken erhielten, legten einen Teil ihrer Einkünfte auf die hohe Kante. Ihre Probandin Pendesa häufte sogar einen Schatz von 30 Münzen an.

Allerdings verdirbt Geld manchmal auch bei Affen den Charakter: Einem Kapuzineraffen in der Studie von Chen und Santos fiel zufällig eine Gurkenscheibe in die Hände, die auf den ersten Blick den verwendeten Metalldichtungsringen glich. Spontan schnappte sich der Affe die „Blüte“ und versuchte, sie dem Forscher anzudrehen. Selbst zum Diebstahl ließen sich die geldgierigen Tiere hinreißen: Ein Kapuzineraffe stibitzte dem Forscher ein ganzes Tablett mit Münzen, schleuderte den Inhalt in den Nachbarkäfig und hechelte hinterher, um seine Beute einzuheimsen.

Es kam, wie es kommen musste: Irgendwann dämmerte es einem Kapuzinermännchen, dass man für Geld Sex kaufen kann. Er wurde schnell handelseinig mit einem Weibchen, das ihm die gewünschte Dienstleistung bot. Selbige setzte den „Liebeslohn“ sofort dafür ein, eine Portion Trauben zu kaufen.

In vielen Situationen handelten die Versuchstiere rational im Sinne der Wirtschaftslehre – und strebten die Maximierung des ökonomischen Nutzens an. Zuweilen aber verhielten sich die Affen unvernünftig. Brosnan und de Waal quartierten jeweils zwei Kapuzineraffen in einen Käfig ein, der durch ein Gitter unterteilt war, sodass sich die Tiere sehen konnten. Zunächst erhielt jeder Affe gleich viele Münzen – und, wenn sie eingetauscht wurden, den gleichen Gegenwert. Doch dann verhielten sich die Forscher unfair: Sie gaben dem einen Affen eine leckere Weintraube, während sein Zimmergenosse für die gleiche Münze ein fades Stück Gurke erhielt.

Der billig abgespeiste Affe quittierte den „Beschiss“ mit Wutausbrüchen. Doch damit nicht genug. In fast der Hälfte der Fälle verweigerte der gelinkte Affe das Tauschgeschäft oder ließ die erstandenen Gurkenstücke liegen. Und 80 Prozent der Geprellten gingen in den Hungerstreik, wenn der Käfig-Kompagnon eine Weintraube abstaubte, ohne irgendetwas dafür hinzulegen.

Einen Nutzen zogen die Tiere aus der Revolte nicht: Ihren privilegierten Nachbarn konnten sie nichts anhaben. Indem sie streikten, verschlimmerten sie sogar die Ungerechtigkeit, weil der Verzicht auf das Gurkenstück die Kluft zwischen „arm“ und „ reich“ noch vergrößerte.

Das ökonomisch unvernünftige Verhalten der Affen gleicht dem des Menschen, der unter bestimmten Bedingungen ebenfalls auf das Prinzip Eigennutz pfeift. Homo sapiens ist auf Fairness erpicht und nimmt dafür auch Opfer in Kauf. Wie die Verhaltensökonomie zeigt, verzichten Probanden notfalls auf Gewinne, wenn sie dafür das als unfair empfundene Verhalten ihrer Mitspieler abstrafen können. So „erzieht“ man andere dazu, Regeln einzuhalten und erwirbt obendrein den Ruf, sich so schnell nicht prellen zu lassen.

Chen und Santos fanden noch eine weitere Parallele, was ökonomische Unvernunft bei Affen und Menschen betrifft. Die Forscher knöpften ihren Kapuzineraffen zunächst für jedes Obststück eine Münze ab und steckten ihnen dann bei jedem zweiten Einkauf – sozusagen gratis – eine zweite Obstportion zu. Dann lief es genau umgekehrt: Die Wissenschaftler boten den Tieren zunächst für eine Münze zwei Obststücke an – gaben ihnen allerdings bei jedem zweiten Einkauf nur noch ein Stück.

In beiden Fällen hatten die Affen also eine 50-prozentige Chance auf doppelten Ertrag. Dennoch entschieden sich die Primaten, die schließlich zwischen den beiden Varianten wählen durften, in 75 Prozent der Fälle für das erste Spiel – und damit für die Chance auf einen Bonus. Nach der klassischen Wirtschaftslehre sind beide Geschäfte gleich lukrativ, da sie dieselben Gewinn- und Verlustchancen bieten. Aber auch Menschen gehen höhere Risiken ein, um einen Verlust zu vermeiden, als um einen Gewinn in gleicher Höhe zu ergattern.

Diese „Verlust-Aversion“ führt dazu, dass kleine Einbußen mehr wehtun, als Gewinne in gleicher Höhe Freude bereiten. Sie erklärt auch, warum Anleger zu lange an sinkenden Aktien festhalten oder Hauseigentümer oft zögern, ihren Besitz mit einem gewissen Verlust zu verkaufen, auch wenn dies vernünftig wäre.

Die Verlust-Aversion ist eng mit einer anderen Laune der ökonomischen Vernunft verwandt, dem „Endowment-Effekt“. Er besagt, dass ein Gut für jemanden sofort an Wert gewinnt, wenn er es in Besitz genommen hat. Die Rückgabe wird entsprechend schmerzhaft. „Dieser Instinkt hat zur Folge, dass der Erstinhaber bereit ist, viel mehr in den Erhalt seines Besitzes zu investieren, als Eindringlinge aufbieten wollen, um dem Eigentümer das Gut abzuluchsen“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Peter Hammerstein von der Berliner Humboldt-Universität.

Daraus erwächst Respekt vor fremdem Eigentum, der auch bei Feldstudien an Affen zu beobachten ist. „Es wurde noch nie beobachtet, dass ein Schimpanse einem anderen sein Futter mit Gewalt entreißt“, berichtet de Waal.

Selbst bei simplen Schmetterlingen, die ein spärliches Sonnenplätzchen im Wald ergattern, funktioniert die Devise „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Viele Tiere haben offenbar einen genetischen Besitzinstinkt. Er diktiert ihnen, sich durchzusetzen, wenn sie als Erster Anspruch auf etwas erheben können und andererseits klein beizugeben, wenn ihnen jemand zuvorgekommen ist. ■

Rolf Degen

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Raum|git|ter  〈n. 13〉 räumliches Ordnungsprinzip für den gitterförmigen Aufbau von Kristallen

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