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Erde|Umwelt

Mensch und Natur entfremden sich

Naturerfahrung
Aktivitäten in natürlicher Umgebung stärken unser Verhältnis zur Natur. © AscentXmedia/ iStock

Wann war mein letzter Waldspaziergang? Mensch und Natur entfernen sich laut einer Metaanalyse immer weiter voneinander – mental wie räumlich. So lebt der Durchschnittsdeutsche etwa 22 Kilometer vom nächsten Naturgebiet entfernt. Weltweit betrachtet verschwindet selbst aus den Städten das Grün und Besuche in Nationalparks werden seltener. All das könnte unsere Beziehung zur Natur schwächen und die Naturschutz-Motivation des Einzelnen verringern, erklären die Wissenschaftler.

Zeit in der Natur verbringen oder eine Wildtier-Dokumentation im Fernsehen schauen: Beides zählt als sogenannte Naturerfahrung, also als direkte oder indirekte Interaktion mit der Natur. Studien legen nahe, dass viel Naturerfahrung in der Kindheit unsere emotionale Bindung zur Natur steigert und uns zu umweltfreundlichem Verhalten motiviert.

Weniger Zeit in der Natur

Werden solche Naturerfahrungen seltener? Das hat nun ein Forschungsteam um Victor Cazalis vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Form einer Metaanalyse untersucht. Als Grundlage dienten insgesamt 18 internationale Studien, die sich mit dem Thema Naturerfahrung beschäftigten. Tatsächlich zeigen die Studien zum Beispiel einen Rückgang der Besuche in Nationalparks in den USA und Japan, einen Rückgang der Campingaktivitäten in den USA sowie eine geringere Anzahl von Blumenarten, die japanische Kinder erkannten und nennen konnten. Außerdem stellten Wissenschaftler fest, dass sich in Romanen, Liedern, Kinderbüchern und Zeichentrickfilmen tendenziell immer weniger Naturschilderungen und -bilder finden.

Auf der anderen Seite ist allerdings das Interesse an Dokumentationen und Videospielen über Wildtiere gewachsen, wie das Forschungsteam beobachtete. „In den letzten Jahrzehnten sind über digitale Medien sicherlich neue Möglichkeiten entstanden, sich mit der Natur auseinanderzusetzen“, sagt Cazalis‘ Kollegin Gladys Barragan-Jason. „Mehrere frühere Studien zeigen jedoch, dass diese virtuellen ‘Naturerlebnisse’ unser Naturverbundenheitsgefühl weniger fördern als direkte Naturerfahrungen.“

Weiter Weg zum nächsten Grün

Doch solche direkten Naturerlebnisse sind oft nur schwer zu verwirklichen. Denn wir leben tendenziell immer weiter von Naturgebieten entfernt, wie eine weitere Auswertung von Cazalis und seinem Team ergeben hat. Indem sie verschiedene Kartendaten zusammenrechneten, konnten die Wissenschaftler ermitteln, dass die Menschen heute im Durchschnitt 9,7 Kilometer vom nächsten Naturgebiet entfernt leben – sieben Prozent weiter weg als noch im Jahr 2000. In Europa und Ostasien ist diese Entfernung am größten. In Deutschland liegt sie zum Beispiel bei durchschnittlich 22 Kilometern.

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Hinzu kommt, dass sich global betrachtet auch in den Städten immer weniger Natur erleben lässt. Vor allem in urbanen Gegenden von Zentralafrika und Südostasien ist der Baumbestand laut Cazalis und seinen Kollegen seit der Jahrtausendwende stark zurückgegangen. „Dieser Befund deutet darauf hin, dass auch die Möglichkeiten für die Stadtbevölkerung, Zugang zu Grünflächen zu erhalten, abnehmen“, sagt Barragan-Jason. Da mittlerweile rund 56 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, ist diese Entwicklung besonders weitreichend.

„Wir schlussfolgern, dass die Zerstörung von Naturräumen in Verbindung mit einem starken Anstieg der städtischen Bevölkerung zu einer wachsenden räumlichen Distanz zwischen Mensch und Natur führt, insbesondere in Asien, Afrika und Südamerika“, so Barragan-Jason weiter. Durch diese Distanz könnten womöglich immer weniger Menschen als Kind eine emotionale Bindung zur Natur aufbauen, wodurch sie als Erwachsene Naturschutz als nicht so wichtig erachten würden. Das könnte langfristig und weltweit die Bemühungen zum Schutz der Natur gefährden.

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Fachartikel: Frontiers in Ecology and the Environment, doi: 10.1002/fee.2540

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