Anzeige
Anzeige

Das faszinierende Nichts

Namib-Dünenmeer wird UNESCO-Welterbe

Namib-©-laurenthuet---Fotolia.com250.jpg
Namib-©-laurenthuet---Fotolia.com250.jpg
Das Namib-Dünenmeer (Namib Sand Sea) im Südwesten Afrikas ist nun offiziell als Welterbe anerkannt. Das entschied die UNESCO auf ihrer Sitzung am 21. Juni 2013. Unser Redakteur hat den größten Strand der Welt von einiger Zeit besucht – und eine der ältesten Wüsten des Planeten bereist mit unglaublichen Formen, Farben und Sand, jeder Menge Sand. Von Peter Laufmann

Viele Schweißtropfen später stehe ich oben, eine Familie mit zwei kleinen Kindern spaziert beschwingt die Düne hoch, den langen Weg über den Kamm aus festem Sand hinauf, der langsam vom Grund der Düne ansteigt. Sie grüßen, und ich schnaufe. Aber sei’s drum. Oben ist oben, und die Belohnung ist für alle gleich: ein Blick über ein Meer aus Sand. Bis zum Horizont ziehen sich immer neue Reihen von Dünen. Big Daddy ist eine der bekanntesten, genau wie Big Mama, Düne 45 und Düne 7. Sie sind sogenannte Sterndünen, weil wechselnde Winde den Sand von allen Seiten bearbeiten.

Die Dünen hier in der Gegend des Sossusvlei gelten als die höchsten auf unserem Planeten. Sie sind Teil der Namib, jener Wüste, die Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Süd-West, den Namen gegeben hat. „Namib“ bedeutet in der Sprache der Nama „da, wo nichts ist“. 2000 Kilometer zieht sich die Wüste an der Küste hoch, bis zu 160 Kilometer ist sie breit. Insgesamt bedeckt sie mehr als 95  000 Quadratkilometer – etwas weniger als ein Drittel der Landesfläche Deutschlands.

Sie ist alles andere als eintönig und mitnichten ist dort „nichts“. Wie vielgestaltig die Namib ist, erschließt sich am besten aus der Luft: Sand wechselt sich mit Flächen von Geröll, mit Gebirgen, mit ausgetrockneten Pfannen ab. Mal steht ein Baum  dazwischen, mal liegt dort ein Trockenfluss. Wer genau hinschaut, kann Elefanten und Oryx-Antilopen erkennen oder die mysteriösen Feenkreise, die es nur hier gibt.

Auffallend ist, dass sich die Dünenfarbe verändert; der Sand wird umso röter, je weiter man ins Landesinnere dringt. Das ist ein Zeichen des Alters, je älter die abgelagerten Sande, desto höher ist ihr Anteil an Eisenoxid, das ihnen das Rot verpasst.

Anzeige

Sossusvlei-©-heinuun---Fotolia250.jpgZu Namibia gehört die Wüste wie das Oktoberfest zu München. Hier regiert die Trockenheit schon seit Millionen von Jahren. Die heutige Küstenwüste liegt über einer viel älteren Binnenwüste und entstand vor rund fünf Millionen Jahren, als die Antarktis das erste Mal vereiste. Damals formierte sich die kalte Meeresströmung, die das südliche Afrika prägt. Das kalte Atlantikwasser sorgt dafür, dass das Wasser in der Luft über dem Meer kondensiert und sich kaum einmal eine Regenwolke ins Landesinnere verirrt. Aber es gibt Nebel an der Küste, der für viele Tiere und Pflanzen die einzige Wasserquelle ist.

Die vielen Millionen Jahre haben eine ganze Reihe von Spezialisten geschaffen, die sich in der Wüste zu Hause fühlen. Wie zum Beispiel die Nebeltrinker, kleine Käfer, die sich auf die Dünen stellen, das Hinterteil nach oben. An ihm kondensiert der Nebel, und das Wasser läuft ihnen direkt in die Mundwerkzeuge.

Der Mensch ist von dieser Art der Anpassung noch weit entfernt. Zwar lebten immer schon Völker wie die San am Rande der Wüste. Doch für die deutschen Siedler im 19. Jahrhundert war die Einöde in erster Linie ein lebensgefährliches Hindernis. Alles musste von den wenigen Häfen wie Swakopmund oder Lüderitz bis ins Landesinnere transportiert werden. In der Regel geschah das in wochenlangen Trecks mit Ochsengespannen. Zehn bis 20 Ochsen wurden damals vor die schweren Wagen gespannt und krochen rund 20 Kilometer pro Tag durch Sand und Geröll.

Heute haben wir die Einzigartigkeit des Naturraums erkannt – und seine Verletzlichkeit. Denn die Wüste vergisst nichts. Man sieht noch die Spuren der Ochsengespanne, findet Überbleibsel der Siedler und Ureinwohner wie Ketten aus Straußeneierschalen, niederländisches Porzellan oder sogar alte Gräber. Und leider auch moderne Nachlässe. Erst im vergangenen Jahr sind die Dreharbeiten zu dem neuen Mad-Max-Film vielen Namibianern und Naturschützern sauer aufgestoßen. Ohne Rücksicht auf die spärliche und empfindliche Vegetation fuhr die Crew durch Sand-felder und Trockensteppe. Auch wenn dieser Film schon längst vergessen sein wird – seine Spuren prägen die Wüste auf Jahrhunderte.

Immerhin haben die verschiedenen Regierungen des Landes – Namibia ist erst seit 1994 selbstständig – schon seit Jahren einzelne Regionen unter Schutz gestellt. Da gab es ganz im Süden das Sperrgebiet, in dem schon allein deshalb niemand etwas zu suchen hat, weil dort Diamanten zu finden sind; dann den Namib-Naukluft- und den Dorob-Nationalpark und schließlich die Skelettküste ganz im Norden. Im Jahr 2009 wurden sie schließlich zu einem riesigen, mehr als 100  000 Quadratkilometer großen Schutzgebiet zusammengefasst.

Immer noch kann man viel verlieren, wenn man sich auf die Wüste einlässt, zum Beispiel das Leben. Aber sicher ist auch: Die Wüste ist ein guter Lehrmeister: Sie zeigt uns, wie klein wir sind.

 

Mehr zur Namib und der Wahl zum Welterbe auf der Seite der UNESCO

Anmerkung
Den Text haben wir aus aktuellem Anlass online gestellt. Er erschien in der Juni-Ausgabe 2013 von natur zusammen mit Fotos von Thomas Dressler.

Foto oben: Sossusvlei © heinuun – Fotolia.com
Foto unten: Namib © laurenthuet Fotolia.com


© natur.de – Peter Laufmann
Anzeige

natur | Aktuelles Heft

Reizvolle Regionen

Aktueller Buchtipp

natur-Sonderausgabe 2020

Das Insekt und sein Mensch
Von unseren Beziehungen zu den Krabbeltieren

Anzeige

Grünstoff – der Medientipp des Monats

Serie: Hervorragend – Junge Menschen und ihr Engagement

Wissenschaftslexikon

Op|pres|si|on  〈f. 20〉 1 〈geh.〉 Unterdrückung 2 〈Med.〉 Beklemmung ... mehr

rot|ge|färbt  auch:  rot ge|färbt  〈Adj.〉 mit Rot eingefärbt ... mehr

Kunst|lieb|ha|ber  〈m. 3〉 jmd., der großes Interesse an Kunst besitzt u. Gemälde, Kunstgegenstände o. Ä. sammelt

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige