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Erde+Umwelt

Mutige Affen lernen schneller

Weißbüschelaffe
Ein männliches Weißbüscheläffchen beim Erkunden eines Asts. © Vedrana Šlipogor

Wie wir Menschen besitzen auch Affen die Fähigkeit, Werkzeuge zu nutzen, komplexes Sozialverhalten zu zeigen und Neues zu lernen. Auch verschiedene Persönlichkeiten lassen sich bei den Primaten beobachten. Welche Rolle die Persönlichkeit für das Lernvermögen der Affen spielt und wie dies von ihrem familiären Hintergrund beeinflusst wird, haben Biologen nun an Weißbüscheläffchen untersucht. Ihre Studie enthüllt: Mutig lernt schneller.

Affen gehören zusammen mit einigen Vögeln zu den schlauesten und lernfähigsten Gruppen in Tierreich. Ihre kognitiven Fähigkeiten ermöglichen es ihnen zum Teil, Verhaltensweisen und Fertigkeiten zu entwickeln, die lange als Domäne des Menschen galten. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede in der Lernfähigkeit, sowohl zwischen verschiedenen Arten wie auch zwischen den Individuen einer Spezies. Doch während solche innerartlichen Unterschiede in Lern- und Aufmerksamkeitsfähigkeit beim Menschen gut untersucht sind, sind die Ursachen dafür bei nicht-menschlichen Spezies bisher erst in Teilen geklärt.

Mutige Äffchen, schüchterne Äffchen

Eine mögliche Erklärung haben nun Vedrana Šlipogor von der Universität Wien und ihre Kollegen näher untersucht. „Einer der möglichen Gründe sind die artinternen Unterschiede im Verhalten, die sowohl von physischen als auch sozialen Umweltfaktoren beeinflusst werden“, schreiben die Forschenden. Demnach könnte die Persönlichkeit eines Tieres beeinflussen, wie gut es beispielsweise neue Dinge lernen kann. Lange Zeit wurde zwar angenommen, dass nur Menschen eine Persönlichkeit haben. In den vergangenen Jahrzehnten haben Wissenschaftler allerdings nachgewiesen, dass auch Tiere – von der Spinne bis zum Affen – individuelle Persönlichkeitsmerkmale besitzen können. Sie äußern sich unter anderem darin, wie ängstlich, mutig oder Neuem aufgeschlossen ein Individuum ist.

Um diese Hypothese zu testen, beschäftigte sich das Forschungsteam mit Weißbüschelaffen (Callithrix jacchus), einer Spezies von Neuweltaffen, die in sozialen Gruppenverbänden zusammenleben und dem Menschen in ihren kooperativen und sozialen Merkmalen in einiger Hinsicht ähneln. Typischerweise besteht eine Familiengruppe dieser Affen aus einem fortpflanzungsfähigen Paar und ihrem schon erwachsenen Nachwuchs. Für ihr Experiment beobachteten Šlipogor und ihre Kollegen zunächst 25 Weißbüschelaffen aus fünf verschiedenen Familien, die in der Affenanlage der Universität Wien leben, um Hinweise auf ihre Persönlichkeit zu erhalten. Dafür zeichneten sie unter anderem auf, wie die einzelnen Tiere auf neue oder seltsame Gegenstände und neues Futter reagieren oder wie lange es dauert, bis sie sich einer Spielzeugschlange nähern.

Mutig lernt schneller

Diese Beobachtungen enthüllten tatsächlich Persönlichkeitsunterschiede zwischen den Affen: Einige der Äffchen waren entdeckungsfreudig und mutig, während andere neue Reize eher vermieden und sich fernhielten. Nachdem die Forschenden den Charakter der Affen besser einschätzen konnten, überprüften sie deren Lernleistung mithilfe von Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. So mussten die Tiere beispielsweise den Unterschied zwischen zwei Objekten lernen und eines davon mit einer nachfolgenden Belohnung assoziieren oder für längere Zeit auf einer Waage stehen bleiben und einen Gegenstand festhalten, was ebenfalls mit Futter belohnt wurde.

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Diese Ergebnisse dieser Lernexperimente deuten darauf hin, dass die Lernfähigkeit tatsächlich mit der Persönlichkeit und dem sozialen Hintergrund der Affen zusammenhängt. So lernten beispielsweise die Weibchen deutlich schneller als männlichen Weißbüschelaffen. Vor allem aber fiel auf, dass mutige und unerschrockene Affen die unterschiedlichen Lernaufgaben deutlich schneller meisterten als die Tiere, denen die Forschenden Schüchternheit und Zurückhaltung zuschrieben. Diese Unterschiede hingen auch mit der Familienzusammengehörigkeit zusammen. So schnitten diejenigen Affenfamilien bei den Aufgaben durchschnittlich schlechter ab, die sich aus eher schüchternen Mitgliedern zusammensetzten, wie die Forschenden berichten.

Zusammenspiel von Persönlichkeit und Kognition

„Allem Anschein nach bedingen sowohl die Persönlichkeitsmerkmale als auch das soziale Umfeld die individuellen kognitiven Fähigkeiten der Weißbüscheläffchen“, sagt Šlipogor. Dass die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Familienverband das Lerntempo beeinflusst, könnte möglicherweise auf das gemeinsame soziale Umfeld, gemeinsame frühere Erfahrungen, aber auch auf die Genetik zurückzuführen sein. Auch im Hinblick auf evolutionäre Prozesse ist der entdeckte Zusammenhang laut den Biologen plausibel. Denn mutige und entdeckungsfreudige Tiere erobern häufiger neue Lebensräume, wo sie neuen Herausforderungen trotzen müssen. Weil dabei Tiere mit höheren kognitiven Fähigkeiten eher überleben, begünstigt die natürliche Selektion damit sowohl mutige wie schlaue Individuen.

„In unseren nächsten Studien wollen wir herausfinden, ob sich diese Ergebnisse auch durch andere Aufgaben bestätigen lassen, die vielleicht ein wenig kognitiv herausfordernder sind, und ob dieser Effekt auch bei anderen hochsozialen Tieren mit ähnlichen sozio-ökologischen Eigenschaften auftritt“, sagt Šlipogor.

Quelle: Universität Wien; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-022-10296-8

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